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Objekt des Monats Oktober 2020

Drehschlüssel mit Bartolomeo Colleoni in der Reide

Inv. Nr. 6248, Maße: 13,8 cm

Material: Eisen geschmiedet und geschnitten. 16./17. Jahrhundert, vermutlich Italien.

Der massive Hohldornschlüssel mit stark benutztem Bart ist einer der besonders auffälligen Schlüssel in der Sammlung der Familie Schell. Der Griff zeigt en miniature das berühmte bronzene Reiterstandbild des Condottieri Bartolomeo Colleoni.

Der Schlüssel hat zwei sternförmige Einschnitte im Bart und eine durch Benutzung zweifach eingekerbte Rippe. Das Gesenk ist tordiert und trägt nach einem mit Perlschnur verziertem Ring eine Art ionisches Kapitell, auf dem der Reiter samt Pferd thront. Während der Schlüssel aus Eisen geschmiedet ist, zeigt sich die kleine Plastik auf der Reide in Eisen geschnitten. Dazu muss das Eisen nach dem ungefähren Schmieden der Form, kalt bearbeitet werden. Durch Feilen und Sticheln wird die Figur herausgeschnitten. Diese mehr als aufwändige Arbeit des Eisenschnittes kommt vermehrt ab dem 16. Jahrhundert vor. Neben Stichel und Feile kommen auch Punzen und Bohrer bei der Ausgestaltung zum Einsatz.

 

 

Wer war Bartolomeo Colleoni?

Geboren um 1400 im Ort Solza bei Bergamo entstammte Colleoni einem Adelsgeschlecht aus Bergamo. Schon in jungen Jahren war er im Kriegseinsatz, zuerst in Süditalien, später dann in Norditalien, wo er unter anderem im Dienst von Gattamelata[1] stand (sein Reiterstandbild, geschaffen von Donatello steht in Padua) und später im Dienst der Stadt Venedig. Nach dem Tod von Gattamelata im Jahr 1443 kam Colleoni in den Sold von Niccolò Piccinino, wurde in der Festung Monza eingekerkert und nach dem Tod des Herzogs von Mantua wieder freigelassen. Schlusssendlich kam er nach Venedig zurück, wurde zum Generalleutnant ernannt und kämpfte ab dem Jahr 1448  für die Stadt. Bartolomeo Colleoni starb am 4. November 1474 auf der Burg Malpaga in Cavernago bei Bergamo. Als Entgelt für seine reichen Stiftungen an die Stadt (er hinterließ der Stadt 100.000 Golddukaten), verlangte Colleoni von der Republik Venedig in seinem Testament, ein erzenes Reiterdenkmal. Errichtet sollte sein Denkmal vor dem Markusdom werden.

Dieser Forderung im Testament des verstorbenen Condottiere konnte und wollte die Serenissima nicht erfüllen und nach vielen Diskussionen kam es zum Vorschlag, das Denkmal vor der Scuola di San Marco zu errichten, und nicht vor dem Markusdom. Damit war dem Testament Genüge getan und die Ausführungen wurden begonnen. Der Künstler Andrea Verrocchio, ein Lehrer Leonardo da Vincis, lieferte 1481 das Modell für das Pferd, später dann auch jenes für den Reiter. 1488 kaufte die Stadt Venedig im Wert von 300 Dukaten das Metall für den Guss[2], Verrocchio verstarb allerdings im gleichen Jahr und 1490 wurde der Auftrag für den Guss an Alessandro Leopardi übertragen. Dieser schien sich eng an den Entwurf für das Pferd zu halten, bis auf die Länge des Schwanzes, das er im Original verlängert hat. Mehr Eingriffe machte Leopardi beim Feldherrn selber.

1496 goss Leopardi das Denkmal in Bronze, anschließend wurde es vergoldet. Reste der Vergoldung wurden bei der Untersuchung im Jahr 2005 noch gefunden. Dieses Hauptwerk der italienischen Renaissance-Skulptur ist neben Donatellos Reiterdenkmal für Gattamelata in Padua, das einzig erhaltene Reiterstandbild des Quattrocento und wurde im Jahr 1496 enthüllt.

Ein hoher Marmorsockel, umstellt von sechs Säulen, bildet das Postament, auf dem das Pferd steht. Die Bewegung von Ross und Reiter vermitteln „drängende Kraft“[3]. Die Hinterbeine des Pferdes drängen nach vorne. Leib, Hals und Kopf halten zurück, der Reiter steht (!) und sitzt nicht auf dem Pferd und hält den Kopf nach rechts. Dieser Bewegungsimpuls ergibt Dynamik und Innehalten zugleich.

Auffällig ist der sehr strenge und ernste Blick des Reiters. Realistisch gesteigerte Züge „bis zur Häßlichkeit“[4] sind dem venezianischen Geschmack von Leopardi zuzuschreiben und dürften im, leider nicht erhaltenen Entwurf von Verrocchio, nicht vorgekommen sein. Ebenfalls auffällig der Detailreichtum im Zaumzeug und der Rüstung des Colleoni sowie bei den Locken in der Mähne des Pferdes.

 

 

Welche Unterschiede zeigt der Schlüssel zum Denkmal?

Bestimmt aus statischen Gründen, ist der linke Vorderfuß des Tieres beim Schlüssel nicht ganz so hoch angehoben wie beim Original. Das Zaumzeug, der Kopfschmuck des Pferdes und die Rüstung zeigen nicht dieselbe Detailverliebtheit wie in Venedig und haben den Grund in der Reduktion der Größe des Standbildes. Ansonsten ist das Denkmal sofort, auch in der Miniaturausgabe, als jenes des Colleoni zu erkennen und gibt der Spekulation freien Lauf, warum ein so aufwändiges Denkmal als Griff eines Schlüssels geschnitten wurde.

Was sperrte dieser Schlüssel?

Der gebördelte Hohldornschlüssel zeigt, wie bereits erwähnt, deutliche Nutzungsspuren im Bart. Das lässt darauf schließen, dass mit ihm ein schweres Riegelwerk bewegt wurde. Massive Riegelwerke kommen in dieser Zeit nicht auf Türen vor, sondern vor allem bei Truhen. Viele der eisernen Truhen des 16./17. Jahrhunderts, bestechen im Verschluss mit bis zu 26 Riegeln im Deckelschloss, die durch eine Vierteldrehung des Schlüssels gemeinsam bewegt werden. Eiserne Truhen waren von Innen durch Löcher am Boden auf dem Untergrund befestigt und dienten der sicheren Verwahrung von Wertgegenständen aber auch dem Brandschutz. Es wäre interessant, ob auch auf der Truhe, die dieser Schlüssel gesperrt hat, Details oder Symbole des Heerführers zu finden gewesen waren.

Bart mit Abnutzung und Schaft mit Lötstelle

Das Standbild in Venedig im Lauf der Jahrhunderte

Der Entwurf geht auf Andrea del Veroccio (1435-1488) zurück, der ein Goldschmied mit Freude an der Ziselierkunst war. Diese Detailverliebtheit lässt sich, wie bereits erwähnt, am gesamten Denkmal des Colleoni erkennen. 1478 bis 1488 schuf Veroccio das Modell, das 1481 als Wachsmodell in Venedig ausgestellt wurde. In seinem Testament bestimmte er, dass sein Schüler Lorenzo di Credi das Werk vollenden sollte. Die Stadt Venedig als Auftraggeber ermächtigt aber Allesandro Leopardi, die Reiterfigur zu vollenden und zu gießen. 1496 schließlich wird das Denkmal samt hohem Sockel vor der Scuola di San Marco aufgestellt, auf dem Platz vor der Kirche San Giovanni e Paolo. Das Denkmal kann von allen Seiten aus betrachtet werden, durch die Höhe des Sockels allerdings, der architektonisch an die Unterteilungen in der Fassade der Scuola di San Marco im Hintergrund angepasst wurde, kann man dem Feldherrn schlecht in die Augen sehen.

Während des Ersten Weltkrieges wurde das Denkmal mit hölzernen Planken umbaut und mit Sandsäcken gesichert. Im Zweiten Weltkrieg verfrachtete man Pferd und Reiter in den Keller des Dogenpalastes. Von beiden Ereignissen gibt es Bilder.

Fotografie um 1918
Fotografie von 1945

Das 4 Meter hohe und ungefähr 4 Tonnen schwere Denkmal wurde das letzte Mal 2005 restauriert und röntgentechnisch untersucht.[5] Hier wurde auch die Vergoldung der Bronze bestätigt.

Vorbilder und Nachahmungen

Zum originalen Denkmal in Venedig gibt es als direkten Vorläufer, Donatellos Werk des Condottieris Gattamelata und natürlich das aus der Antike erhaltene Reiterstandbild des Kaisers Marc Aurel auf dem Kapitol in Rom. Als Nachfolger der kolossalen Reiter wären zu nennen: Das Reiterstandbild von Giambologna von Cosimo I. in Florenz (1581-94) und das Denkmal des Großen Kürfürsten[6] von Andreas Schlüter (1703 errichtet), dessen gusseiserne Nachbildung in der Schell Collection vorhanden ist. Über dieses Denkmal gibt es auch einen Aufsatz als „Objekt des Monats“, im Februar 2019, nachzulesen auf der Homepage der Schell Collection.[7]

Bei den Schlüsseln, die ebenfalls vollplastische Ritter zu Pferd zeigen, fällt in der Sammlung Schell, besonders die Inv. Nr. 7036 auf. Hier ist ein unbekannter Ritter in Rüstung mit gezogenem Schwert auf einem vollplastisch geschnittenen Pferd zu sehen. Das Pferd hat beide Vorderfüße in der Luft und setzt zum Sprung an. Die beiden Hinterläufe drücken sich am Boden ab. Zur Statik ist unter der Brust des Pferdes eine Art Erdwall befestigt. Der Schlüssel ist ein Drehschüssel mit Volldorn, das Gesenk ist kugelig kanneliert und hält auf dem mit Eierstabfries dekorierten Sockel den Reiter samt Pferd. Dieser Schlüssel ist ins 18./19. Jahrhundert zu datieren.

 

Text: Mag. Martina Pall

 

[1] Erasmo da Narni, genannt Gattamelata (gefleckte Katze) war ein gefürchteter Söldnerführer und lebte von 1370-1443. Donatello verewigte den Feldherren 1447 als erstes monumentales Reiterstandbild, das nach der Antike entstand. Es steht in Padua.

[2] https://artinwords.de/andrea-del-verrocchio/, abgerufen 3.9.2020

[3] Hubala Erich, Venedig. Baudenkmäler. Reclams Kunstführer Italien, Band II,1, Stuttgart 1974, Seite 204.

[4] Siehe Anmerkung 3, Seite 204.

[5] Cesareo, R. & Castellano, Alfredo & Buccolieri, Giovanni & Quarta, Stefano & Marabelli, M. & Santopadre, Paola & Ioele, M. & Gigante, Giovanni & Ridolfi, Stefano. (2005). From Giotto to De Chirico: analysis of paintings with portable EDXRF equipment. Cultural Heritage Conservation and Environmental Impact Assessment by Non-Destructive Testing and Micro-Analysis. Journal of Neutron Research, Vol. 1, 1. März 2006, Seite 17-27.

[6] Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg und Herzog von Preußen, 1620-1688.

[7] https://www.schell-collection.com/objekt-des-monats/objekt-des-monats-februar-2019-2/