Der hier gezeigte Deckelkasten veranschaulicht besonders schön die deutsche Handwerkskunst im 16. Jahrhundert und ist das Objekt des Monats August. Die Deckelschatulle (Abb. 1) wurde aus Nussbaumholz gefertigt und ist mit Intarsien geschmückt. Diese sind aus Hirschhorn und Bein gefertigt und graviert. Auch die Beschläge sind graviert, aus Bronze und feuervergoldet.
Die prächtige Deckelschatulle ist, wie bereits erwähnt, vielfach mit Horn- und Beinintarsien ausgestaltet. Diese überziehen nicht nur die Innenseite des Deckels, sondern die gesamte Fläche der Schatulle. Horror vacui kann hier als Referenz genannt werden. Die Einlegearbeiten zeigen Blüten und Pflanzendekor bzw. Ranken. In diesem spielen sich Jagdszenen ab. Löwen, Hasen, Füchse und Hirsche finden sich dort wieder. Diese werden von Jägern oder Hunden gehetzt, zu Pferde oder zu Fuß. Weiters entdeckt man mittig im Deckel einen Triumphzug (Abb. 2). Ein Herrscher wird mit Zepter auf einem Wagen abgebildet. Auch Einhörner oder einheimische Vögel lassen sich auf der Darstellung entdecken (Abb. 3). Interessant ist hier zu beobachten, dass es sich bei der Einhornjagd in diesem Kontext um ein eher selteneres Motiv handelt.[1]
Das Einhorn als Symbol ist fast gänzlich über den Globus verbreitet. Je nach Kultur unterscheiden sich jedoch die verschiedenen Bedeutungen. Im europäischen Raum wird es meist christlich gedeutet und kann als wildes Tier gesehen werden, welches sich in den Schoß einer Jungfrau legt und somit in weiterer Folge zum Mariensymbol wird.[2] Zusätzlich zur Freizeitbeschäftigung hatte das Jagen eines wilden Tieres eine große symbolische Bedeutung. Gerade im Mittelalter galt die Jagd des Einhorns als Suche nach dem Guten. Es konnte aber auch als Verfolgung des Guten von dem Bösen gesehen werden. [3]
Im Folgenden soll nun kurz auf den am Beginn erwähnten Begriff des horror vacui eingegangen werden. Der Begriff kommt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich übersetzt Scheu vor der Leere. Diese Theorie geht auf Aristoteles zurück. Sie handelt davon, dass die Natur keinen leeren Raum kennt. Jeder leere Raum muss demnach vollständig ausgefüllt sein. Im Kontext der bildenden Kunst und des Kunsthandwerkes bedeutet dieser Begriff, dass keine leeren Stellen vorkommen sollen. Somit wird der ganze zur Verfügung stehende Raum mit Ornamenten oder Figuren dicht ausgefüllt.[4]
Im Inneren ist das Objekt in separate Fächer unterteilt. Eines dieser Fächer ist höher gestaltet. Somit können drei verschieden große Holzbüchsen aufgenommen werden (Abb. 4). Die Holzbüchsen, welche sich im Inneren des Deckelkastens finden, sind ebenfalls intarsiert. Munition wurde in den höheren Fächern aufbewahrt (Abb. 5). Diese bestehen aus Schiebefächern mit kleinen Mulden. Die Munition konnte allerdings erst herausgenommen werden, wenn ein Schieber, welcher sich seitlich der Büchse befindet, entfernt wurde. Hierbei kann aufgrund der Dekoration mit Jagdmotiven auf die Funktion geschlossen werden. Die Aufbewahrung von Munition steht im Vordergrund. Somit wurde die Deckelschatulle sehr wahrscheinlich als Jagdkasten genutzt und vermutlich wurden auch Armbrustbolzen darin aufbewahrt.[5]
In Bezug auf die Fertigung stammt der Deckelkasten sehr wahrscheinlich aus der Werkstatt eines Büchsenmachers. Hier kann stilistisch eine Nähe zu der Herstellung von Waffen gezogen werden. Vor allem jene, die in den 1560er und 1570er Jahren rund um Nürnberg und im süddeutschen Raum gefertigt worden sind. Die Verbindung zwischen Büchsenmachern, Waffenherstellern und das Anfertigen von Munitions- und Bolzenkästen lassen sich an einem praktischen Beispiel erkennen: Bei diesem Objekt aus dem Bayerischen Nationalmuseum (Abb. 6 & 7) handelt sich hier um den Bolzenkasten, den der Büchsenschäfter Wagner 1525 fertigte und welcher mit Elfenbeinintarsien versehen ist. Dieser wurde für Herzog Wilhelm IV. von Bayern geschaffen (Abb. 6). Es finden sich einige verschiedene Varianten wieder (Abb. 7). Zum Ende des 16. Jahrhunderts hatten sich die Nürnberger Tischler auch die Formensprache der Büchsenschäfter angeeignet und setzten diese bei der Fertigung von Möbelstücken ein. Es zeigt sich jedoch, dass diese keinen weiteren Bezug zur Jagd hatten außer bei der Wahl der Motive für die Dekoration.[6]
Unter Intarsien-Arbeit versteht man wörtlich übersetzt eine eingelegte Arbeit. Flächen werden durch das Einlegen von Mustern verziert. Jedoch geschieht dies so, dass sich die Verzierungen auf einer Ebene mit der Grundfläche befinden. Meist wurden Ornamente oder Figuren eingefügt (Abb. 8). Das Material umfasste von verschiedenen Hölzern bis zu den Materialien Elfenbein, Bein oder Schildpatt eine große Palette.[7] Die Nähe zu Italien und die damit verbundenen leichteren Verkehrsbedingungen begünstigten die frühe Ausübung der Intarsia Arbeiten in Nürnberg Anfang 1500. Somit wurde diese Technik in Süddeutschland früher und häufiger praktiziert. Die Arbeiten waren weitbekannt, galten als Kunststücke und wurden sehr gut entlohnt (Abb. 9).[8]
Ein vergleichbares Exponat und der Kupferstich als Vorlage
Es finden sich auch weitere Objekte, die jenem eben beschriebenen ähneln (Abb. 11). Hier kann ein Prunk-Radschlossgewehr als Beispiel erwähnt werden, welches aus Bein ist und sich in der Sammlung des Tiroler Landesmuseum befindet. Die Stadtmarke N lässt sich darauf entdecken und daraus kann geschlossen werden, dass es ebenfalls in Nürnberg entstanden ist. Die gewählten Darstellungen gehen auf den Kupferstecher Virgil Solis zurück (Abb. 10). Der Nürnberger Stecher fertigte um die 1550er allerhand Vorlagen mit Ornamenten für das Kunsthandwerk. Weiters können hier auch die Darstellungen mit der Hasen-, Löwen-, Bären- und Einhornjagd genannt werden, welche nach gestochenen Vorlagen entstanden sind. Ebenfalls lassen sich die Vögel auf den kleinen Büchsen aufgrund der beschrifteten Stiche genau identifizieren. Es kann unter anderem ein „Geyeradler“, „ein indianisches Haushuhn“, sowie einen Schwan und ein Storch entdeckt werden.[9] Der Schwan kann als Symbol für Licht und Reinheit gesehen werden. Der Zugvogel Storch wird gerne mit der Auferstehung verbunden und steht sinnbildlich dafür.[10]
Zwischen Repräsentation und Kunst: Die Jagd im Kontext des höfischen Adels
Die Jagd wurde als Repräsentationsmittel am Hofe genutzt (Abb. 12). Dieser Aspekt wird durch die prächtig ausgestaltete Deckelschatulle sehr gut veranschaulicht. Vor allem die fantastischen Jagd- und Tierszenen heben dies zusätzlich hervor.[11] Die Jagd war dem Adel alleine vorbehalten. Die Pflicht der Bauern war es, die Hetzhunde, welche für die Jagd notwendig waren, aufzuziehen. Auch das Versorgen der Hunde fiel in den Aufgabenbereich der Bauern. Zudem waren die Bauern bei Hetz- und Treibjagden für die Verpflegung der Jagdgesellschaft zuständig. Dies galt vor allem bei Hetz- und Treibjagden (Abb. 13). Die Bauern wehrten sich gegen diese Regelungen, jedoch blieb die Jagd ein wesentliches Ausdrucksmedium der Adelskultur und gehörte somit auch zum Bestandteil des adeligen Landlebens. Auch Hoffeste und Pilgerfahrten gehörten dazu. Die Leidenschaft zur Jagd wurde mit Eigenschaften wie Spiel des Krieges, Ernährerin der Gesundheit oder Gemütserquickung verschönert und legitimiert. Ferner wurde die Jagd als Kunst angesehen. Dadurch wollte man sich auch mit seinen kunstvoll verzierten Waffen individuell abheben. Das Zubehör, wie Bolzenkasten, wurde ebenso prächtig verziert und mit Hirschhorn, Perlmutt oder Elfenbein geschmückt. Der Zweck dieser überbordeten Verzierungen war vermutlich kein praktisch veranlagter. So wurden diese Aufbewahrungsobjekte natürlich nicht mit auf die Jagd genommen. Der Inhalt hätte nämlich des Öfteren entnommen werden müssen und diese Gebrauchsspuren wären heute noch deutlich sichtbar. Die Kästchen dienten vermutlich als Repräsentationsobjekte. Meist wurden diese Schatullen neben prächtigen Waffen präsentiert. Dadurch wurde die Kunstsinnigkeit eines Herrschers enorm erhöht.[12]
Ein weiteres sehr ähnliches Exponat zu dem Ausgangsobjekt findet sich in London im Victoria & Albert Museum (Abb. 14). Das Objekt wird auf 1566 datiert und ist vermutlich aus Walnuss- oder Birnbaumholz. Es handelt sich hier um ein Kästchen und stammt aus dem österreichischen oder deutschen Raum, möglicherweise aus Innsbruck. Der Deckelkasten weist einige Änderungen und Reparaturen auf, welche sich über die Zeit ergeben haben. Er trägt die Initialen WE. Hierbei könnte es sich um jene Person handeln, welche die Box hergestellt hat. Diese Zuschreibung ist jedoch nicht eindeutig geklärt. Die Initialen sowie die Datierung wurden verdunkelt, etwa mit Tinte. Die Basis und das Innere der Schatulle sind aus Walnussholz. Die Vorderseite, die Seitenteile sowie das Rückteil und die Deckelklappe sind aus Birnbaum- oder Tropenholz. Der Deckel besteht aus 3 oder 4 schmalen Leisten. Ferner ist die Schatulle verzinkt und die Bodenplatte gespalten. Zudem haben sich die Vorder- und die Rückseite verzogen. Ebenfalls wurden einige Reparaturen und Änderungen vorgenommen. Die Randleisten bestehen aus Bein und im Inneren befinden sich Trennwände.[13] Ergänzend dazu trägt die Schatulle folgende Abmessungen: die geschlossene Höhe beträgt 10,2 cm. Inklusive der Metallschlüssel an der Seite ergibt die Breite 32,5 cm. Die Tiefe liegt bei 19,5 cm. [14]
Die Vorderseite der Schatulle zeigt eine Kampfszene. Diese könnte möglicherweise die mythologische Figur Herkules darstellen. Die Gestalt befindet sich mittig im Bild und trägt eine Keule mit sich. Aus diesem Grund kann auf den Halbgott Herkules aus der Sagenwelt geschlossen werden. Wahrscheinlich wird hier der Kampf gegen die Hydra dargestellt. Weiters wird eine Kampfszene zwischen zwei männlichen Gestalten gezeigt, dabei wird eine weibliche Erscheinung von einem Reiter fortgetragen. Die Rückseite veranschaulicht eine weitere mythologische Figur: Orpheus. Dieser spielt mit einem Musikinstrument für die Tierwelt (Abb. 15). Die Darstellung findet sich in einer Kartusche wieder. Weiters ist auf der rechten Seite eine zusätzliche Kampfszene zwischen zwei Reitern zu sehen. Die Szene zeigt einen notdürftig bekleideten Mann auf der linken Seite. Dort findet sich auch eine nackte Frau wieder, welche sich hinter der Figur befindet und gegen einen Mann in römischer Rüstung auf der rechten Seite, kämpft. Beide Gestalten sind bewaffnet. Zudem befinden sich dort auch vier weitere Erscheinungen, zwei davon sind gefallen, zwei noch stehend. Auf der Innenseite des Deckels sind Ornamente und Rankenmotive zu sehen (Abb. 16). Die Außenseite wiederum zeigt ein Wappen (Abb. 17). Hierbei könnte es sich um das Wappen von Erzherzog Ferdinand von Tirol handeln.[15] Weiters wäre auch möglich, dass es sich um das Wappen von Karl II. von Innerösterreich handelt.[16]
Objekt des Monats September 2026
Deckelschatulle mit Jagdszenen
Zwischen Kunst und Jagd
Das Objekt
Inventarnummer: 7624
Standort: 1 Stock, Vitrine Nr. 34
Maße: 11 x 18 x 13 cm
Datierung: um 1570
Herkunft: Süddeutscher Raum, vermutlich Nürnberg
Der hier gezeigte Deckelkasten veranschaulicht besonders schön die deutsche Handwerkskunst im 16. Jahrhundert und ist das Objekt des Monats August. Die Deckelschatulle (Abb. 1) wurde aus Nussbaumholz gefertigt und ist mit Intarsien geschmückt. Diese sind aus Hirschhorn und Bein gefertigt und graviert. Auch die Beschläge sind graviert, aus Bronze und feuervergoldet.
Die prächtige Deckelschatulle ist, wie bereits erwähnt, vielfach mit Horn- und Beinintarsien ausgestaltet. Diese überziehen nicht nur die Innenseite des Deckels, sondern die gesamte Fläche der Schatulle. Horror vacui kann hier als Referenz genannt werden. Die Einlegearbeiten zeigen Blüten und Pflanzendekor bzw. Ranken. In diesem spielen sich Jagdszenen ab. Löwen, Hasen, Füchse und Hirsche finden sich dort wieder. Diese werden von Jägern oder Hunden gehetzt, zu Pferde oder zu Fuß. Weiters entdeckt man mittig im Deckel einen Triumphzug (Abb. 2). Ein Herrscher wird mit Zepter auf einem Wagen abgebildet. Auch Einhörner oder einheimische Vögel lassen sich auf der Darstellung entdecken (Abb. 3). Interessant ist hier zu beobachten, dass es sich bei der Einhornjagd in diesem Kontext um ein eher selteneres Motiv handelt.[1]
Räume der Fülle: Von Einhörnern und horror vacui
Das Einhorn als Symbol ist fast gänzlich über den Globus verbreitet. Je nach Kultur unterscheiden sich jedoch die verschiedenen Bedeutungen. Im europäischen Raum wird es meist christlich gedeutet und kann als wildes Tier gesehen werden, welches sich in den Schoß einer Jungfrau legt und somit in weiterer Folge zum Mariensymbol wird.[2] Zusätzlich zur Freizeitbeschäftigung hatte das Jagen eines wilden Tieres eine große symbolische Bedeutung. Gerade im Mittelalter galt die Jagd des Einhorns als Suche nach dem Guten. Es konnte aber auch als Verfolgung des Guten von dem Bösen gesehen werden. [3]
Im Folgenden soll nun kurz auf den am Beginn erwähnten Begriff des horror vacui eingegangen werden. Der Begriff kommt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich übersetzt Scheu vor der Leere. Diese Theorie geht auf Aristoteles zurück. Sie handelt davon, dass die Natur keinen leeren Raum kennt. Jeder leere Raum muss demnach vollständig ausgefüllt sein. Im Kontext der bildenden Kunst und des Kunsthandwerkes bedeutet dieser Begriff, dass keine leeren Stellen vorkommen sollen. Somit wird der ganze zur Verfügung stehende Raum mit Ornamenten oder Figuren dicht ausgefüllt.[4]
Im Inneren ist das Objekt in separate Fächer unterteilt. Eines dieser Fächer ist höher gestaltet. Somit können drei verschieden große Holzbüchsen aufgenommen werden (Abb. 4). Die Holzbüchsen, welche sich im Inneren des Deckelkastens finden, sind ebenfalls intarsiert. Munition wurde in den höheren Fächern aufbewahrt (Abb. 5). Diese bestehen aus Schiebefächern mit kleinen Mulden. Die Munition konnte allerdings erst herausgenommen werden, wenn ein Schieber, welcher sich seitlich der Büchse befindet, entfernt wurde. Hierbei kann aufgrund der Dekoration mit Jagdmotiven auf die Funktion geschlossen werden. Die Aufbewahrung von Munition steht im Vordergrund. Somit wurde die Deckelschatulle sehr wahrscheinlich als Jagdkasten genutzt und vermutlich wurden auch Armbrustbolzen darin aufbewahrt.[5]
Fertigung und Intarsienkunst
In Bezug auf die Fertigung stammt der Deckelkasten sehr wahrscheinlich aus der Werkstatt eines Büchsenmachers. Hier kann stilistisch eine Nähe zu der Herstellung von Waffen gezogen werden. Vor allem jene, die in den 1560er und 1570er Jahren rund um Nürnberg und im süddeutschen Raum gefertigt worden sind. Die Verbindung zwischen Büchsenmachern, Waffenherstellern und das Anfertigen von Munitions- und Bolzenkästen lassen sich an einem praktischen Beispiel erkennen: Bei diesem Objekt aus dem Bayerischen Nationalmuseum (Abb. 6 & 7) handelt sich hier um den Bolzenkasten, den der Büchsenschäfter Wagner 1525 fertigte und welcher mit Elfenbeinintarsien versehen ist. Dieser wurde für Herzog Wilhelm IV. von Bayern geschaffen (Abb. 6). Es finden sich einige verschiedene Varianten wieder (Abb. 7). Zum Ende des 16. Jahrhunderts hatten sich die Nürnberger Tischler auch die Formensprache der Büchsenschäfter angeeignet und setzten diese bei der Fertigung von Möbelstücken ein. Es zeigt sich jedoch, dass diese keinen weiteren Bezug zur Jagd hatten außer bei der Wahl der Motive für die Dekoration.[6]
Unter Intarsien-Arbeit versteht man wörtlich übersetzt eine eingelegte Arbeit. Flächen werden durch das Einlegen von Mustern verziert. Jedoch geschieht dies so, dass sich die Verzierungen auf einer Ebene mit der Grundfläche befinden. Meist wurden Ornamente oder Figuren eingefügt (Abb. 8). Das Material umfasste von verschiedenen Hölzern bis zu den Materialien Elfenbein, Bein oder Schildpatt eine große Palette.[7] Die Nähe zu Italien und die damit verbundenen leichteren Verkehrsbedingungen begünstigten die frühe Ausübung der Intarsia Arbeiten in Nürnberg Anfang 1500. Somit wurde diese Technik in Süddeutschland früher und häufiger praktiziert. Die Arbeiten waren weitbekannt, galten als Kunststücke und wurden sehr gut entlohnt (Abb. 9).[8]
Ein vergleichbares Exponat und der Kupferstich als Vorlage
Es finden sich auch weitere Objekte, die jenem eben beschriebenen ähneln (Abb. 11). Hier kann ein Prunk-Radschlossgewehr als Beispiel erwähnt werden, welches aus Bein ist und sich in der Sammlung des Tiroler Landesmuseum befindet. Die Stadtmarke N lässt sich darauf entdecken und daraus kann geschlossen werden, dass es ebenfalls in Nürnberg entstanden ist. Die gewählten Darstellungen gehen auf den Kupferstecher Virgil Solis zurück (Abb. 10). Der Nürnberger Stecher fertigte um die 1550er allerhand Vorlagen mit Ornamenten für das Kunsthandwerk. Weiters können hier auch die Darstellungen mit der Hasen-, Löwen-, Bären- und Einhornjagd genannt werden, welche nach gestochenen Vorlagen entstanden sind. Ebenfalls lassen sich die Vögel auf den kleinen Büchsen aufgrund der beschrifteten Stiche genau identifizieren. Es kann unter anderem ein „Geyeradler“, „ein indianisches Haushuhn“, sowie einen Schwan und ein Storch entdeckt werden.[9] Der Schwan kann als Symbol für Licht und Reinheit gesehen werden. Der Zugvogel Storch wird gerne mit der Auferstehung verbunden und steht sinnbildlich dafür.[10]
Zwischen Repräsentation und Kunst: Die Jagd im Kontext des höfischen Adels
Die Jagd wurde als Repräsentationsmittel am Hofe genutzt (Abb. 12). Dieser Aspekt wird durch die prächtig ausgestaltete Deckelschatulle sehr gut veranschaulicht. Vor allem die fantastischen Jagd- und Tierszenen heben dies zusätzlich hervor.[11] Die Jagd war dem Adel alleine vorbehalten. Die Pflicht der Bauern war es, die Hetzhunde, welche für die Jagd notwendig waren, aufzuziehen. Auch das Versorgen der Hunde fiel in den Aufgabenbereich der Bauern. Zudem waren die Bauern bei Hetz- und Treibjagden für die Verpflegung der Jagdgesellschaft zuständig. Dies galt vor allem bei Hetz- und Treibjagden (Abb. 13). Die Bauern wehrten sich gegen diese Regelungen, jedoch blieb die Jagd ein wesentliches Ausdrucksmedium der Adelskultur und gehörte somit auch zum Bestandteil des adeligen Landlebens. Auch Hoffeste und Pilgerfahrten gehörten dazu. Die Leidenschaft zur Jagd wurde mit Eigenschaften wie Spiel des Krieges, Ernährerin der Gesundheit oder Gemütserquickung verschönert und legitimiert. Ferner wurde die Jagd als Kunst angesehen. Dadurch wollte man sich auch mit seinen kunstvoll verzierten Waffen individuell abheben. Das Zubehör, wie Bolzenkasten, wurde ebenso prächtig verziert und mit Hirschhorn, Perlmutt oder Elfenbein geschmückt. Der Zweck dieser überbordeten Verzierungen war vermutlich kein praktisch veranlagter. So wurden diese Aufbewahrungsobjekte natürlich nicht mit auf die Jagd genommen. Der Inhalt hätte nämlich des Öfteren entnommen werden müssen und diese Gebrauchsspuren wären heute noch deutlich sichtbar. Die Kästchen dienten vermutlich als Repräsentationsobjekte. Meist wurden diese Schatullen neben prächtigen Waffen präsentiert. Dadurch wurde die Kunstsinnigkeit eines Herrschers enorm erhöht.[12]
Vergleichsobjekt
Ein weiteres sehr ähnliches Exponat zu dem Ausgangsobjekt findet sich in London im Victoria & Albert Museum (Abb. 14). Das Objekt wird auf 1566 datiert und ist vermutlich aus Walnuss- oder Birnbaumholz. Es handelt sich hier um ein Kästchen und stammt aus dem österreichischen oder deutschen Raum, möglicherweise aus Innsbruck. Der Deckelkasten weist einige Änderungen und Reparaturen auf, welche sich über die Zeit ergeben haben. Er trägt die Initialen WE. Hierbei könnte es sich um jene Person handeln, welche die Box hergestellt hat. Diese Zuschreibung ist jedoch nicht eindeutig geklärt. Die Initialen sowie die Datierung wurden verdunkelt, etwa mit Tinte. Die Basis und das Innere der Schatulle sind aus Walnussholz. Die Vorderseite, die Seitenteile sowie das Rückteil und die Deckelklappe sind aus Birnbaum- oder Tropenholz. Der Deckel besteht aus 3 oder 4 schmalen Leisten. Ferner ist die Schatulle verzinkt und die Bodenplatte gespalten. Zudem haben sich die Vorder- und die Rückseite verzogen. Ebenfalls wurden einige Reparaturen und Änderungen vorgenommen. Die Randleisten bestehen aus Bein und im Inneren befinden sich Trennwände.[13] Ergänzend dazu trägt die Schatulle folgende Abmessungen: die geschlossene Höhe beträgt 10,2 cm. Inklusive der Metallschlüssel an der Seite ergibt die Breite 32,5 cm. Die Tiefe liegt bei 19,5 cm. [14]
Die Vorderseite der Schatulle zeigt eine Kampfszene. Diese könnte möglicherweise die mythologische Figur Herkules darstellen. Die Gestalt befindet sich mittig im Bild und trägt eine Keule mit sich. Aus diesem Grund kann auf den Halbgott Herkules aus der Sagenwelt geschlossen werden. Wahrscheinlich wird hier der Kampf gegen die Hydra dargestellt. Weiters wird eine Kampfszene zwischen zwei männlichen Gestalten gezeigt, dabei wird eine weibliche Erscheinung von einem Reiter fortgetragen. Die Rückseite veranschaulicht eine weitere mythologische Figur: Orpheus. Dieser spielt mit einem Musikinstrument für die Tierwelt (Abb. 15). Die Darstellung findet sich in einer Kartusche wieder. Weiters ist auf der rechten Seite eine zusätzliche Kampfszene zwischen zwei Reitern zu sehen. Die Szene zeigt einen notdürftig bekleideten Mann auf der linken Seite. Dort findet sich auch eine nackte Frau wieder, welche sich hinter der Figur befindet und gegen einen Mann in römischer Rüstung auf der rechten Seite, kämpft. Beide Gestalten sind bewaffnet. Zudem befinden sich dort auch vier weitere Erscheinungen, zwei davon sind gefallen, zwei noch stehend. Auf der Innenseite des Deckels sind Ornamente und Rankenmotive zu sehen (Abb. 16). Die Außenseite wiederum zeigt ein Wappen (Abb. 17). Hierbei könnte es sich um das Wappen von Erzherzog Ferdinand von Tirol handeln.[15] Weiters wäre auch möglich, dass es sich um das Wappen von Karl II. von Innerösterreich handelt.[16]
Text: Jana Tomiak, BA
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Deckelschatulle mit Jagdszenen, Vorderseite, Schell Collection, Inv. Nr. 7624, © prismaundkante.
Abbildung 2: Deckelschatulle mit Jagdszenen, geschlossener Deckel, Schell Collection, Inv. Nr. 7624, © prismaundkante.
Abbildung 3: Deckelschatulle mit Jagdszenen, Deckelschatulle mit Jagdszenen, Detailansicht Einhorn, Schell Collection, Inv. Nr. 7624, © prismaundkante.
Abbildung 4: Deckelschatulle mit Jagdszenen, Ansicht Deckel innen, Schell Collection, Inv. Nr. 7624, © prismaundkante.
Abbildung 5: Deckelschatulle mit Jagdszenen, Detailansicht Fächer für Munition, Schell Collection, Inv. Nr. 7624, © prismaundkante.
Abbildung 6: Bolzenkasten Herzog Wilhelms IV. von Bayern, Gesamtansicht, © Bayerisches Nationalmuseum, https://www.bayerisches-nationalmuseum.de/sammlung/00030462.
Abbildung 7: Bolzenkasten Herzog Wilhelms IV. von Bayern, Gesamtansicht, Deckel geöffnet, Metropolitan Museum of Art, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Box_For_Crossbow_Bolts_(Bolzenkasten),_Probably_Made_for_William_IV,_Duke_of_Bavaria_(r._1508%E2%80%9350)_MET_DP282823.jpg, © Wikimedia Commons.
Abbildung 8: Deckelschatulle mit Jagdszenen, Gesamtansicht, Deckel geöffnet, Inv. Nr. 7624 © prismaundkante.
Abbildung 9: Porträt des Virgil Solis, Kupferstich von Balthasar Jenichen, Herzog Anton Ulrich-Museum, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jenichen_Portrait_Virgil_Solis.jpg, © Wikimedia Commons.
Abbildung 10: Lion marquetry on antique gunstock, Royal Danish Arsenal Museum, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lion_marquetry_on_antique_gunstock.jpg, © Wikimedia Commons.
Abbildung 11: Otter-Jagd, Wenceslaus Hollar, University of Toronto Wenceslaus Hollar Digital Collection, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wenceslas_Hollar_-_Otter_hunting.jpg, © Wikimedia Commons.
Abbildung 12: Copy of Bear Hunt MET DP367980, Metropolitan Museum of Art, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Copy_of_Bear_Hunt_MET_DP367980.jpg, © Wikimedia Commons.
Abbildung 13: Deckelschatulle, Vorderseite, Victoria & Albert Museum, London, © https://collections.vam.ac.uk/item/O58559/casket-unknown/.
Abbildung 14: Deckelschatulle, Rückseite, Victoria & Albert Museum, London, © https://collections.vam.ac.uk/item/O58559/casket-unknown/.
Abbildung 15: Deckelschatulle, Vorderseite, Deckel geöffnet, Victoria & Albert Museum, London, © https://collections.vam.ac.uk/item/O58559/casket-unknown/.
Abbildung 16: Deckelschatulle, Oberseite, Victoria & Albert Museum, London, © https://collections.vam.ac.uk/item/O58559/casket-unknown/.
Bibliografie
Glunk, Fritz: Das große Lexikon der Symbole. Bindlach 1997.
Hartmann, P.W.: Kunstlexikon. Wien 1996.
Laue, Georg (Hg.): Möbel für die Kunstkammern Europas. München 2008.
Maier-Lörcher, Barbara: Historisches aus dem Kästchen geplaudert. Ulm 2019.
Scherer, Christian: Technik und Geschichten der Intarsia. Leipzig 2012.
Trusted, Marjorie: Baroque & Later Ivories. V&A Publishing. London 2013.
Online-Quellen
Bayerisches Nationalmuseum, https://www.bayerisches-nationalmuseum.de/sammlung/00030462, [Zugriff 21.08.2026].
https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_II._(Inner%C3%B6sterreich), [Zugriff 24.08.2026].
[1] Vgl. Laue (Hg.), 2008, S. 230-231.
[2] Vgl. Glunk, 1997, S. 195.
[3] Vgl. Glunk, 1997, S. 297-298.
[4] Vgl. Hartmann, 1996, S. 682.
[5] Vgl. Laue (Hg.), 2008, S. 230-23, Nr. 15.
[6] Vgl. Laue (Hg.), 2008, S. 230-231, Nr. 15.
[7] Vgl. Scherer, 2012, S. 1-2.
[8] Vgl. Scherer, 2012, S. 90-93.
[9] Vgl. Laue (Hg.), 2008, S. 230-231, Nr. 15.
[10] Vgl. Glunk, 1997, S. 207-208.
[11] Vgl. Laue, 2008, S. 230-231 Nr. 15.
[12] Vgl. Maier-Lörcher, 2019, S. 17.
[13] Vgl. Trusted, 2013, S. 4-6.
[14] V&A Collection, https://collections.vam.ac.uk/item/O58559/casket-unknown/.
[15] Vgl. Trusted, 2013, S. 4-6.
[16] https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_II._(Inner%C3%B6sterreich), [24.08.2026].