Inv. Nr.: 8343
Maße: 19 x 8,5 x 9 cm
Material: Eisen, Bronze vergoldet, Holz
Datierung: wohl 1785
Herkunft: Frankreich
Standort: 1. Stock, Vitrine 56
Zu sehen ist ein besonderes Schloss der französischen Handwerkskunst des 18. Jahrhunderts. Das Türschloss (Abb. 1) wurde von Ambroise Poux-Landry (1754-18..) wohl im Jahr 1785 für eine der bedeutendsten Damen im Umkreis der französischen Königin Marie Antoinette gefertigt: Marie Thérése Louise de Savoy-Carignan (1749-1792) – auch bekannt als Prinzessin Lamballe. Ihre Geschichte soll in diesem Artikel erzählt werden. Aber was ist überhaupt auf dem Objekt abgebildet?
Die Vorderseite zeigt eine Szene, die die Allegorie der Wissenschaft sitzend als Frau darstellt. Zu ihrer Rechten finden sich zwei sitzende Putti – einer mit einem Zirkel über die Erdkugel gebeugt, ein anderer mit einem Schriftstück in den Händen lesend. Die Allegorie hält zumal ein bekröntes Medaillon mit dem Monogramm „MTL“, mit ihrer anderen Hand schürt sie ein Feuer im Säulenstumpf. Am unteren Bildrand ist folgende Inschrift vermerkt: „Inv.tée et Ex.téé par Amb.se Poux-Landry mécanicien breveté du Roi, et presentée a S.A.S. Madame la Princésse de Lamballe“. Daneben befindet sich der Türknopf, auf dem in sehr detailreicher Arbeit das Wappen der Prinzessin Lamballe zu sehen ist. Dieses befindet sich ebenfalls auf der Rückseite des Schlosses (Abb. 2) auf dem Schlüsselschild. Auf der Hinterseite des Knaufs wiederholt sich auch das Monogramm.
Zu den technischen Daten des Schlosses: Drückt man in die Mitte bei einem der beiden Knäufe, so lässt sich die abgeschrägte Falle links im Schloss bewegen. Hält man den Knopf unterhalb des Schlosskörpers gedrückt und schiebt gleichzeitig den großen waagrechten Riegel, so bewegen sich gleichzeitig zwei Riegel oberhalb der abgeschrägten Falle. Dieses Schließsystem benötigt keinen Schlüssel, wenn man die Tür von Innen schließt. In unserem Fall ist dieser nicht erhalten. Von außen hingegen braucht man diesen zum Aufschließen.
Auf der Schlossplatte innen sind Blumen und Rankenornamente zu sehen. Meist schrieb Poux-Landry eine längere Inschrift an diese Stelle, bei unserem Exponat ist sie direkt mit in das Motiv auf der Vorderseite integriert worden und lautet übersetzt „Entworfen und ausgeführt von Ambroise Poux-Landry, vom König patentierter Mechaniker, und überreicht Ihrer Durchlaucht der Prinzessin Lamballe“.
Der Schlosser und Erfinder
Alle Gravuren der Szenen und Inschriften zeichnen sich durch sehr hohe Qualität aus. In diversen Quellen und in der Literatur gibt es verschiedene Mutmaßungen zum verantwortlichen Kunsthandwerker und welche Stellung er zum französischen König hatte. Pierre Ambroise Poux-Landry wurde am 17. Mai 1754 in Chapelle-des-Bois geboren, einem kleinen Dorf im Haut-Doubs nahe der Schweizer Grenze. Von seinem Vater erlernte er das Handwerk der Uhrmacher und Feinmechanik, darunter auch das Schlosserhandwerk. 1780 verließ er seine Heimat um in Frankreich, genauer in Versailles, dem französischen Garderegiment beizutreten. In seiner Freizeit widmete er sich dem Handwerk. Zu seinen Produkten zählten primär Sicherheits- und Geheimschlösser, auch andere Erfindungen sollen darunter gewesen sein. Im Jahr 1785 hatte er die Möglichkeit eines seiner Geheimschlösser König Ludwig XVI. (1754-1793) zu präsentieren, der sich bekanntlich für die Schlosserei interessierte. Als Kenner untersuchte er das Schloss, fand es aber sehr unpraktisch. Dennoch kaufte der König ihm zwei seiner Stücke ab. Zusätzlich verlieh er Poux-Landry 1785 das Mechaniker-Patent.[1]
Laut einem Briefwechsel wandte sich Poux-Landry abermals an den Hof und die königliche Familie, um weitere Schlösser an sie zu verkaufen und schickte sogleich eine enorm hohe Zahlungsaufforderung mit. In einem Briefwechsel wird das Anliegen des Schlossers dargelegt und gleichzeitig über seine unverschämte Vorgehensweise gesprochen. Poux-Landry hätte zehn Sicherheitsschlösser in Rechnung gestellt, die der Königshof nicht beauftragt hatte und behauptete, neben der Zusage der Zahlung auch eine Unterkunft in Louvre zu erhalten. Dies hätte man ihm in Aussicht gestellt. Laut Jean Domiique Bourzat, der sich in seinem Werk mit dem wissenschaftlichen Leben in Versailles beschäftigt, widerlegen diese Briefe die Theorie, dass Poux-Landy dem König Ludwig XVI. das Schlosserhandwerk beigebracht habe. Wahrscheinlicher ist, dass der König ihm womöglich aus Mitleid, zwei Schlösser abkaufte. Garantiert hatte er aber nicht die Absicht, die exorbitante Summe von 33.000 Livres für zehn weitere Schlösser auszugeben. Dass Ludwig XVI. ihm eine Unterkunft im Louvre angeboten hätte, sei auch fragwürdig, da der König solche Unterkünfte normalerweise nicht gewährte.[2]
Abb. 3: Franz. Türschloss, 1789, Herzog von Orléans, Louis-Philippe gewidmet, Musée Le Secq des Tournelles, Inv. Nr. LS.1699
Poux-Landry, unbeirrt von der erhaltenen Ablehnung, legte eines seiner Schlösser 1789 dem Herzog von Orléans, Louis-Philippe, genannt Philippe Égalité (1747-1793) vor, der es (Abb. 3) erwarb.[3] Dieses Schloss befindet sich heute im Musée Le Secq des Tournelles in Rouen. Die Inschrift auf der Innenseite der Abdeckplatte lautet übersetzt:
„Gewidmet Seiner Durchlaucht, dem Herzog von Orléans, genehmigt von der Königlichen Akademie der Wissenschaften, entworfen, ausgeführt und Seiner Durchlaucht präsentiert im Jahr 1789 von Ambroise Poux-Landry aus der Franche-Comté, patentiertem Mechaniker des Königs und der königlichen Familie sowie ehemaligem Gardisten der Königin, überreicht.“
Auch wenn der König ihm nur zwei seiner Schlösser abgekauft hat, so existieren heute einige wenige dieser Sicherheitsschlösser, die für die unmittelbare Gefolgschaft rund um den König und die Königin bestimmt waren. Den vermerkten Daten auf den Schlössern nach zu urteilen, fertigte er mehrere solcher Stücke innerhalb kürzester Zeit an. Alle noch heute erhaltenen Exponate sind sich im Aufbau sowie in der Mechanik sehr ähnlich.
Die beiden Schlösser, die der König ihm abkaufte, befinden sich heute in der Sammlung des Musée du Conservatoire National des Arts et Métiers. Sie sind als Kombinations- und Pumpenschlösser verzeichnet und König Ludwig XVI. (Abb. 4) und Königin Marie Antoinette (1755-1793) (Abb. 5) gewidmet und in den Jahren 1786 und 1787 hergestellt worden.
In dieser Sammlung befindet sich auch ein Rohbau eines Schlosses, das laut dem Museum für Louise „Savoycarignano (1749-1792)“ bestimmt war. Warum das Schloss unfertig blieb, ist heute nicht klar.
Zusätzlich befindet sich in der Sammlung unseres Museums ein weiteres Schloss (Abb. 6) dieses Herstellers. Ähnlich im Aufbau, befindet sich auf beiden Seiten eine Inschrift (übersetzt):
„Genehmigt von der Königlichen Akademie der Wissenschaften. Entworfen und ausgeführt von Ambroise und seinem Bruder Poux Landry“.
„Der Triumphbogen ist zu Ehren des Herrn Generalkontrolleurs der Finanzen errichtet worden. Es wurde ihm 1786 präsentiert. Unter dem Bogen steht ein Soldat, der sein Glück dem Herrn Generalkontrolleur verdankt. Hinter dem Denkmal befindet sich ein öffentlicher Platz, in dessen Mitte eine von Lorbeerranken umgebene Säule steht, die eine Inschrift trägt, welche der Welt die Wohltaten von Herrn D’ verkündet. Auf der einen Seite ist das Meer mit Schiffen zu sehen, die in den Hafen einlaufen: Dies beweist, dass unter einem aufgeklärten Minister, der die Künste fördert, der Handel unter seinen Gesetzen floriert.“
Dieses Exponat wurde wohl Charles Alexandre de Calonne gewidmet, der 1783 bis 1787 Generalkontrolleur der Finanzen war. Zu diesem Schloss ist auch der Schlüssel erhalten. Warum Poux-Landry das Schloss zusammen mit seinem Bruder herstellte, ist nicht geklärt.
Kommen wir zurück zum Objekt des Monats und zur Dame, für die es bestimmt war. Wer war sie, was hat sie erlebt und welche interessante und gleichzeitig erschreckende Geschichte versteckt sich hinter Prinzessin Lamballe?
Die Prinzessin Lamballe
Am 08. September 1749 wurde Marie Thérese Louise de Savoy-Carignan (Abb. 7) als sechstes Kind von Ludwig Viktor von Savoyen-Carignan, Fürst von Carignan, und seiner Frau Christine von Hessen-Rheinfels-Rotenburg, in Turin geboren. Der Fürst von Carignan stammte von König Viktor Amadeus II. von Sardinien ab und somit war die Familie Mitglied eines Zweigs des Hauses Savoyen. Sie zählten zu den ältesten und angesehensten Königshäusern in ganz Europa.[4]
Die Eltern führten eine glückliche Ehe und verhielten sich sehr liebevoll gegenüber ihren Kindern und förderten sie. Dies vermerkte die junge Frau immer wieder in Briefen und Niederschriften. Vermutlich entstand auch daraus die sehr große Loyalität, die Marie Thérese Louise gegenüber ihrer Familie hatte. Sie wurde als sehr liebenswürdig, geradlinig und als prinzipientreu bezeichnet. Manchmal beschrieb man sie auch als engstirnig, da sie Fehlverhalten verachtete. Mit 17 Jahren, am 08. Jänner 1767, bekam sie eine offizielle Heiratsanfrage. Für sie war es selbstverständlich dieser Zwangshochzeit zuzustimmen. Geheiratet hat sie den 19-jährigen Prinz de Lamballe, Louis-Alexandre Joseph Stanislaus de Bourbon (1747-1768). Sein guter Ruf basierte auf dem seines Vaters – der Herzog von Penthièvre (1725-1793). Sanfte Würde und Menschenfreundlichkeit waren zwei seiner Eigenschaften. Bereits am 17. Jänner 1767 fand in Turin die Hochzeit in der Kapelle des Palazzo Carignano statt.[5] Nun als Prinzessin Lamballe bekannt, wurde sie sehr herzlich in die Familie ihres Mannes aufgenommen und verlegte ihren Wohnsitz nach Frankreich. Der Herzog behandelte sie wie seine eigene Tochter und auch seine 14-jährige Tochter Louise Marie Adélaïde verehrte sie.[6]
Das Eheglück war nur von kurzer Dauer und soll auch hier nur sehr knapp Erwähnung finden. Der Prinz von Lamballe nahm es mit der Treue nicht sehr genau und gab sich auch nach der Hochzeit einem sehr ausschweifenden Leben hin. Währenddessen erlitt die Prinzessin immer wieder krampfartige Anfälle und verlor bereits bei geringen Aufregungen, teilweise stundenlang, das Bewusstsein. Die Krankheit wurde zunächst als Melancholie und Hysterie abgestempelt, ja man behauptete sogar, dass die junge Frau diese Krankheit nur vorspielte. Manche wollten ihre Krankheit auch auf das Fehlverhalten ihres Mannes zurückführen. Dessen Gesundheitszustand begann sich 1768, also ein Jahr nach Eheschließung, stark zu verschlechtern. Schwerer Hautausschlag und Hautgeschwüre waren Teil des Krankheitsbildes. Am Ende handelte es sich um Syphilis, die er sich entweder von einen seiner Geliebten oder einer der häufig beigewohnten Orgien zugezogen hatte. Zum Glück hatte sich seine Ehefrau nicht bei ihm angesteckt, musste aber die sich stetig verschlechternde Verfassung ihres Mannes miterleben. Am 06. Mai 1768 starb Louis-Alexandre Joseph im Alter von 21 Jahren. Noch am selben Abend fand ein kleiner Trauerzug statt, an dem niemand aus der Familie teilnahm.[7]
Eigentlich bereitete sich die kinderlose Witwe auf ein Leben in einer Benediktinerabtei vor, jedoch zog sie auf Bitten ihres Schwiegervaters zu ihm und seiner Tochter. Zwei Jahre später nahm die junge Frau an einer großen königlichen Hochzeit in Versailles teil – niemand geringerer als die heute allseits bekannte und damals zukünftige Königin von Frankreich heiratete: Marie Antoinette, geborene Maria Antonia von Österreich-Lothringen, Tochter von Kaiserin Maria Theresia von Österreich (1717-1780). Die Heirat wurde mit dem späteren Ludwig XVI.[8] geschlossen.[9] Er selbst war gerade erst 15 Jahre alt. Prinzessin Lamballe stand der damals 14-jährigen als Ratgeberin, Philosophin und viel wichtiger – als Freundin – zur Seite. Es entstand eine sehr tiefe und enge Verbundenheit, die für immer bestehen sollte. Beide Schlüsselfiguren hatten immer wieder mit Intrigen, Feindschaft und Neid, aber auch mit starker Beeinflussung von außen, zu kämpfen. Schon bald sollte die junge Prinzessin die Obersthofmeisterin von Marie Antoinette werden.[10]
Durch mehrjährige schlechte Ernten und teilweise kompletten Ausfällen, verarmte die Bevölkerung von Frankreich immer mehr und musste Hunger leiden. Königliche Kutschfahrten, bei denen die beiden Damen immer die neueste Mode und Schmuck präsentierten, erweckte es den Eindruck, dass ihnen das Leid der Bevölkerung egal sei. Prinzessin Lamballe bemerkte die feindselige Stimmung und versuchte ihre Freundin davon zu überzeugen, sich bedeckter zu verhalten. Leider nahm die Königin diese Einwände und Zurechtweisungen nicht gut auf. Eine andere Dame wurde zur Favoritin der Königin und begann Lamballe zu verdrängen. Es gab sogar Überlegungen, ihr das Amt der Oberaufseherin der Königin zu entziehen. Die tiefe Zuneigung der Königin ließ aber nicht zu, dass sie sich völlig von der Prinzessin abwandte, jedoch den Kontakt stark limitierte. Marie Antoinette reizte die angespannte Situation des Volkes weiter aus, als sie nun auch regelmäßig Abendveranstaltungen gab.[11]
Die Prinzessin hingegen entdeckte ihr Interesse an der Freimaurerei. Diese brüderliche Vereinigung hatte ihren Ursprung wohl in den Dombauhütten, den Werkstattverbände der Steinmetze, des 13. und 14. Jahrhunderts. Die Organisation beschäftigte sich mit bestimmten Ritualen und Symboliken und vor allem Zusammenhalt. Die Mitglieder unterstützten sich gegenseitig. Auch viele Frauen waren unter ihnen, die in dieser Gemeinschaft einen Weg sahen, eine bessere Welt zu kreieren. Zudem trafen sie sich immer wieder zu kleinen Zusammenkünften, was besonders Marie Thérése Louise sehr schätzte. Im 18. Jahrhundert war eine Form der Frauenfreimaurerei die Adoptionsmaurerei. Sie waren den Männerlogen angegliedert und nahmen nähere weibliche Verwandte in ihren Reihen auf. Es gab darunter auch gemischte Treffen, die dem Austausch dienten. Sie bot den Frauen damals eine Form der Unabhängigkeit. In Paris gab es beispielsweise die Andreasloge la Candeur, 1775 gegründet und eine Adaptionsloge. Im Jahr 1781 wurde Prinzessin Lamballe durch ihr Engagement zur Großmeisterin der Mère Loge Éccossaise d’Adoption.[12]
Die Historikerin Burke schreibt dazu (übersetzt):
„[Beim Aufstieg] in immer höhere Grade … wurden die Frauen mit den aufklärerischen Konzepten von Freiheit, Gleichheit und sogar einer sich aneinanderschmiegenden, für das 18. Jahrhundert einzigartigen Form des Feminismus konfrontiert.“[13]
Es folgten weitere Streitereien am Königshof und die Geburt des ersten Kindes von Marie Antoinette stand bevor. Als Oberaufseherin musste die Prinzessin nun ständig an der Seite der Königin bleiben. Viele Menschen betrachteten Marie Antoinette zu dieser Zeit als intrigante und verschwenderische Frau, die ihre eigenen Interessen über die Sorgen des französischen Volkes stellte und so machte sie sich immer mehr Feinde.[14]
1787 stand Frankreich am Rande des Bankrotts. Das Land hatte weiterhin mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Missernten zu kämpfen, dennoch feierte der Königshof in Versailles ausladende Feste. Im Jahr 1788 zerstörten sich erneut die Hoffnungen auf eine gute Ernte, wodurch sich die ohnehin angespannte Versorgungslage verschärfte und viele Franzosen vom Hungertod bedroht waren. Die Monarchie wurde immer unbeliebter, das Volk immer verärgerter. Die Prinzessin Lamballe hingegen war durch ihre vielen wohltätigen Aktionen und dem daraus resultierendem guten Ruf in der Beliebtheit gestiegen.[15]
Der Beginn einer großen Veränderung
Um das Schicksal von Marie Thérése Louise besser erfassen zu können, wird hier ein Zusammenschnitt aus den politischen Geschehen von damals wiedergegeben. Ein Generalstand wurde damit beauftragt, die Finanzkrise des Landes zu lösen. Vertreten waren dabei der Klerus (erster Stand), gefolgt vom Adel (zweiter Stand) und dem einfachen Volk (dritter Stand). Zwar waren 98% der Bevölkerung dem dritten Stand zugeordnet, jedoch erfolgten die Abstimmungen nicht nach Kopfzahl. Somit konnte der erste und zweite Stand den dritten überstimmen. Durch diese Ungerechtigkeit kam es dazu, dass sich der dritte Stand selbst zur Nationalversammlung erklärte. Neben dem stürmischen Verlauf dieser Sitzungen begannen sich einige Teilnehmer zu radikalen Vereinigungen zusammenzuschließen. Die Lage spitzte sich immer weiter zu, je stärker der Hunger des Volkes wurde. Dies war endgültig der Beginn von einem der bedeutendsten Ereignisse der europäischen Geschichte – die der Französischen Revolution.[16]
Anfänglich noch ein Konflikt zwischen dem Adel und der Monarchie, wurde dieser auf das einfache Volk und den privilegierten Schichten (vielleicht weglassen? oder irgendwie anders formulieren) übertragen. Der Streit gipfelte im Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 und die sogenannten Augustdekrete[17] wurden verkündet. Es folgten Ausschreitungen, Hysterie und Tod. Gerüchte brodelten, dass die Staatskassa leer sei und der Adel an den Staat spenden solle, um diese wieder aufzufüllen. In Zeiten von finanzieller Unzufriedenheit und politischer Unsicherheit glaubten die Menschen, der König plane einen Staatsstreich und ihre neu gewonnen Rechte seien in Gefahr. In den frühen Morgenstunden des 5. Oktobers 1789 reagierte eine Frau mit Protest auf die steigenden Brotpreise, indem sie auf die Straßen trat und laut mit Trommeln nach Brot verlangte. Was mit einer einzelnen hungernden Frau startete, zog innerhalb kurzer Zeit einen Strom an Frauen an, die alle das gleiche Schicksal teilten und ihre Familie nicht mehr ernähren konnten. Zu Beginn versprach der König noch die Bevölkerung mit Getreide aus den Lagerhäusern von Versailles zu versorgen. Ein Teil der Demonstranten zog friedlich und glücklich, etwas erreicht zu haben, wieder ab. Ein sehr viel unzufriedenerer Teil blieb jedoch vor den Toren von Versailles.[18]
Diese stürmten das Schloss und zwangen die Königsfamilie mit nach Paris zu kommen. Der Zug wurde neben harmlosen Untertanen auch von bewaffneten Rebellen begleitet. Untergebracht wurden sie im Palais de Tuileries. Die königliche Familie wurde in der Presse und von der Bevölkerung mit Verleumdung und Falschanschuldigungen bestraft, jedoch hielten sie an ihrem normalen Tagesablauf für einige Monate in ihrer neuen Unterkunft fest. Am 18. April 1791 spitzte sich die Lage schließlich erneut zu. Für die königliche Familie waren Kutschen bereitgestellt worden, um in die Stadt Saint-Cloud zu fahren und dort die Messe bei einem Priester zu besuchen. Der hatte allerdings der Revolution nicht die Treue geschworen. Die Aufständischen belagerten die Kutsche, die Familie musste umkehren und wurde fortan wie Gefangene behandelt.[19]
Daraufhin schmiedete man Pläne, um die Königsfamilie und den Hofstaat zu befreien. Die Flucht der königlichen Familie kam mit Hilfe verschiedener Personen in Gang. Der Fluchtplan in eine sichere Stadt war zwar simpel, scheiterte jedoch aufgrund von zahlreichen kleineren Zwischenfällen, Fehlern und Missverständnissen, die am Ende den ganzen Plan zunichte machten.[20]
Die königliche Familie, einschließlich der Prinzessin von Lamballe, lebte in einer angespannten Ungewissheit in den Tuilerien. Eine riesige Menschenmenge beschloss am 10. August 1792, deren Größe auf zwischen 8.000 und 50.000 Personen geschätzt wurde, zu den Tuilerien zu ziehen und den Palast zu stürmen. Es folgten weitere Ausschreitungen. Mit großer Angst warteten die Prinzessin von Lamballe und die königliche Familie auf den Angriff, der als Zweite Revolution oder 10. August bekannt werden sollte. Der Aufstand breitete sich nun landesweit aus. Es begannen die Angriffe der Aufständischen auf die Tuilerien, der Palast wurde schnell eingenommen. Die Familie wurde in einem Kloster in verschiedenen Zellen untergebracht. Unter dem Vorwand, dass die Etagen zu überfüllt seien, begann man mit der Abführung von Mitgliedern des Hofes in ein anderes Gebäude, darunter auch Marie Thérése Louise. Durch einen unterirdischen Gang wurden sie zum Hôtel de Ville gebracht und in eine Art Käfig gesperrt und verhört. Anschließend wurden sie in getrennten Zellen im Hôtel La Force inhaftiert, welches zweigeteilt war. Ein Trakt als Gefängnis für Männer mit zivilrechtlichen Vergehen und einen neu errichteten Teil für die Unterbringung von Prostituierten. Erstaunlicherweise litt die Prinzessin während dieser Zeit kein einziges Mal unter den Nervenzusammenbrüchen. Ihr Schwiegervater bot horrende Summen, um seine Schwiegertochter zu befreien, jedoch wurden sämtliche Angebote abgelehnt.[21]
Am 03. September 1792 versammelten sich immer mehr Aufständische vor den Fenstern des Gefängnisses, indem sich die Prinzessin Lamballe und weitere Hofangestellte befanden. Die Lage erschien nun immer bedrohlicher und Marie Thérése Louise wurde schlussendlich vor das Tribunal geführt. Es bestand aus sechs oder sieben Männern, der Raum war klein und bis in den letzten Winkel mit Personen überfüllt. Die Befragung fiel äußerst grob aus und man fragte sie, ob sie von irgendwelchen königlichen Verschwörungen rund um den 10. August wüsste, worauf sie antwortete, sie habe keine Kenntnis davon. Sie sollte schwören, dass sie die Freiheit und Gleichheit liebt und alle Königinnen und Könige hasst. Die gerechtigkeitsliebende Prinzessin verweigerte den Eid und sprach vor dem Gremium: „Ich habe nichts zu antworten. Ob ich früher oder später sterbe, ist mir gleichgültig. Ich habe mein Leben geopfert.“[22] Vielleicht glaubte Lamballe, dass sie gerettet werden würde, da zuvor bereits 24 Damen aus demselben Gefängnis freigelassen wurden. Jedoch war sie die angesehenste der inhaftierten Frauen und das Volk wollte sie vor dem Tribunal sehen. Es folgten die Worte „Die Madame soll freigelassen werden“ – jedoch war dies eine versteckte Botschaft. Im Glauben ihre Freiheit zurückerlangt zu haben, begleitete die Prinzessin zwei Soldaten. Jedoch erwartete sie ein grausames Schicksal. Als sie die Tür öffnete, erwartete sie der blanke Horror: Hier hatte ein Gemetzel stattgefunden, die verstümmelten Leichen von Gefangenen bedeckten den Boden. Das Todesurteil wurde von einer Menge aus Männern, Frauen und Kindern vollstreckt, die angeblich mit großer Begeisterung herbeieilten, um das Urteil des Gremiums auszuführen. Sie würden mit aller Art von Waffen auf die hilflosen Opfer losgehen, auf sie einschlagen, sie zerreißen und zerfleischen und sie anschließend auf einen Haufen vor dem Tor schmeißen. Die Schilderungen rund um den Tod der Prinzessin von Lamballe sind äußerst widersprüchlich und über ihren Tod kursieren viele unwahre Geschichten. Sicher ist jedoch, dass die von vielen geliebte Prinzessin, ausgeweidet und enthauptet wurde. Geschuldet der Liebe und Treue zur Königin. Ihre Eingeweide und ihr Kopf wurden auf Spieße gesteckt und in einer grausigen Parade durch die Straßen getragen. Ein Engländer, der Augenzeuge wurde, schrieb (übersetzt):
„Ich bin von unwillkürlichem Entsetzen erfüllt angesichts der Szenen, die sich vor meinen Augen abspielen … Sie haben den toten, nackten Leichnam der Prinzessin von Lamballe durch die Straßen geschleift und ihn auf alle erdenkliche Weise entwürdigt.“[23]
Der blutige und unmenschliche Umzug bestehend aus dem betrunkenen und tanzenden Pöbel machte sich auf, um ihn vor den Füßen des Königspaares zu legen. Auf dem Weg dorthin zwang man einen unschuldigen Friseur das Haar der Prinzessin zu locken und den abgetrennten Kopf zu schminken und sie „schön zu machen“. Der Mob zog weiter in Richtung der königlichen Familie, diese war zutiefst erschüttert von den Erzählungen, was sich vor den Toren abspielte. Der Tod der Prinzessin von Lamballe war einer der ersten von vielen brutalen Morden in der Zeit vom 2. bis zum 7. September 1792, die als Septembermassaker bekannt wurden.[24]
Marie Thérèse Louise, Prinzessin von Lamballe, war eine loyale, pflichtbewusste und wohltätige Frau, die eigentlich vom Volk und ihren Freunden geliebt und geschätzt wurde. Trotz persönlicher Schicksalsschläge und Anfeindungen blieb sie der königlichen Familie und der Monarchie treu. Diese bedingungslose Loyalität und die Überzeugung für ihre Werte kosteten sie schlussendlich das Leben. Die Brutalität mit der vorgegangen wurde, macht ihr Schicksal zu einer der eindrücklichsten Gräueltaten der Französischen Revolution. Ihre Geschichte zeigt, wie schnell politische, wirtschaftliche und soziale Krisen eine Gesellschaft radikalisieren können. Hunger, wirtschaftliche Not und Misstrauen gegenüber der Führung des Landes führten dazu, dass Gewalt als Mittel zur Lösung angesehen wurde. Die Ermordung der Prinzessin verdeutlicht, wie Hass und Feindbilder Menschen entmenschlichen können. Ihre Geschichte sollte nicht nur als historisches Ereignis betrachtet werden, sondern auch als eindringliche Mahnung für die Gegenwart und Zukunft.
Béresniak, Daniel: Symbole der Freimaurer. Wien 1998.
Bourzat, Jean Dominique: Les après-midi de Louis XVI, Paris 2008.
Burke, Janet M.: Freemasonry, Friendship and Noblewomen. The Role of the Secret Society in Bringing Enlightenment Thought to Pre-Revolutionary Women Elites. In: History of European History 10, 3 (1989), S. 283-293.
Hardy, B.C.: The Princess de Lamballe. A Biography. London 1908.
Montefiore, Francis: The Princesse de Lamballe. A Sketch. London 1896.
Pessiot, Marie: Serrures du XVIIIe siècle. In: Musèe Le Secq des Tournelles: La fidèle ouverture ou l’art du serrurier. Ausst. Kat. Rouen 2007.
Robinson, Eric: An English Jacobin: James Watt, Junior, 1769-1848. In: Cambridge Historical Journal 11, 3 (1955), S. 349-355, hier: S. 353.
Walton, Geri: Marie Antoinette’s confidante. The rise and fall of the Princess de Lamballe. South Yorkshire 2016.
[5] Es war eine Stellvertreterhochzeit. Bei dieser Art von Hochzeit kann einer oder beide Brautleute nicht persönlich anwesend sein. Stattdessen wird die abwesende Person durch einen bevollmächtigten Stellvertreter vertreten.
[8] Als zweitgeborener Sohn war Louis-Auguste ursprünglich nie als König vorgesehen. Sein älterer Bruder ist aber bereits mit neun Jahren verstorben. Er galt nie wirklich als beliebt, war unsicher und fokussierte sich auf das Lesen und die Jagd.
[9] Auch diese Hochzeit war eine Stellvertreterhochzeit.
Objekt des Monats August 2026
Von Freundschaft, Intrigen und einer Revolution
Das Schicksal von Prinzessin Lamballe
Das Objekt:
Inv. Nr.: 8343
Maße: 19 x 8,5 x 9 cm
Material: Eisen, Bronze vergoldet, Holz
Datierung: wohl 1785
Herkunft: Frankreich
Standort: 1. Stock, Vitrine 56
Zu sehen ist ein besonderes Schloss der französischen Handwerkskunst des 18. Jahrhunderts. Das Türschloss (Abb. 1) wurde von Ambroise Poux-Landry (1754-18..) wohl im Jahr 1785 für eine der bedeutendsten Damen im Umkreis der französischen Königin Marie Antoinette gefertigt: Marie Thérése Louise de Savoy-Carignan (1749-1792) – auch bekannt als Prinzessin Lamballe. Ihre Geschichte soll in diesem Artikel erzählt werden. Aber was ist überhaupt auf dem Objekt abgebildet?
Die Vorderseite zeigt eine Szene, die die Allegorie der Wissenschaft sitzend als Frau darstellt. Zu ihrer Rechten finden sich zwei sitzende Putti – einer mit einem Zirkel über die Erdkugel gebeugt, ein anderer mit einem Schriftstück in den Händen lesend. Die Allegorie hält zumal ein bekröntes Medaillon mit dem Monogramm „MTL“, mit ihrer anderen Hand schürt sie ein Feuer im Säulenstumpf. Am unteren Bildrand ist folgende Inschrift vermerkt: „Inv.tée et Ex.téé par Amb.se Poux-Landry mécanicien breveté du Roi, et presentée a S.A.S. Madame la Princésse de Lamballe“. Daneben befindet sich der Türknopf, auf dem in sehr detailreicher Arbeit das Wappen der Prinzessin Lamballe zu sehen ist. Dieses befindet sich ebenfalls auf der Rückseite des Schlosses (Abb. 2) auf dem Schlüsselschild. Auf der Hinterseite des Knaufs wiederholt sich auch das Monogramm.
Zu den technischen Daten des Schlosses: Drückt man in die Mitte bei einem der beiden Knäufe, so lässt sich die abgeschrägte Falle links im Schloss bewegen. Hält man den Knopf unterhalb des Schlosskörpers gedrückt und schiebt gleichzeitig den großen waagrechten Riegel, so bewegen sich gleichzeitig zwei Riegel oberhalb der abgeschrägten Falle. Dieses Schließsystem benötigt keinen Schlüssel, wenn man die Tür von Innen schließt. In unserem Fall ist dieser nicht erhalten. Von außen hingegen braucht man diesen zum Aufschließen.
Auf der Schlossplatte innen sind Blumen und Rankenornamente zu sehen. Meist schrieb Poux-Landry eine längere Inschrift an diese Stelle, bei unserem Exponat ist sie direkt mit in das Motiv auf der Vorderseite integriert worden und lautet übersetzt „Entworfen und ausgeführt von Ambroise Poux-Landry, vom König patentierter Mechaniker, und überreicht Ihrer Durchlaucht der Prinzessin Lamballe“.
Der Schlosser und Erfinder
Alle Gravuren der Szenen und Inschriften zeichnen sich durch sehr hohe Qualität aus. In diversen Quellen und in der Literatur gibt es verschiedene Mutmaßungen zum verantwortlichen Kunsthandwerker und welche Stellung er zum französischen König hatte. Pierre Ambroise Poux-Landry wurde am 17. Mai 1754 in Chapelle-des-Bois geboren, einem kleinen Dorf im Haut-Doubs nahe der Schweizer Grenze. Von seinem Vater erlernte er das Handwerk der Uhrmacher und Feinmechanik, darunter auch das Schlosserhandwerk. 1780 verließ er seine Heimat um in Frankreich, genauer in Versailles, dem französischen Garderegiment beizutreten. In seiner Freizeit widmete er sich dem Handwerk. Zu seinen Produkten zählten primär Sicherheits- und Geheimschlösser, auch andere Erfindungen sollen darunter gewesen sein. Im Jahr 1785 hatte er die Möglichkeit eines seiner Geheimschlösser König Ludwig XVI. (1754-1793) zu präsentieren, der sich bekanntlich für die Schlosserei interessierte. Als Kenner untersuchte er das Schloss, fand es aber sehr unpraktisch. Dennoch kaufte der König ihm zwei seiner Stücke ab. Zusätzlich verlieh er Poux-Landry 1785 das Mechaniker-Patent.[1]
Laut einem Briefwechsel wandte sich Poux-Landry abermals an den Hof und die königliche Familie, um weitere Schlösser an sie zu verkaufen und schickte sogleich eine enorm hohe Zahlungsaufforderung mit. In einem Briefwechsel wird das Anliegen des Schlossers dargelegt und gleichzeitig über seine unverschämte Vorgehensweise gesprochen. Poux-Landry hätte zehn Sicherheitsschlösser in Rechnung gestellt, die der Königshof nicht beauftragt hatte und behauptete, neben der Zusage der Zahlung auch eine Unterkunft in Louvre zu erhalten. Dies hätte man ihm in Aussicht gestellt. Laut Jean Domiique Bourzat, der sich in seinem Werk mit dem wissenschaftlichen Leben in Versailles beschäftigt, widerlegen diese Briefe die Theorie, dass Poux-Landy dem König Ludwig XVI. das Schlosserhandwerk beigebracht habe. Wahrscheinlicher ist, dass der König ihm womöglich aus Mitleid, zwei Schlösser abkaufte. Garantiert hatte er aber nicht die Absicht, die exorbitante Summe von 33.000 Livres für zehn weitere Schlösser auszugeben. Dass Ludwig XVI. ihm eine Unterkunft im Louvre angeboten hätte, sei auch fragwürdig, da der König solche Unterkünfte normalerweise nicht gewährte.[2]
Poux-Landry, unbeirrt von der erhaltenen Ablehnung, legte eines seiner Schlösser 1789 dem Herzog von Orléans, Louis-Philippe, genannt Philippe Égalité (1747-1793) vor, der es (Abb. 3) erwarb.[3] Dieses Schloss befindet sich heute im Musée Le Secq des Tournelles in Rouen. Die Inschrift auf der Innenseite der Abdeckplatte lautet übersetzt:
„Gewidmet Seiner Durchlaucht, dem Herzog von Orléans, genehmigt von der Königlichen Akademie der Wissenschaften, entworfen, ausgeführt und Seiner Durchlaucht präsentiert im Jahr 1789 von Ambroise Poux-Landry aus der Franche-Comté, patentiertem Mechaniker des Königs und der königlichen Familie sowie ehemaligem Gardisten der Königin, überreicht.“
Auch wenn der König ihm nur zwei seiner Schlösser abgekauft hat, so existieren heute einige wenige dieser Sicherheitsschlösser, die für die unmittelbare Gefolgschaft rund um den König und die Königin bestimmt waren. Den vermerkten Daten auf den Schlössern nach zu urteilen, fertigte er mehrere solcher Stücke innerhalb kürzester Zeit an. Alle noch heute erhaltenen Exponate sind sich im Aufbau sowie in der Mechanik sehr ähnlich.
Die beiden Schlösser, die der König ihm abkaufte, befinden sich heute in der Sammlung des Musée du Conservatoire National des Arts et Métiers. Sie sind als Kombinations- und Pumpenschlösser verzeichnet und König Ludwig XVI. (Abb. 4) und Königin Marie Antoinette (1755-1793) (Abb. 5) gewidmet und in den Jahren 1786 und 1787 hergestellt worden.
In dieser Sammlung befindet sich auch ein Rohbau eines Schlosses, das laut dem Museum für Louise „Savoycarignano (1749-1792)“ bestimmt war. Warum das Schloss unfertig blieb, ist heute nicht klar.
Zusätzlich befindet sich in der Sammlung unseres Museums ein weiteres Schloss (Abb. 6) dieses Herstellers. Ähnlich im Aufbau, befindet sich auf beiden Seiten eine Inschrift (übersetzt):
„Genehmigt von der Königlichen Akademie der Wissenschaften. Entworfen und ausgeführt von Ambroise und seinem Bruder Poux Landry“.
„Der Triumphbogen ist zu Ehren des Herrn Generalkontrolleurs der Finanzen errichtet worden. Es wurde ihm 1786 präsentiert. Unter dem Bogen steht ein Soldat, der sein Glück dem Herrn Generalkontrolleur verdankt. Hinter dem Denkmal befindet sich ein öffentlicher Platz, in dessen Mitte eine von Lorbeerranken umgebene Säule steht, die eine Inschrift trägt, welche der Welt die Wohltaten von Herrn D’ verkündet. Auf der einen Seite ist das Meer mit Schiffen zu sehen, die in den Hafen einlaufen: Dies beweist, dass unter einem aufgeklärten Minister, der die Künste fördert, der Handel unter seinen Gesetzen floriert.“
Dieses Exponat wurde wohl Charles Alexandre de Calonne gewidmet, der 1783 bis 1787 Generalkontrolleur der Finanzen war. Zu diesem Schloss ist auch der Schlüssel erhalten. Warum Poux-Landry das Schloss zusammen mit seinem Bruder herstellte, ist nicht geklärt.
Kommen wir zurück zum Objekt des Monats und zur Dame, für die es bestimmt war. Wer war sie, was hat sie erlebt und welche interessante und gleichzeitig erschreckende Geschichte versteckt sich hinter Prinzessin Lamballe?
Die Prinzessin Lamballe
Am 08. September 1749 wurde Marie Thérese Louise de Savoy-Carignan (Abb. 7) als sechstes Kind von Ludwig Viktor von Savoyen-Carignan, Fürst von Carignan, und seiner Frau Christine von Hessen-Rheinfels-Rotenburg, in Turin geboren. Der Fürst von Carignan stammte von König Viktor Amadeus II. von Sardinien ab und somit war die Familie Mitglied eines Zweigs des Hauses Savoyen. Sie zählten zu den ältesten und angesehensten Königshäusern in ganz Europa.[4]
Die Eltern führten eine glückliche Ehe und verhielten sich sehr liebevoll gegenüber ihren Kindern und förderten sie. Dies vermerkte die junge Frau immer wieder in Briefen und Niederschriften. Vermutlich entstand auch daraus die sehr große Loyalität, die Marie Thérese Louise gegenüber ihrer Familie hatte. Sie wurde als sehr liebenswürdig, geradlinig und als prinzipientreu bezeichnet. Manchmal beschrieb man sie auch als engstirnig, da sie Fehlverhalten verachtete. Mit 17 Jahren, am 08. Jänner 1767, bekam sie eine offizielle Heiratsanfrage. Für sie war es selbstverständlich dieser Zwangshochzeit zuzustimmen. Geheiratet hat sie den 19-jährigen Prinz de Lamballe, Louis-Alexandre Joseph Stanislaus de Bourbon (1747-1768). Sein guter Ruf basierte auf dem seines Vaters – der Herzog von Penthièvre (1725-1793). Sanfte Würde und Menschenfreundlichkeit waren zwei seiner Eigenschaften. Bereits am 17. Jänner 1767 fand in Turin die Hochzeit in der Kapelle des Palazzo Carignano statt.[5] Nun als Prinzessin Lamballe bekannt, wurde sie sehr herzlich in die Familie ihres Mannes aufgenommen und verlegte ihren Wohnsitz nach Frankreich. Der Herzog behandelte sie wie seine eigene Tochter und auch seine 14-jährige Tochter Louise Marie Adélaïde verehrte sie.[6]
Das Eheglück war nur von kurzer Dauer und soll auch hier nur sehr knapp Erwähnung finden. Der Prinz von Lamballe nahm es mit der Treue nicht sehr genau und gab sich auch nach der Hochzeit einem sehr ausschweifenden Leben hin. Währenddessen erlitt die Prinzessin immer wieder krampfartige Anfälle und verlor bereits bei geringen Aufregungen, teilweise stundenlang, das Bewusstsein. Die Krankheit wurde zunächst als Melancholie und Hysterie abgestempelt, ja man behauptete sogar, dass die junge Frau diese Krankheit nur vorspielte. Manche wollten ihre Krankheit auch auf das Fehlverhalten ihres Mannes zurückführen. Dessen Gesundheitszustand begann sich 1768, also ein Jahr nach Eheschließung, stark zu verschlechtern. Schwerer Hautausschlag und Hautgeschwüre waren Teil des Krankheitsbildes. Am Ende handelte es sich um Syphilis, die er sich entweder von einen seiner Geliebten oder einer der häufig beigewohnten Orgien zugezogen hatte. Zum Glück hatte sich seine Ehefrau nicht bei ihm angesteckt, musste aber die sich stetig verschlechternde Verfassung ihres Mannes miterleben. Am 06. Mai 1768 starb Louis-Alexandre Joseph im Alter von 21 Jahren. Noch am selben Abend fand ein kleiner Trauerzug statt, an dem niemand aus der Familie teilnahm.[7]
Eigentlich bereitete sich die kinderlose Witwe auf ein Leben in einer Benediktinerabtei vor, jedoch zog sie auf Bitten ihres Schwiegervaters zu ihm und seiner Tochter. Zwei Jahre später nahm die junge Frau an einer großen königlichen Hochzeit in Versailles teil – niemand geringerer als die heute allseits bekannte und damals zukünftige Königin von Frankreich heiratete: Marie Antoinette, geborene Maria Antonia von Österreich-Lothringen, Tochter von Kaiserin Maria Theresia von Österreich (1717-1780). Die Heirat wurde mit dem späteren Ludwig XVI.[8] geschlossen.[9] Er selbst war gerade erst 15 Jahre alt. Prinzessin Lamballe stand der damals 14-jährigen als Ratgeberin, Philosophin und viel wichtiger – als Freundin – zur Seite. Es entstand eine sehr tiefe und enge Verbundenheit, die für immer bestehen sollte. Beide Schlüsselfiguren hatten immer wieder mit Intrigen, Feindschaft und Neid, aber auch mit starker Beeinflussung von außen, zu kämpfen. Schon bald sollte die junge Prinzessin die Obersthofmeisterin von Marie Antoinette werden.[10]
Durch mehrjährige schlechte Ernten und teilweise kompletten Ausfällen, verarmte die Bevölkerung von Frankreich immer mehr und musste Hunger leiden. Königliche Kutschfahrten, bei denen die beiden Damen immer die neueste Mode und Schmuck präsentierten, erweckte es den Eindruck, dass ihnen das Leid der Bevölkerung egal sei. Prinzessin Lamballe bemerkte die feindselige Stimmung und versuchte ihre Freundin davon zu überzeugen, sich bedeckter zu verhalten. Leider nahm die Königin diese Einwände und Zurechtweisungen nicht gut auf. Eine andere Dame wurde zur Favoritin der Königin und begann Lamballe zu verdrängen. Es gab sogar Überlegungen, ihr das Amt der Oberaufseherin der Königin zu entziehen. Die tiefe Zuneigung der Königin ließ aber nicht zu, dass sie sich völlig von der Prinzessin abwandte, jedoch den Kontakt stark limitierte. Marie Antoinette reizte die angespannte Situation des Volkes weiter aus, als sie nun auch regelmäßig Abendveranstaltungen gab.[11]
Die Prinzessin hingegen entdeckte ihr Interesse an der Freimaurerei. Diese brüderliche Vereinigung hatte ihren Ursprung wohl in den Dombauhütten, den Werkstattverbände der Steinmetze, des 13. und 14. Jahrhunderts. Die Organisation beschäftigte sich mit bestimmten Ritualen und Symboliken und vor allem Zusammenhalt. Die Mitglieder unterstützten sich gegenseitig. Auch viele Frauen waren unter ihnen, die in dieser Gemeinschaft einen Weg sahen, eine bessere Welt zu kreieren. Zudem trafen sie sich immer wieder zu kleinen Zusammenkünften, was besonders Marie Thérése Louise sehr schätzte. Im 18. Jahrhundert war eine Form der Frauenfreimaurerei die Adoptionsmaurerei. Sie waren den Männerlogen angegliedert und nahmen nähere weibliche Verwandte in ihren Reihen auf. Es gab darunter auch gemischte Treffen, die dem Austausch dienten. Sie bot den Frauen damals eine Form der Unabhängigkeit. In Paris gab es beispielsweise die Andreasloge la Candeur, 1775 gegründet und eine Adaptionsloge. Im Jahr 1781 wurde Prinzessin Lamballe durch ihr Engagement zur Großmeisterin der Mère Loge Éccossaise d’Adoption.[12]
Die Historikerin Burke schreibt dazu (übersetzt):
„[Beim Aufstieg] in immer höhere Grade … wurden die Frauen mit den aufklärerischen Konzepten von Freiheit, Gleichheit und sogar einer sich aneinanderschmiegenden, für das 18. Jahrhundert einzigartigen Form des Feminismus konfrontiert.“[13]
Es folgten weitere Streitereien am Königshof und die Geburt des ersten Kindes von Marie Antoinette stand bevor. Als Oberaufseherin musste die Prinzessin nun ständig an der Seite der Königin bleiben. Viele Menschen betrachteten Marie Antoinette zu dieser Zeit als intrigante und verschwenderische Frau, die ihre eigenen Interessen über die Sorgen des französischen Volkes stellte und so machte sie sich immer mehr Feinde.[14]
1787 stand Frankreich am Rande des Bankrotts. Das Land hatte weiterhin mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Missernten zu kämpfen, dennoch feierte der Königshof in Versailles ausladende Feste. Im Jahr 1788 zerstörten sich erneut die Hoffnungen auf eine gute Ernte, wodurch sich die ohnehin angespannte Versorgungslage verschärfte und viele Franzosen vom Hungertod bedroht waren. Die Monarchie wurde immer unbeliebter, das Volk immer verärgerter. Die Prinzessin Lamballe hingegen war durch ihre vielen wohltätigen Aktionen und dem daraus resultierendem guten Ruf in der Beliebtheit gestiegen.[15]
Der Beginn einer großen Veränderung
Um das Schicksal von Marie Thérése Louise besser erfassen zu können, wird hier ein Zusammenschnitt aus den politischen Geschehen von damals wiedergegeben. Ein Generalstand wurde damit beauftragt, die Finanzkrise des Landes zu lösen. Vertreten waren dabei der Klerus (erster Stand), gefolgt vom Adel (zweiter Stand) und dem einfachen Volk (dritter Stand). Zwar waren 98% der Bevölkerung dem dritten Stand zugeordnet, jedoch erfolgten die Abstimmungen nicht nach Kopfzahl. Somit konnte der erste und zweite Stand den dritten überstimmen. Durch diese Ungerechtigkeit kam es dazu, dass sich der dritte Stand selbst zur Nationalversammlung erklärte. Neben dem stürmischen Verlauf dieser Sitzungen begannen sich einige Teilnehmer zu radikalen Vereinigungen zusammenzuschließen. Die Lage spitzte sich immer weiter zu, je stärker der Hunger des Volkes wurde. Dies war endgültig der Beginn von einem der bedeutendsten Ereignisse der europäischen Geschichte – die der Französischen Revolution.[16]
Anfänglich noch ein Konflikt zwischen dem Adel und der Monarchie, wurde dieser auf das einfache Volk und den privilegierten Schichten (vielleicht weglassen? oder irgendwie anders formulieren) übertragen. Der Streit gipfelte im Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 und die sogenannten Augustdekrete[17] wurden verkündet. Es folgten Ausschreitungen, Hysterie und Tod. Gerüchte brodelten, dass die Staatskassa leer sei und der Adel an den Staat spenden solle, um diese wieder aufzufüllen. In Zeiten von finanzieller Unzufriedenheit und politischer Unsicherheit glaubten die Menschen, der König plane einen Staatsstreich und ihre neu gewonnen Rechte seien in Gefahr. In den frühen Morgenstunden des 5. Oktobers 1789 reagierte eine Frau mit Protest auf die steigenden Brotpreise, indem sie auf die Straßen trat und laut mit Trommeln nach Brot verlangte. Was mit einer einzelnen hungernden Frau startete, zog innerhalb kurzer Zeit einen Strom an Frauen an, die alle das gleiche Schicksal teilten und ihre Familie nicht mehr ernähren konnten. Zu Beginn versprach der König noch die Bevölkerung mit Getreide aus den Lagerhäusern von Versailles zu versorgen. Ein Teil der Demonstranten zog friedlich und glücklich, etwas erreicht zu haben, wieder ab. Ein sehr viel unzufriedenerer Teil blieb jedoch vor den Toren von Versailles.[18]
Diese stürmten das Schloss und zwangen die Königsfamilie mit nach Paris zu kommen. Der Zug wurde neben harmlosen Untertanen auch von bewaffneten Rebellen begleitet. Untergebracht wurden sie im Palais de Tuileries. Die königliche Familie wurde in der Presse und von der Bevölkerung mit Verleumdung und Falschanschuldigungen bestraft, jedoch hielten sie an ihrem normalen Tagesablauf für einige Monate in ihrer neuen Unterkunft fest. Am 18. April 1791 spitzte sich die Lage schließlich erneut zu. Für die königliche Familie waren Kutschen bereitgestellt worden, um in die Stadt Saint-Cloud zu fahren und dort die Messe bei einem Priester zu besuchen. Der hatte allerdings der Revolution nicht die Treue geschworen. Die Aufständischen belagerten die Kutsche, die Familie musste umkehren und wurde fortan wie Gefangene behandelt.[19]
Daraufhin schmiedete man Pläne, um die Königsfamilie und den Hofstaat zu befreien. Die Flucht der königlichen Familie kam mit Hilfe verschiedener Personen in Gang. Der Fluchtplan in eine sichere Stadt war zwar simpel, scheiterte jedoch aufgrund von zahlreichen kleineren Zwischenfällen, Fehlern und Missverständnissen, die am Ende den ganzen Plan zunichte machten.[20]
Die königliche Familie, einschließlich der Prinzessin von Lamballe, lebte in einer angespannten Ungewissheit in den Tuilerien. Eine riesige Menschenmenge beschloss am 10. August 1792, deren Größe auf zwischen 8.000 und 50.000 Personen geschätzt wurde, zu den Tuilerien zu ziehen und den Palast zu stürmen. Es folgten weitere Ausschreitungen. Mit großer Angst warteten die Prinzessin von Lamballe und die königliche Familie auf den Angriff, der als Zweite Revolution oder 10. August bekannt werden sollte. Der Aufstand breitete sich nun landesweit aus. Es begannen die Angriffe der Aufständischen auf die Tuilerien, der Palast wurde schnell eingenommen. Die Familie wurde in einem Kloster in verschiedenen Zellen untergebracht. Unter dem Vorwand, dass die Etagen zu überfüllt seien, begann man mit der Abführung von Mitgliedern des Hofes in ein anderes Gebäude, darunter auch Marie Thérése Louise. Durch einen unterirdischen Gang wurden sie zum Hôtel de Ville gebracht und in eine Art Käfig gesperrt und verhört. Anschließend wurden sie in getrennten Zellen im Hôtel La Force inhaftiert, welches zweigeteilt war. Ein Trakt als Gefängnis für Männer mit zivilrechtlichen Vergehen und einen neu errichteten Teil für die Unterbringung von Prostituierten. Erstaunlicherweise litt die Prinzessin während dieser Zeit kein einziges Mal unter den Nervenzusammenbrüchen. Ihr Schwiegervater bot horrende Summen, um seine Schwiegertochter zu befreien, jedoch wurden sämtliche Angebote abgelehnt.[21]
Am 03. September 1792 versammelten sich immer mehr Aufständische vor den Fenstern des Gefängnisses, indem sich die Prinzessin Lamballe und weitere Hofangestellte befanden. Die Lage erschien nun immer bedrohlicher und Marie Thérése Louise wurde schlussendlich vor das Tribunal geführt. Es bestand aus sechs oder sieben Männern, der Raum war klein und bis in den letzten Winkel mit Personen überfüllt. Die Befragung fiel äußerst grob aus und man fragte sie, ob sie von irgendwelchen königlichen Verschwörungen rund um den 10. August wüsste, worauf sie antwortete, sie habe keine Kenntnis davon. Sie sollte schwören, dass sie die Freiheit und Gleichheit liebt und alle Königinnen und Könige hasst. Die gerechtigkeitsliebende Prinzessin verweigerte den Eid und sprach vor dem Gremium: „Ich habe nichts zu antworten. Ob ich früher oder später sterbe, ist mir gleichgültig. Ich habe mein Leben geopfert.“[22] Vielleicht glaubte Lamballe, dass sie gerettet werden würde, da zuvor bereits 24 Damen aus demselben Gefängnis freigelassen wurden. Jedoch war sie die angesehenste der inhaftierten Frauen und das Volk wollte sie vor dem Tribunal sehen. Es folgten die Worte „Die Madame soll freigelassen werden“ – jedoch war dies eine versteckte Botschaft. Im Glauben ihre Freiheit zurückerlangt zu haben, begleitete die Prinzessin zwei Soldaten. Jedoch erwartete sie ein grausames Schicksal. Als sie die Tür öffnete, erwartete sie der blanke Horror: Hier hatte ein Gemetzel stattgefunden, die verstümmelten Leichen von Gefangenen bedeckten den Boden. Das Todesurteil wurde von einer Menge aus Männern, Frauen und Kindern vollstreckt, die angeblich mit großer Begeisterung herbeieilten, um das Urteil des Gremiums auszuführen. Sie würden mit aller Art von Waffen auf die hilflosen Opfer losgehen, auf sie einschlagen, sie zerreißen und zerfleischen und sie anschließend auf einen Haufen vor dem Tor schmeißen. Die Schilderungen rund um den Tod der Prinzessin von Lamballe sind äußerst widersprüchlich und über ihren Tod kursieren viele unwahre Geschichten. Sicher ist jedoch, dass die von vielen geliebte Prinzessin, ausgeweidet und enthauptet wurde. Geschuldet der Liebe und Treue zur Königin. Ihre Eingeweide und ihr Kopf wurden auf Spieße gesteckt und in einer grausigen Parade durch die Straßen getragen. Ein Engländer, der Augenzeuge wurde, schrieb (übersetzt):
„Ich bin von unwillkürlichem Entsetzen erfüllt angesichts der Szenen, die sich vor meinen Augen abspielen … Sie haben den toten, nackten Leichnam der Prinzessin von Lamballe durch die Straßen geschleift und ihn auf alle erdenkliche Weise entwürdigt.“[23]
Der blutige und unmenschliche Umzug bestehend aus dem betrunkenen und tanzenden Pöbel machte sich auf, um ihn vor den Füßen des Königspaares zu legen. Auf dem Weg dorthin zwang man einen unschuldigen Friseur das Haar der Prinzessin zu locken und den abgetrennten Kopf zu schminken und sie „schön zu machen“. Der Mob zog weiter in Richtung der königlichen Familie, diese war zutiefst erschüttert von den Erzählungen, was sich vor den Toren abspielte. Der Tod der Prinzessin von Lamballe war einer der ersten von vielen brutalen Morden in der Zeit vom 2. bis zum 7. September 1792, die als Septembermassaker bekannt wurden.[24]
Marie Thérèse Louise, Prinzessin von Lamballe, war eine loyale, pflichtbewusste und wohltätige Frau, die eigentlich vom Volk und ihren Freunden geliebt und geschätzt wurde. Trotz persönlicher Schicksalsschläge und Anfeindungen blieb sie der königlichen Familie und der Monarchie treu. Diese bedingungslose Loyalität und die Überzeugung für ihre Werte kosteten sie schlussendlich das Leben. Die Brutalität mit der vorgegangen wurde, macht ihr Schicksal zu einer der eindrücklichsten Gräueltaten der Französischen Revolution. Ihre Geschichte zeigt, wie schnell politische, wirtschaftliche und soziale Krisen eine Gesellschaft radikalisieren können. Hunger, wirtschaftliche Not und Misstrauen gegenüber der Führung des Landes führten dazu, dass Gewalt als Mittel zur Lösung angesehen wurde. Die Ermordung der Prinzessin verdeutlicht, wie Hass und Feindbilder Menschen entmenschlichen können. Ihre Geschichte sollte nicht nur als historisches Ereignis betrachtet werden, sondern auch als eindringliche Mahnung für die Gegenwart und Zukunft.
Text: Jasmin Längle, MA
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Franz. Türschloss, 1785?, Prinzessin Lamballe gewidmet, Schell Collection, Inv. Nr. 8343, Vorderseite © prismaundkante
Abb. 2: Franz. Türschloss, 1785?, Prinzessin Lamballe gewidmet, Schell Collection, Inv. Nr. 8343, Rückseite © prismaundkante
Abb. 3: Franz. Türschloss, 1789, Herzog von Orléans, Louis-Philippe gewidmet, Musée Le Secq des Tournelles, Inv. Nr. LS.1699
Abb. 4: Franz. Türschloss, 1786, Louis XVI. gewidmet, Musée du Conservatoire National des Arts et Métiers, Inv. Nr. 00937-0001-, © Musée des arts et métiers-Cnam / Photo Sylvain Pelly
Abb. 5: Franz. Türschloss, 1787, Marie Antoinette gewidmet, Musée du Conservatoire National des Arts et Métiers, Inv. Nr. 00937-0002-, © Musée des arts et métiers-Cnam / Photo Sylvain Pelly
Abb. 6: Franz. Türschloss, 1786, Charles Alexandre de Calonne gewidmet, Schell Collection, Inv. Nr. 7889 © prismaundkante
Abb. 7: Porträt Marie-Louise von Savoyen, Gemälde von Antoine-François Callet, um 1776 © Wikimedia Commons
Literaturverzeichnis
Béresniak, Daniel: Symbole der Freimaurer. Wien 1998.
Bourzat, Jean Dominique: Les après-midi de Louis XVI, Paris 2008.
Burke, Janet M.: Freemasonry, Friendship and Noblewomen. The Role of the Secret Society in Bringing Enlightenment Thought to Pre-Revolutionary Women Elites. In: History of European History 10, 3 (1989), S. 283-293.
Hardy, B.C.: The Princess de Lamballe. A Biography. London 1908.
Montefiore, Francis: The Princesse de Lamballe. A Sketch. London 1896.
Pessiot, Marie: Serrures du XVIIIe siècle. In: Musèe Le Secq des Tournelles: La fidèle ouverture ou l’art du serrurier. Ausst. Kat. Rouen 2007.
Robinson, Eric: An English Jacobin: James Watt, Junior, 1769-1848. In: Cambridge Historical Journal 11, 3 (1955), S. 349-355, hier: S. 353.
Walton, Geri: Marie Antoinette’s confidante. The rise and fall of the Princess de Lamballe. South Yorkshire 2016.
Online Quellen
Dr. phil. Müller, Roland: Die Adoptionslogen. In: https://www.freimaurer-wiki.de/index.php/Adoptionslogen.
[1] Vgl. Bourzat, 2008, S. 59
[2] Vgl. Bourzat, 2008, S. 62.
[3] Vgl. Pessiot, 2007, S. 240f.
[4] Vgl. Hardy, 1908, S. 1-8.
[5] Es war eine Stellvertreterhochzeit. Bei dieser Art von Hochzeit kann einer oder beide Brautleute nicht persönlich anwesend sein. Stattdessen wird die abwesende Person durch einen bevollmächtigten Stellvertreter vertreten.
[6] Vgl. Walton, 2016, S. 23-45.
[7] Vgl. Walton, 2016, S. 47-50.
[8] Als zweitgeborener Sohn war Louis-Auguste ursprünglich nie als König vorgesehen. Sein älterer Bruder ist aber bereits mit neun Jahren verstorben. Er galt nie wirklich als beliebt, war unsicher und fokussierte sich auf das Lesen und die Jagd.
[9] Auch diese Hochzeit war eine Stellvertreterhochzeit.
[10] Vgl. Walton, 2016, S. 52-56, 59-79, 91.
[11] Vgl. Walton, 2016, S. 107-119.
[12] Vgl. Béresniak, 1998, S. 104 und vgl. Walton, 2016, S. 119 und vgl. Müller, https://www.freimaurer-wiki.de/index.php/Adoptionslogen, (zugegriffen am 21.07.2026).
[13] Burke, 1989, S. 284-285.
[14] Vgl. Walton, 2016, S. 128, 136, 166.
[15] Vgl. Walton, 2016, S. 168-176.
[16] Vgl. Walton, 2016, S. 177-180.
[17] Es waren 19 Dekrete der Nationalen Konstituierenden im August 1789, die im Wesentlichen alle französischen Bürger gleichstellten.
[18] Vgl. Walton, 2016, S. 180-189.
[19] Vgl. Walton, 2016, S. 190-203.
[20] Vgl. Walton, 2016, S. 210-214, 219, 223.
[21] Vgl. Walton, 2016, S. 239.
[22] Montefiore, 1896, S. 199f.
[23] Robinson, 1955, S. 353.
[24] Vgl. Walton, 2016, S. 252.