Objekt des Monats

Objekt des Monats November 2019

Pastigliakästchen, Italien 16. Jahrhundert

Inv. Nr. 6331

Maße: 16 x 10,5 x 9 cm

Das fein gearbeitete Pastigliakästchen ist ein viel entlehntes Objekt der Schell Collection. Die allegorischen Darstellungen auf allen vier Seiten scheinen keinen direkten Zusammenhang zu haben. König David mit der Harfe am Deckel in einem Medaillon ist mit der Ikonographie der Wandungen in keinen Bezug zu bringen. Meist waren diese kleinen Kästchen mit Klappdeckel Teil der Hochzeitsgeschenke. Im Italien des 13. und 14. Jahrhunderts waren kleine Kästchen, sogenannte forzieri „fest in den lokalen Hochzeitsbräuchen“ eingebunden.[1] Das Zurschaustellen der Aussteuer war verboten, Geschenke und eigene Utensilien wurden in Truhen im Zug, der die Braut von ihrem Heimathaus in das Haus des Bräutigams brachte, mitgeführt. Damit aber dem Prunk und der Zurschaustellung doch ein Weg gebahnt wurde, kam die äußere Prachtentfaltung der Truhen als Ersatz für das Verbergen der Geschenke zur Geltung. Pommeranz fasst die italienischen Hochzeitskästchen folgendermaßen zusammen: Sie mussten von schlichtem Äußeren und unedlem Material sein, die Wappen der Familien konnten angebracht werden, die Ikonographie auf dem Kästchen kann auf die Vermählung hinweisen, im verschließbaren Kästchen musste genug Platz für Geschenke sein. Gerade der letzte Punkt ist bei dem relativ kleinen Kästchen nicht gegeben, außer man schenkte Geldscheine, Goldstücke oder Juwelen. Ab dem 15. Jahrhundert waren diese Geschenkkästchen nicht mehr fester Bestandteil der Aussteuer, rein ornamentierte Kästchen gibt es ab dem zweiten Drittel des 15. Jahrhunderts, ausgehend von Künstlern am Hof der Este in Ferrara[2]. Die große Menge an Pastigliakästchen entstand im 16. Jahrhundert in Norditalien. Die Verwendung von Modeln für die kleinen Gipsfiguren, die sich auf dem Kästchen dreidimensional erheben, war von Spanien ausgehend für die rasche Herstellung und Vervielfältigung der kleinen Kästchen wichtig. Eine chemische Analyse der Masse ergab, dass die Pastiglia vor allem aus Bleiweiß und Bindern bestand.[3] Die in frühen Jahren sehr bunten Kästchen verloren ab dem 16. Jahrhundert an Farbigkeit, es blieben weiße Figürchen auf meist vergoldetem Hintergrund bestehen. Pommeranz geht davon aus, dass Werkstätten ähnliche Modeln gehabt haben, die nach dem gleichen Vorbild gefertigt wurden. Die Zuordnung einzelner Kästchen zu verschiedenen Werkstätten war bislang nicht von Erfolg gekrönt. Gleichwohl lassen sich Gemeinsamkeiten erkennen – im Aufbau, in einzelnen Figuren oder im Themenkreis. Das Kästchen der Schell Collection ist dem Kreis der Werkstatt „Amor-Ecouen-Werkstätte“ zuzuschreiben. Der Name kommt von einem mit Amor-Schriftbändern verzierten Kästchen aus dem Museum für Renaissance in Ecouen in Frankreich. Typisch für diese Werkstätte sind die seitlichen Pilaster und die immer wieder auftauchenden gleichen Figuren oder Personengruppen auf verschiedenen Stücken. Als Themen finden sich Triumphzüge, Liebesszenen und moralisierende Geschichten.

Aufbau von Pastigliakästchen: Ein Holzkorpus (häufig Pappelholz) in Brettbauweise wird grundiert, danach ein roter Bolus (Tongrundierung) aufgetragen. Darauf kommt nun die Blattgoldauflage, die zuvor mit Punzen aufgeraut worden ist. Das Aufrauen dient einerseits der Belebung des Hintergrundes, andererseits können die vormodellierten Pastigliafigürchen besser darauf haften. Bei besonderen Kästchen war der Hintergrund auf jeder Seite anders punziert. Darauf wurden die kleinen Gipsfiguren geklebt – häufig mit Hasenleim, der die höchste Klebekraft hatte. Einen weiteren Nutzen hatten die kleinen Kästchen, da der Masse des Pastiglia ein tierischer Aromastoff beigemengt wurde (Moschus, Ambra oder Zibet). Beim Anfassen der Kästchen wurde durch die Handwärme und die natürliche Feuchtigkeit ein intensiver Geruch verströmt, von dem man sich desinfizierende Wirkung versprach. Als angenehmer Nebeneffekt galten die Duftstoffe aphrodisierend – die teilweise stark abgegriffenen Ornamente sind dadurch erklärbar.

Häufig findet man seitliche Pilaster, die die Ecken akzentuieren. Bei unserem Kästchen sind die Pilaster wie bei fast allen anderen, ebenfalls mit Lebensbaum-ähnlichen floralen Ornamenten verziert.

Ikonographische Beschreibung des Kästchens in der Schell Collection:

Vorderseite: Triumph der Keuschheit, inspiriert vom Triumph von Petrarca (1304-74), Jacopo del Sellaio (1442-93)

Pudicitia (die Keuschheit) fährt hier auf einem Wagen, gezogen von zwei Einhörnern als Symbol der Jungfräulichkeit, in einem Triumphzug. Amor, der überwunden ist, kauert zu ihren Füßen, ohne seine Attribute Pfeil und Bogen. In ihren Händen trägt die Keuschheit einen Palmwedel als Zeichen des Sieges über die Lust. Hinter ihr läuft, den Bogen des Amor haltend, eine weibliche Assistenzfigur. Vor ihr hält eine der drei weiblichen Begleiterinnen einen Pfeil des Amors. Es könnten Lukrezia und Penelope sein, die sich, wie Petrarca es beschreibt, an den Flügeln des Amors vergehen und ihm Bogen und Pfeile zerbrechen, um seinem Treiben ein Ende zu setzen. Unter den Einhörnern kauert ein Tier, das nicht gänzlich identifiziert werden kann. Ein gleiches Tier ist auf einem Kästchen aus Arrezzo (Nummer 24, Katalog Martini/Foi) zu sehen. Sollte es ein junges Reh sein, würde es auf Askese hindeuten und wird der Liebe zugeordnet. Die Figur mit dem ovalen Gegenstand hinter den Einhörnern dürfte Tuscia sein, die einst ihre Unschuld bewies, indem sie mit einem Sieb Wasser vom Tiber zum Tempel der Vesta trug.[4]

Ein ähnliches Kästchen mit gleicher Symbolik steht im Museo Civico in Venedig[5].

Chronos der geflügelte Hüter der Zeit hält ein Stundenglas in seinen Händen.

Rückseite: Triumph der Zeit, inspiriert vom Triumph von Petrarca (1304-74)

Er steht auf einem Triumphwagen der von zwei Hirschen gezogen wird.  Wegen ihrer Schnelligkeit sind sie die Zugtiere für den Wagen der Zeit[6]. Das Gestirn, Sonne oder Mond (?) auf der linken Seite, müsste einen Mond/Sonne als Gegenspieler haben, möglicherweise ist dieser Teil verloren gegangen. Sie sind das Symbol für Tag und Nacht. Unter den Hirschen sitzt eine Eule, als Sinnbild für die Nacht und als Tier, das die Dunkelheit durchdringen kann. Vor dem Triumphzug gehen drei Männer in Rüstung und Umhang, hinter dem Wagen sehen wir zwei Männer in Toga.

Nach einer Medaille von Fra Antonio da Brescia um 1500. Ein Satyr hebt den Schleier von einer schlafenden Nymphe. Ein zweiter Satyr steht daneben. Unter der Decke liegen zwei nackte Säuglinge (Cupido ?). Zwei römisch anmutende Soldaten stehen links und rechts daneben. Benedetto Montagna hat um 1505 einen Stich darüber gefertigt, der heute im British Museum zu sehen ist.[7] Auch bei Montagna säugt die Nymphe zwei Kinder, eines an jeder Brust. Der Bildaufbau mit dem Pfeiler und dem Baum im Hintergrund der Nymphe ist genau gleich gestaltet. Der Baum ist als Orangenbaum identifizierbar durch die Früchte – in der Pastigliaausarbeitung wurde auf solche Details nicht Rücksicht genommen, da diese vermutlich zu klein waren.

Als Medaille ist diese Szene von Pseudo Fra Antonia da Brescia bekannt (um 1500) und in mehreren Museen vertreten, unter anderem im Museum Antiker Kunst in Turin. Das Vorbild für das Pastigliamodel kam bestimmt von einer Medaille und erklärt die untere Rundung.[8]  und [9]

 

Ein ähnliches Kästchen mit gleichem Sujet hat das Victoria und Albert Museum[10] und aus einer Privatsammlung in Turin abgebildet im Katalog Martini/Foi, Katalognummer 22. Beim Turiner Kästchen sind die Assistenzfiguren andere.[11]

Die Darstellung ist wohl nach einer Medaille von Master of Coriolanus um 1500 gefertigt. Sie zeigt die Schlacht Hannibals bei Cannae, wo die Karthager gegen die Römer im zweiten Punischen Krieg den Sieg erringen konnten. Acht römische Legionen waren Hannibals Heer unterlegen.[12] Die keltischen Hilfstruppen der Karthager werden als „edle Wilde“, hier nackt kämpfend, dargestellt, die römische Armee ist gut an der Kleidung zu erkennen. Die Figur mit Fahne wird vermutlich Hannibal sein, der einen Bart trug wie er bei Römern nicht üblich war. Die Türme der Stadt im Hintergrund fehlen teilweise. Ein Kästchen mit gleichem Sujet ist im Viktoria und Albert Museum zu finden.[13]

 

Das Vorbild kam wiederum von einer Medaille, heute zu sehen in der National Gallery of Arts in Washington wo sich die Bronzemedaille des Meisters of Coriolanus mit der Schlacht von Cannae erhalten hat. Nach dieser Medaille scheint das Model für die Pastiglia gefertigt worden zu sein.[14]

Deckel: König David mit Harfe. In einem Lorbeerkranz spielt der König als Halbfigur in Rückenansicht mit einer Harfe. Vier große Lanzettenblätter bilden die Eckornamente. Ein erhöhter Wulst am Deckel ist mit Ranken und Blättern geschmückt, die äußere Leiste bildet eine Art Wellenband.

Deckel: König David mit Harfe

Beschläge des Kästchens: Zum Öffnen muss ein kleiner Knopf an der Vorderseite gedrückt werden, der den Deckel, gehalten von einer Feder, öffnet. Als Scharnier dienen schlichte, gebogene Drähte, die im Inneren des Kästchens zurückgebogen werden.

Vergleichsbeispiele: Einzelne Figuren auf der Kassette in der Schell Collection sind in genau gleicher Art auf verschiedenen anderen Kästchen zu finden. Besonders beliebt war die Rückenansicht eines Soldaten, der rechts auf der linken Seitenwand zu finden ist und die weiblichen Assistenzfigur mit den beiden erhobenen Armen auf der Vorderseite. Diese beiden Figurentypen lassen sich auf mindestens 10 publizierten Kästchen erkennen.[15] Ebenfalls zu finden, das Motiv des Satyrs und auch die Darstellungen des kleinen Tieres (Reh?) und der Eule. Alle Vergleichsbeispiele sind dem Katalog von Martini/Foi[16] entnommen. Die Nummer hinter der Bezeichnung zeigt an, wer der derzeitige/damalige Eigentümer des Kästchens ist oder war, und beziehen sich auf die Katalognummern im Buche.

 

 

Zusammenfassung: Kästchen mit Pastigliafigürchen gibt es in fast allen Museen der Welt. Die teilweise auffallenden Ähnlichkeiten bei Personen oder Figurengruppen liegen in den verwendeten Modeln für die Figürchen. Daraus wurden verschiedene Geschichten gestaltet, je nach Vorliebe des Künstlers oder nach Wunsch des Auftraggebers. Das Kästchen der Schell Collection mit der Darstellung von zwei Einhörnern ist bis dato singulär und die Einhörner als Fabelwesen verzaubern die Besucher bis heute.

Text: Mag. Martina Pall

Alle Bilder, falls nicht anders angegeben, von der Autorin.

 

Literatur:

Ausstellungskatalog: Pastiglia boxes: Hidden treasures of the Italian Renaissance from the Collections of Galleria Nazionale d´Arte Antica, Rom. Lower Art Museum Miami, 2002.

Kuder Ulrich, Dirk Luckow: Des Menschen Gemüt ist wandelbar. Druckgrafik der Dürer-Zeit. Kunsthalle zu Kiel, 2004.

Lang Verena: Historische Momente. Beiheft zur Ausstellung „Historische Momente, Feldherren, Forscher und Künstler auf Objekten der Schell Collection“, Graz 2019.

Martini Luciana, Leonardo Foi: Cofanetti in Pastiglia del Rinasciemento Italiano. Ausstellungskatalog Brescia 2005.

Kretschmer Hildegard: Lexikon der Symbole und Attribute in der Kunst. Stuttgart 2008.

Pommeranz Johannes W.: Pastigliakästchen. Ein Beitrag zur Kunst- und Kulturgeschichte der Italienischen Renaissance. Münster/New York 1995.

Winter de, Patrick: A lilttle-known reation of Renaissance Decorative Arts: The White Lead Pastiglia Box. In: Saggi e Memorie di storia dell ´arte. Vol. 14, 1984, Seiten 7, 9-42, 103-131.

[1] Pommeranz, Seite 34.

[2] Pommeranz, Seite 113.

[3] Pommeranz, Seite 41.

[4] Kuder/Luckow, Seite 252.

[5] Abb. bei de Winter, Seite 114, Abb. 26.

[6] Kretschmer: Lexikon der Symbole und Attribute in der Kunst, Seite 188.

Kuder/Luckow, Seite 254.

[7] Abb. bei de Winter, Seite 122, Abb. 47.

[8]https://www.google.com/search?q=Benedetto+Montagna,+sleeping+nymph&rlz=1C1GCEA_enAT783AT783&tbm=isch&source=iu&ictx=1&fir=DRM_sRo39QDclM%253A%252CgA4-dv6iS_gKIM%252C_&vet=1&usg=AI4_-kTt_zaMtW6LKTJdIMz1oRwY818MlA&sa=X&ved=2ahUKEwiVs4GV_bHlAhWRxIsKHcwGBXUQ9QEwAHoECAAQBg#imgrc=DRM_sRo39QDclM: 22.10.2019

[9] Abb. aus Martini/Foi, Seite 16

[10]  siehe de Winter, Seite 121, Abb. 44.

[11] Abb. aus Martini/Foi, Katalognummer 22, Seite 115.

[12] Lang, Historische Momente, Seite 4.

[13] Abb. bei de Winter, Seite 123, Abb. 50.

[14]https://www.google.com/search?q=de+gallis+ad+cannae&rlz=1C1GCEA_enAT783AT783&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwiVjcvO_bHlAhUppIsKHXs7DRMQ_AUIEigB&biw=1920&bih=937#imgrc=SN6kU5nxersOxM: 22.10.2019.

[15] Martini/Foi: Cofanetti in Pastiglia del Rinascimento Italiano, 2005.

Exhibition Catalogue: Pastiglia Boxes: Hidden treasures of the Italian Renaissance from the collection of Galleria Nazionale d´Arte Antica, Rome, 2002.

Pommeranz: Pastigliakästchen, Münster 1995.

[16] Martini Luciana/Leonardo Foi: Cofanetti in Pastiglia del Rinasciemento, Italiano. Verona 2000.