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Objekt des Monats Dezember 2019

Schachspiel „Die Hermannsschlacht“, um 1850

Im Lauf der Jahrhunderte kam es zu unzähligen historischen Momenten auf der ganzen Welt. Doch was wenn solch ein Ereignis nicht nur die Zeitgenossen beschäftigt, sondern Tausende Jahre später die Menschen nicht loslässt? Bei einer Schlacht zwischen Römern und Germanen des Jahres 9 n. Chr. handelt es sich genau um so ein Ereignis. Die Rede ist von der Varusschlacht, die in einer Niederlage für das Römische Imperium endete. Im 19. Jh. war die Rezeption dieser Kämpfe – vor allem von dem germanischen Anführer Arminius – am stärksten ausgeprägt. Eine Ausformung davon ist das vorliegende Objekt des Monats – ein Schachspiel aus Eisenkunstguss mit dem Titel „Die Hermannsschlacht“. Dieser Name war zu dieser Zeit gebräuchlich für die Ereignisse aus dem Jahr 9 n. Chr., die uns heute als „Varusschlacht“ oder auch als „Schlacht im Teutoburger Wald“ geläufiger ist. Doch wer ist Sieger, wer Verlierer? Was geschah in den Wäldern Germanien mit Varus und seinen drei Legionen? Was waren die Folgen für Rom und wie nutzte man die Varusschlacht in späteren Jahrhunderten? All diese Fragen werden im Zuge der Ausführungen zum Objekt des Monats beantwortet.

Das Objekt

Inv.-Nr.: 1788, Figurenhöhe: 8 cm

Bei dem Objekt handelt es sich um ein komplettes Set eines Schachspiels aus Eisenkunstguss. Die Figuren sind teilweise versilbert bzw. mit Bronze überzogen. Gegossen wurden die Objekte in der Gießerei Zimmermann Hanau, die 1839 von Ernst Georg Zimmermann gemeinsam mit Alfred Richard Seebaß gegründet wurde. Nach wenigen Jahren ging man getrennte Wege und Ernst Zimmermann führte die Gießerei in Hanau alleine weiter. Eines der berühmtesten Gussobjekte war eben dieses Schachspiel, das unter der Bezeichnung „Hermannsschlacht“ verkauft wurde. Da auch Alfred Seebaß weiter als Gießereibetreiber tätig war und ebenfalls ein sehr ähnliches Schachspiel goss, kam es zu einem Urheberrechtsstreit zwischen beiden.[1]

Als Schachfiguren stehen sich Römer und Germanen – hier in geordneter Aufstellung – gegenüber und symbolisieren so die Varusschlacht. Bei der Betrachtung der Ereignisse des Jahres 9 n. Chr. wird sich zeigen, wie wenig diese Ordnung mit der Realität gemeinsam hat. Als Könige sind die beiden Protagonisten dieses historischen Moments zu sehen: Publius Quintilius Varus und Arminius. Als Figuren der Damen stehen die jeweiligen Gattinnen als starke Frauen neben ihren Männern: Die Römerin Claudia Pulchra und die Germanin Thusnelda.

Bei genauerer Betrachtung fallen einige Merkmale der Figuren auf, die historisch nicht korrekt sind. Arminius trägt einen Flügelhelm, ebenso wie die Figuren der germanischen Läufer und Bauern. In keiner antiken Quelle wird ein derartiges Rüstungsteil erwähnt. Bei den Bauernfiguren der Römer fällt auf, dass diese nicht den typischen, rechteckigen Schild mit leichter Wölbung tragen. Man hat ihnen einen kleinen Rundschild als Verteidigung gegeben. Eine historische Inkorrektheit, die jedoch jedem sofort ins Auge springt, sind die Türme des Schachspiels. Hier handelt es sich nicht – wie häufig – um Gebäude, sondern Elefanten. An dieser Stelle sei gesagt, dass weder die Römer noch die Germanen berühmt für die Verwendung dieser Tiere im Kampf waren. Hier kommen einem eher die Punischen Kriege in den Sinn, denn auf Seiten der Karthager nutzte man Kriegselefanten. Warum diese Form für die Turmfiguren gewählt wurde, kann nicht mehr eruiert werden.

Ein Schachspiel dieser Art bekam der berühmte US-amerikanische Schachspieler Paul Morphy (1837-1884) nach seiner erfolgreichen Tour durch Europa mit zahlreichen Siegen 1859 geschenkt. Weiters gab es 1913 ein Revival dieses ganz besonderen Sets von Figuren. Als vergoldete und versilberte Variante überreichte man dem damaligen Zaren Nikolaus II. dies als Präsent.[2]

Doch warum genau stellte man mit diesem Schachspiel eine Schlacht der Antike dar, die heute bereits 2010 Jahre zurück liegt. Dazu ist es nötig einen Blick auf die damaligen Ereignisse im Teutoburger Wald zu werfen, die zu einem „Schachmatt“ der Römer gegen die Germanen führten.

Die Varusschlacht

Die schriftlichen Quellen, die über die Ereignisse rund um die

Neujahrskarte „Caeliusstein“ der Gießerei Sayn, 1824

Varusschlacht berichten, sind unter anderem Velleius Paterculus in seiner „Römischen Geschichte“, Tacitus in den Annalen sowie Sueton in der Vita des Augustus, aber auch Cassius Dio gibt in seinem Werk „Römische Geschichte“ Auskunft darüber. Da die Germanen nichts Schriftliches hinterlassen haben, kennen wir ihre Sicht der Dinge nicht. Betrachtet man andere Quellenarten so existieren noch Münzen und andere archäologische Funde, die mit der Varusschlacht in Verbindung gebracht werden können. Berühmt ist der sogenannten „Caeliusstein“, der die einzige Inschriftenquelle zu den Ereignissen im Jahr 9 n. Chr. darstellt. Es handelt sich um den Grabstein des Zenturio Marcus Caelius, der als Soldat in der 18. Legion kämpfte und in der Varusschlacht fiel. Dieses historische Objekt wurde – wie viele andere – im 19. Jh. in Eisenkunstguss gebannt. Als Neujahrskarte der Gießerei Sayn (1824) ist er ein Teil der Schell Collection.

Mit dem Jahr 31 v. Chr. endete die Römische Republik und die Kaiserzeit begann. Der erste Kaiser Roms war Augustus, der Großneffe von Julius Caesar. Unter seiner Herrschaft wurde die Nordgrenze bis zur Donau ausgedehnt und man plante Germanien zu erobern. Vor allem nach der Niederlage des Lollius gegen Germanenstämme 17 v. Chr. wurden Drusus und Tiberius, die Stiefsöhne von Augustus, beauftragt, das Gebiet rechts des Rheins zu unterwerfen. Man begann mit der Errichtung einer Provinz, was den Bau von Legionslagern, Straßen sowie die Anwendung von römischem Recht und Verwaltung beinhaltete. Mit dem Ereignis der Varusschlacht hatte das Römische Imperium so nicht gerechnet. Drei Legionen – die 17., 18. und 19. – sowie ihre Hilfstruppen, also mehr als 15.000 Mann waren von germanischen Kriegern vernichtet worden.[3] Soweit das Ergebnis, doch wie hatte es dazu kommen können? In Germanien siedelten zahlreiche Stämme, die sich auch untereinander bekriegten. Von einem Staatenverbund oder gar einer Nation kann nicht die Rede sein. Das Land war unwegsam und hatte ein eher raues Klima. Damit taten sich die Römer schwer. Das Oberkommando in Germanien führte seit 7 n. Chr. Publius Quintilius Varus, der der Schlacht ihren Namen gab. Die Beschreibung von Varus bei Velleius Paterculus lautet wie folgt:

„Quintilius Varus stammte aus einer angesehenen, wenn auch nicht hochadeligen Familie. Er war von milder Gemütsart, ruhigem Temperament, etwas unbeweglich an Körper und Geist […].[4]

Während seines Kommandos begann Varus das römische Recht durchzusetzen und sich über Traditionen und Sitten der Germanen hinweg zu setzen. Dies stieß auf Widerstand, auch wenn sich nicht alle etwas anmerken ließen. Ein Mann auf den Varus große Stücke hielt, weil er als treuer Verbündeter Roms galt, war Arminius. Der junge Germane gehörte zur Oberschicht des Cheruskerstammes. Weiters besaß Arminius das römische Bürgerrecht und kannte sich mit der Kampftaktik der Legionen bestens aus.[5] Velleius Paterculus beschreibt ihn in seinem Werk:

„Es gab damals einen jungen Mann aus vornehmen Geschlecht, der tüchtig im Kampf und rasch in seinem Denken war, ein beweglicherer Geist, als es die Barbaren gewöhnlich sind. Er hieß Arminius und war der Sohn von Sigimer, eines Fürsten jenes Volkes. In seiner Miene und in seinen Augen spiegelte sich sein feuriger Geist.[6]

Arminius scharte nun einen Teil der Cherusker und anderer germanischer Stämme um sich mit dem Ziel die Römer zu schlagen. Man erzählte Varus von einer Revolte im Landesinneren und so machte sich der Statthalter mit drei Legionen auf, diese niederzuschlagen. Zuvor hatten ihn ein Mann namens Segestes, der Schwiegervater des Arminius, vor dessen Hinterhalt gewarnt. Doch Varus war unbeirrbar von der Loyalität und Treue des Arminius überzeugt. Auf seinem Weg marschierte das Heer durch unbekanntes, unwegsames Gebiet, bei dem sich der Zug aus Menschen kilometerweit erstreckte. Arminius war unter dem Vorwand Hilfe bei den verbündeten Stämmen zu suchen davongeritten. Was folgte war ein Angriff der verbündeten Germanenstämme aus dem Hinterhalt. Die Römer waren völlig überrumpelt und es entstanden chaotische Kämpfe. Die Schlacht zog sich über mehrere Tage und am Ende waren unzählige Legionäre gefallen oder gefangen genommen. Einige wie Varus begingen angesichts der Niederlage Selbstmord, andere flohen. Eine ganz besondere Schmach für das Römische Imperium war der Verlust von gleich drei Legionsadlern, den Feldzeichen einer Legion.[7]

Bei Sueton wird erwähnt wie Kaiser Augustus auf die Niederlage reagiert hat. Er soll „Quintili Vare, legiones redde!“[8] (übers. „Quintilius Varus, gib die Legionen zurück!“) gerufen haben. Doch sollte man solche Aussagen in Quellen immer mit einem kritischen Blick betrachten.

Auf die Niederlage des Varus musste Rom allerdings reagieren und so wurden die drei gefallenen Legionen ersetzt und die Rheinarmee von fünf auf acht Legionen aufgestockt. Die Germanicus Feldzüge der Jahre 14-16 n. Chr. hatten den Zweck Vergeltung zu üben, die drei Legionsadler wieder zu beschaffen und auch den Ort der Katastrophe unter die Lupe zu nehmen. Durchgeführt wurde dies von Nero Claudius Germanicus, dem Großneffen von Kaiser Augustus und der Vater des späteren Kaisers Caligula. Bei der Begehung der Örtlichkeit der Varusschlacht wurden auch die Gebeine vieler Gefallener bestattet. Zwei der drei Legionsadler konnten wiedergefunden werden, einer wurde erst unter Kaiser Claudius entdeckt. Im Jahr 16 n. Chr. wurde Germanicus abberufen und erhielt einen Triumph in Rom für seine Verdienste.[9]

Arminius führte die teilweise vereinten Germanenstämme auch in den Germanicus Feldzügen an. In dieser Zeit konnte er den Römern trotzen und auch fast ein zweites Mal an den Rand einer militärischen Katastrophe führen. Ein schwerer Schlag war vermutlich die Geiselnahme seiner schwangeren Frau Thusnelda, die von ihrem Vater Segestes an Germanicus ausgeliefert worden war. In weiterer Folge soll Arminius laut den Quellen nach der Königsherrschaft gestrebt haben, was vielen missfiel. So kam es zu seiner Ermordung im Jahr 21 n. Chr. durch Verwandte.[10]

Ein Diskussionspunkt bis zum heutigen Tag bleibt die Örtlichkeit der Varusschlacht. Im Lauf der Zeit haben sich über 700 Theorien darüber gebildet, die allerdings zu vier Haupttheorien zusammengefasst werden mussten. Von Bedeutung sind die Angaben des Tacitus, der als Schlachtort den „saltus Teutoburgensis“ nennt. Dieser soll sich zwischen den Flüssen Ems und Lippe befinden. Daher auch der Name „Schlacht im Teutoburger Wald“.[11] Ein heißer Kandidat auf den Ort an dem die Varusschlacht stattgefunden hat, ist Kalkriese. Dieser Fundort liegt nördlich von Osnabrück zwischen einem Ausläufer des Wiehengebirges und dem „Großen Moor“. Dort fand man 1987 erste Fundstücke wie Schleuderbleie. Während der Grabungen zeigte sich, dass die Objekte über Kilometer verstreut waren. Münzen, Teile von Waffen und Rüstungen aber auch eine eiserne Reitermaske – das Prunkstück der Ausstellung in Kalkriese – kamen zu Tage. Weiters fand man Knochengruben, die eventuell jene Begräbnisstätten sein könnten, in denen Germanicus die Leichen der gefallenen Soldaten der Varusschlacht beerdigen ließ. Auch eine 400 m lange Wallanlage konnte in Kalkriese ausfindig gemacht werden. 2002 eröffnete man ein Museum inklusive archäologischen Park, um den Fundort der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.[12]

Die Rezeption der Varusschlacht

Im Mittelalter gerieten die antiken Autoren und damit auch das Wissen um die Varusschlacht in Vergessenheit. Kurz nachdem man die „Germania“ (1445) und die „Annalen“ (1508) des Tacitus wiederfand und publizierte, entdeckten die deutschen Humanisten diese für sich und ihre Anliegen. Vor allem eine Aussage des antiken Autors passte perfekt für die Zwecke im Kampf gegen das katholische Rom und damit das Papsttum: Arminius als „Befreier Germaniens“[13]. Zwei Beispiele für die Rezeption von Arminius sollen hier vorgestellt werden.[14] Ulrich von Hutten griff in seinem Arminius Dialog darauf zurück und schrieb folgende Passage über den Germanen: „[…] soll Hermann der Cherusker als der Freieste, Unüberwindlichste und Deutscheste gefeiert werden.“[15] Auch von Martin Luther ist eine Aussage über den Cheruskerfürsten bekannt: „Wenn ich ein poet wer, so wolt ich den celebriren. Ich hab in von hertzen lib.“[16] Dem Reformator und seinem Umfeld ist es auch zu verdanken, dass Arminius eine Namensänderung erfuhr. Aus dem lateinischen Begriff „dux belli“ für „Heerführer“ bzw. „Heermann“ wurde dann der Name „Hermann“.[17]

Doch nicht nur, dass Arminius ein neuer Name verpasst worden war, es erfolgt auch eine Gleichsetzung mit Martin Luther. Beide führten einen Kampf gegen Rom – wenngleich in verschiedener Art und Weise. Im 16. Jh. gab es bereits mehrere Theorien von namhaften Männern zur Örtlichkeit der Varusschlacht. So meinte Luther die Kämpfe haben im Harz stattgefunden, während Philipp Melanchton für Osning oder Kassel plädierte.[18]

Auch in der bildenden Kunst des 16. Jhs. trifft man auf die Varusschlacht und ihre Hauptakteure. So zeigt ein Holzschnitt von Ambrosius Holbein aus der ersten Hälfte des 16. Jhs. Arminius als Landsknechtführer dem Varus entgegentreten. Aus dieser Quelle kann man aber noch etwas mehr herauslesen, wenn man genau hinsieht. Ein Römer trägt einen Schild mit dem Doppeladler der katholisch geprägten Habsburger. Damit stehen Arminius und seine stürmenden Germanen für den noch sehr jungen Protestantismus. Dies ist ein Spiegel der religiösen und politischen Konflikte des 16. Jhs.[19]

Der politische Charakter der Rezeption der Varusschlacht und Arminius veränderte sich im 17. und 18. Jh. Der Cherusker eroberte in Theaterstücken und Opern die Bühnen Europas und fand sich als Titelhelden in so manchem Roman oder Gedicht wieder. Statt der identitätsstiftenden Heldenfigur, die das Vaterland verteidige, wurde nun die Liebesgeschichte zwischen Arminius und Thusnelda ausgeschlachtet. Quasi das Who is Who der deutschen Literatur- und Theaterszene, aber auch zahlreiche französische Autoren thematisierten diesen Teil von Arminius Leben. Beispiele dafür wären Daniel Caspar Lohenstein mit seinem neunbändigen Roman mit einem mehrzeiligen Titel, der alles erwähnt, was der Leser von diesem Buch zu erwarten hat. Friedrich Gottlieb Klopstock widmete sich Arminius gleich viermal während seiner Schaffenszeit, aber auch Johann Wolfgang von Goethe soll an einem Werk über den Cherusker gearbeitet haben. Doch nicht nur die Rolle des Arminius hatte sich verändern, denn sein Gegner war nun nicht mehr der Römer Varus. Zum Bösewicht in den Stücken machte man meistens Arminius Schwiegervater Segestes, der wie erwähnt mit dem Ehemann seiner Tochter Thusnelda nicht einverstanden war. Aber auch musikalisch wurde das Thema aufgearbeitet und so entstanden zwischen 1676 und 1910 rund 75 Opern über die historische Person des Arminius, unter anderem eine von Georg Friedrich Händel.[20]

Auf Gemälden veränderte sich das Aussehen von Arminius dahingehend, dass man ihn nun eher als barocken Fürsten in pompöser Rüstung und fast tänzerischer Körperhaltung darzustellen pflegte. Ein Beispiel ist das Gemälde „Der Triumph Hermanns nach dem Sieg über Varus“ von Johann Tischbein d. Älteren.

Johann Tischbein der Ältere: Der Triumph Hermanns nach seinem Sieg über Varus.

Doch im 19. Jh. fand die Bewunderung von Arminius, aber auch die politische Nutzung seiner Person ihren Höhepunkt. Grund dafür war der bereits Ende des 18. Jh. ausgebrochene Krieg mit Frankreich, den Napoleon dann weiterführte. Teile des heutigen Deutschlands standen unter französischer Besatzung und so entwickelte sich Anfang des 19. Jhs. das Bild vom Erzfeind Frankreich. Man musste nun die Moral der Bevölkerung wieder heben und eine starke Identifikationsfigur bzw. einen Nationalhelden finden, um das Vaterland zu repräsentieren. In dieser Zeit nannte man sich auch „Enkel Hermanns“ oder „Cherusker“. Den Einfluss der politischen Lage sieht man auch in einer der berühmtesten Literaturadaptionen der Varusschlacht, nämlich jener von Heinrich von Kleist mit dem Titel „Die Herrmannsschlacht“ aus dem Jahr 1808. Darin verkörpert der Römer Varus die französische Besatzungsmacht und Arminius den Befreier Germaniens. Dieses Werk fiel zunächst unter die Zensur und erst 1839 kam es zur Erstaufführung.[21]

Kurz zuvor hatte ein gewisser Ernst von Bandel (1800-1876) einen ganz besonderen Auftrag erhalten. Er sollte dem Nationalheld Arminius/Hermann ein Denkmal setzen, wie jemals zuvor. In dieser Zeit dachte man sehr monumental, wie an der Baukunst des 19. Jhs. zu sehen ist. Ein Beispiel wäre die 1842 fertig gestellte Walhalla, die Ruhmeshalle für berühmte Personen deutscher Sprache bei Regensburg. Dort trifft man gleich zweimal auf Arminius: einmal am nördlichen Giebel (Tympanon) in siegreicher Pose vor dem fliehenden Varus und als Tafel Nr. 1 innerhalb der Walhalla.[22]

Arminius im Nordgiebel der Walhalla bei Regensburg

Als Ort für die monumentale Statue des Hermann wählte man die Groteburg bei Detmold, denn dieser Ort galt lange als heißer Favorit für die Ereignisse des Jahres 9 n. Chr. rund um Varus und Arminius. 1841 wurde mit dem Bau begonnen, doch dann zog sich die Sache hin. Es mangelte nämlich an Spenden, um das Denkmal für Arminius zu vollenden. Spott machte sich in der Bevölkerung breit, was beispielhaft im 11. Kapitel des Wintermärchens (1844) von Heinrich Heine zum Ausdruck kommt:

Das ist der Teutoburger Wald,                      Wenn Hermann nicht die Schlacht gewann

Den Tacitus beschrieben,                              Mit seinen blonden Horden,

Das ist der klassische Morast,                      So gäb‘ es die deutsche Freiheit nicht mehr,

Wo Varus steckengeblieben                          Wir wären römisch geworden […]

 

Hier schlug ihn der Cheruskerfürst,           […] O Hermann, dir verdanken wir das!

Der Hermann, der edle Recke;                     Drum wird dir, wie sich gebühret

Die deutsche Nationalität,                            Zu Detmold ein Monument gesetzt;

Die siegte in diesem Drecke.                        Hab‘ selber subskribieret.

Die deutsche Reichseinigung unter einer Kaiserkrone von 1871 brachte dann wieder mehr Schwung in die Erbauung und schon vier Jahre später war es soweit. 1875 fanden im Beisein von Kaiser Wilhelm I. prunkvolle Feierlichkeiten zur Einweihung des Denkmals statt. Insgesamt 53,46 m ragte Arminius als Eisenkonstruktion bedeckt mit Kupferplatten auf einem gewaltigen Unterbau aus Sandstein in den Himmel. Der 40 Tonnen schwere Cheruskerfürst schwingt sein Schwert nach Westen, denn dort wohnte im 19. Jh. der Erzfeind Frankreich. Wie schon bei dem Schachspiel findet sich auch der Flügelhelm bei diesem Arminius wieder. Symbolträchtig steht der deutsche Nationalheld des 19. Jhs. auf einem Adler (lat. aquilia) und einem Rutenbündel (lat. fascis) – beides Zeichen für das Römische Imperium.[23]

Von Arminius existieren aber noch weitere, wenngleich kleinere Statuen. Deutsche Auswanderer nahmen den Cherusker mit nach Übersee. Dort steht er als Statue (Gesamthöhe ca. 30 m) in New Ulm, Minnesota als „Hermann Heights Monument“ aus dem Jahr 1897. Den Stein ins Rollen brachte Julius Berndt, der auch ein Mitglied vom „Order of the Sons of Hermann“ war. Der Spitzname des Monuments lautet „Hermann the German“.[24] Zwei weitere Versionen des Hermannsdenkmal findet man nur, wenn man genau hinsieht. Die eine steht auf einem Haus in Paderborn und die andere – nur wenige Zentimeter groß – in Hamburg im Miniatur Wunderland.

Im 20. Jh. wurde Arminius vor allem während und nach der Zeit des Ersten Weltkrieges wieder als Identifikationsfigur der deutschen Nation gebraucht. In den Jahren nach 1918 galt es die Moral der Bevölkerung wieder zu heben, um so die Rolle des Verlierers ablegen zu können. Arminius fungierte in seiner Funktion als Befreier und Nationalheld wie beispielsweise 1925 bei den Feierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen des Hermannsdenkmals.[25] Während der Zeit des Nationalsozialismus war Arminius für die Ideologie weniger von Bedeutung, sondern man wandte sich eher den Aussagen von Tacitus über die Germanen zu und übernahm, was man für die Propaganda gebrauchen konnte. Dass die Nationalsozialisten Arminius weniger für ihre Zwecke einspannten, hatte mehrere Gründe: er galt eher als Befreier als Eroberer, weiters wollte man dem Verbündeten Italien nicht zu nahetreten.[26]

Erst ab den 1960ern begann eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Arminius und der Varusschlacht, die kritisch hinterfragte und die Quellen nicht ungefiltert als bare Münze nahm. Weiters begab man sich intensiv auf die Suche nach dem Ort der Varusschlacht wie bereits ausgeführt wurde. Vor allem das Jahr 2009 stand vielerorts in Deutschland im Zeichen dieses historischen Moments. 2000 Jahre war es her, dass Varus gegen Arminius eine empfindliche Niederlage erlitten hatte. So kam es zu zahlreichen Jubiläumsfeierlichkeiten, Sonderausstellungen und auch zur Ausgabe einer Sonderbriefmarke.[27]

Bei den Recherchen kamen zwei weitere Schachspiele mit dem Thema Varusschlacht zum Vorschein: eines aus Zinn und eines aus Kunststoff. Bei ersterem ist die Figur der Türme auf jeden Fall besser gewählt, als bei dem Objekt des Monats. Es sind nämlich Säulen und Wachtürme statt Elefanten. Bei dem zweiten modernen Schachspiel fällt vor allem das rosa Kleid von Thusnelda auf. Jeder von uns nimmt ihren Namen – wenngleich abgeändert – häufig in den Mund. Aus der Verniedlichung „Tüsschen“ wurde der Begriff „Tussi“ oder „Tusse“. Dieser hat heute eine negative Besetzung und wurde schon zu Beginn des 20. Jh. zur Bezeichnung von nervigen Ehefrauen oder dümmlichen Dienstboten verwendet. Heute steht das Wort für eine oberflächliche, egozentrisch Frau.[28]

Für alle, die wissen wollen, wie es im Inneren des Hermannsdenkmals aussieht, können sich mit der Sendung mit der Maus auf die Reise begeben.

Die Ereignisse rund um Arminius, Varus & Co. haben auch 2010 Jahre später nichts von ihrer Faszination verloren. Nur die Art der Beschäftigung mit dem Thema oder die Bereiche, die sich dieses historischen Moments bedienen sind etwas breiter gestreut.

Karikatur aus de Jahr 2016. Quelle: https://janson-karikatur.de/tag/varusschlacht/

Text: Mag. Verena Lang

Quellen- und Literaturverzeichnis:

  • Varus, Varus! Antike Texte zur Schlacht im Teutoburger Wald. Lateinisch/Deutsch, Griechisch/Deutsch, Hrsg. Lutz Walther. Verlag Philipp Reclam jun. – Stuttgart – 2019.
  • Bernstein, Eckhard: Ulrich von Hutten. Rowohlt Taschenbuch Verlag – Hamburg – 1988.
  • Dreyer, Boris: Arminius und der Untergang des Varus – Warum die Germanen keine Römer wurden. Klett-Cotta Verlag – Stuttgart – 2009.
  • Moosbauer, Günther: Die Varusschlacht, 2. Aufl. Verlag C.H. Beck – München – 2009.
  • Schaffer-Hartmann, Richard und Reuel, Peter Christian: Hanauer Eisen – Eisenkunstguß von A.R. Seebaß und E.G. Zimmermann. Ausstellung vom 3. Bis 31. Oktober 1999, Museum Hanau, Schloß Philippsruhe. Hanauer Anzeiger Druck- und Verlagshaus – Hanau – 1999.
  • Pall, Martina: Deutsche Gießereien. In: Schmuck und andere Kostbarkeiten – Eisenkunstguss aus der Hanns Schell Collection Graz. Ausstellung vom 26.6.-31.8.2003 im Deutschen Schloss- und Beschlägemuseum Velbert. Eigenverlag – 2003. S. 34-49.
  • Wells, Peter S.: The battle that stopped Rome – Emperor Augustus, Arminius, and the Slaughter of the legions in the Teutoburg forest. W.W. Norton & Company, Inc – New York/London – 2003.
  • Wolters, Reinhard: Die Schlacht im Teutoburger Wald – Arminius, Varus und das römische Germanien, 1. Durchgesehene, aktualisierte und erweiterte Auflage. C.H. Beck Verlag – München – 2008.

[1] Vgl. Schaffer-Hartmann; Reuel: Hanauer Eisen, S. 20f; Pall: Deutsche Gießereien. In: Schmuck und andere Kostbarkeiten aus Eisenkunstguss, S. 41.

[2] Vgl. Schaffer-Hartmann; Reuel: Hanauer Eisen, S. 21.

[3] Vgl. Aigner: Von den Gracchen bis Domitian. In: Grundzüge der politischen Geschichte des Altertums, S. 135; Bringmann: Römische Geschichte, S. 58, 62f.

[4] Vell. Pat. II, 117,2.

[5] Vgl. Moosbauer: Die Varusschlacht, S. 70.

[6] Vell. Pat. II, 118,2.

[7] Vgl. Moosbauer, S. 71f.

[8] Vgl. Suet. Aug. 23,2.

[9] Vgl. Aigner, S. 136; Wolters, S. 127-137.

[10] Vgl. Wolters, S. 137, 140ff.

[11] Vgl. Wolters, S. 151f-156.

[12] Vgl. Dreyer, S. 245f.; Moosbauer, S. 77ff.; Wells, S. 43-55; Wolters, 157ff.

[13] Tac. Ann. II, 88,2.

[14] Vgl. Moosbauer: Die Varusschlacht, S. 113; Wolters: Die Schlacht im Teutoburger Wald, S. 178f.

[15] Vgl. Bernstein: Ulrich von Hutten, S. 83.

[16] Vgl. Wolters, S. 180.

[17] Vgl. Dreyer: Arminius und der Untergang des Varus, S. 230.

[18] Vgl. Moosbauer, S. 113; Wolters, S. 180f.

[19] Vgl. Wolters, S. 178f.

[20] Vgl. Dreyer, S. 231; Wolters, S. 182f.

[21] Vgl. Dreyer, S. 231; Moosbauer, S. 113; Wolters, S. 186.

[22] Vgl. Wolters, S. 187f.

[23] Vgl. Dreyer, S. 232ff; Wolters, S. 188f.

[24] Vgl. Dreyer, S. 236.

[25] Vgl. Dreyer, S. 239f; Wolters, S. 194f.

[26] Vgl. Dreyer, S. 240.

[27] Vgl. Dreyer, S. 241; Moosbauer, S. 114. Wolters, S. 198f.

[28] Vgl. https://www.duden.de/rechtschreibung/Tussi vom 26.11.2019