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Objekt des Monats Mai 2026

Objekt des Monats Mai 2026

Unerschütterlicher Glaube bis zum Ende und darüber hinaus
Ein Kästchen mit christlichen Holzschnittbildern

Abb. 1

Das Objekt:

Inv. Nr. 7180

Maße: 23,5 x 16,5 x 13 cm

Material: Holz (Eiche), Papier, Bleiverglasung

Datierung: 1650

Herkunft: vmtl. Deutschland

Standort: Ab 17. September 2026 bis August 2027 in der Sonderausstellung „Frauenmythen entschlüsseln in der Schell Collection“, Foyer

 

Dieses außergewöhnliche Kästchen (Abb. 1) mit einem Korpus aus Eichenholz besticht durch seine Vielzahl an Darstellungen auf kleinen Holzschnittbildern. Zusätzlich verfügt das Objekt über zwei kleine Laden zum Herausziehen auf der Vorderseite im unteren Bereich. Die Abbildungen sind hinter Bleiglas geschützt. Verschlossen wird das rechteckige Kästchen durch Überfallen, die jeweils mit einem kleinen Vorhangschloss gesichert werden können. Das Objekt wurde vermutlich in Deutschland gefertigt. Die Inschrift (Abb. 17) auf der Unterseite „HL DEN 17 IVLI 1650“ – möglicherweise H[oc] L[oco] (lat. für: hier, an diesem Ort) könnte einerseits angeben, dass dieses Kästchen bzw. der Korpus am 17. Juli 1650 gefertigt oder fertig gestellt wurde oder aber, dass dies ein Geschenk für einen besonderen Anlass war, der an diesem Tag stattfand. Füllornamente bilden die rot/blau/weißen Marmorierungsmuster auf Papier (Abb. 2). Diese traditionelle Technik zur Verzierung von Buchseiten wurde vermutlich im 19. Jahrhundert produziert.

Abb. 2

Sie könnten gemeinsam mit den Holzschnittbildern eine spätere Ergänzung sein.[1] Die Sujets zeigen neben Szenen aus dem Lebenszyklus Jesu auch fünf weibliche Heiligendarstellungen. Der Verbindung von Helena, Regina, Susanna, Barbara und Agnes liegt eines zugrunde – sie sind alle frühchristliche Märtyrerinnen oder Heilige der katholischen Kirche aus der Frühzeit des Christentums. Bis auf eine Ausnahme mussten sie alle aufgrund ihrer Glaubenssätze oder Einstellungen durch die Hand eines Mannes sterben, in vielen Fällen war es der eigene Vater, der den Tod befahl.

Die anderen Bildmotive zeigen hingegen Szenen aus dem Leben von Jesus selbst. Sehen wir uns nun genauer die Vorder- und Rückseite an, die ähnlich zum Deckel in einem Triptychon gestaltet sind. Vorne (Abb. 3) zu sehen sind auf den Darstellungen die Heiligen Drei Könige, der 12-jährige Jesus im Tempel und die Flucht nach Ägypten. Von der Gestaltungsweise könnten auch diese Abbildungen von Holzschnitten stammen, die dann gedruckt und koloriert wurden. Holztafeldrucke ermöglichten die Vervielfältigung von Bildern und Texten zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Bereits seit dem 8. Jahrhundert war diese Technik in Korea bekannt und ist somit keine neue Erfindung, sondern die Weiterentwicklung bereits bestehender Möglichkeiten. Holzschnitte sind ein Hochdruckverfahren, bei dem das Bild in einen Druckstock aus Holz reliefartig geschnitzt wird, um Grafiken zu erzeugen. Einfach erklärt funktioniert das System wie eine Art Stempel. Nach dem Anfertigen wurde der Holzstock in Farbe gewälzt und dann auf Papier übertragen.[2]

 

Abb. 3

 

Szenen aus dem Leben Jesu

Vorderseite des Kästchens

Viele von Ihnen sind sicher bestens vertraut mit der Geschichte rund um das Leben von Jesus Christus. Als kleine Auffrischung gibt es nochmals einen kurzen Einblick in die verschiedenen

Abb. 4

Darstellungen, welche sich auf dem Objekt zeigen. Beginnen wir mit der Abbildung der Heiligen Drei Könige (Abb. 4) oder auch bekannt unter dem Namen „Drei Weise aus dem Morgenland“. Nach Matthäus erfahren Astrologen durch einen Stern von einer Königsgeburt. Mithilfe des Himmelskörpers finden sie das Kind und bringen ihm Gaben wie Gold, Weihrauch und Myrrhe. Der regierende König Jerusalems, Herodes, erschrak über den Hinweis eines neugeborenen Königs aufgrund einer alten Prophezeiung. Er trug den Drei auf, ihn über dessen Auffindung zu benachrichtigen, unter dem Vorwand dem Kind huldigen zu wollen. Die Drei Könige wurden in einem Traum von einem Engel vor Herodes gewarnt (Kindermord in Bethlehem) und kehrten daraufhin auf einem anderen Weg nach Hause zurück ohne den Aufenthalt von Jesus zu verraten. Die drei Geschenke sind sinnbildlich für die Würde Christi. Dabei steht Gold für den König, Weihrauch für den Gott und Myrrhe für den Arzt.[3]

Abb. 5

Mittig findet sich die Szene des zwölfjährigen Jesus, der im Tempel mit Gelehrten (Abb. 5) spricht. Zuvor pilgerte das Kind zusammen mit seinen Eltern Maria und Josef nach Jerusalem zum Passahfest und blieb dann dort. Seine Eltern fanden ihn erst drei Tage später im Tempel, wo er eine Diskussion mit Schriftgelehrten führte. Der Verlust und das Wiederauffinden des Kindes zählen bei der Gottesmutter zu einer der sieben Schmerzen und schlussendlich zu den sieben Freuden. Eine Option der Darstellung im Tempel ist dabei der sogenannte Lehrtypus, hier wird die Szene symmetrisch abgebildet. Die Schriftgelehrten sitzen zu gleichen Teilen auf beiden Seiten, wohingegen beim Diskussionstyps diese zusammengefasst Jesus gegenüberstehen.[4]

 

Abb. 6

In der letzten Szene der Dreiteilung sieht man die Flucht nach Ägypten (Abb. 6). Im Matthäusevangelium wird diese in mehreren Motiven nähergebracht. Hier graphisch dargestellt ist dabei die Flucht nach Ägypten selbst. Maria sitzt mit ihrem Kind frontal auf einem Esel, den Josef führt. Nachdem die Heiligen das Jesuskind anbeteten, wurde Josef vom Engel in einem Traum aufgefordert nach Ägypten zu flüchten. Ziel war es dem Kindermord, durch König Herodes in Auftrag gegeben, zu entgehen. Maria ist meist dem Betrachtenden zugewendet und hält Jesus in ihren Armen. Josef hält dabei die Zügel in der einen Hand, in der anderen führt er meist einen Wanderstock mit sich. Um diese Flucht ranken sich zahlreiche Legenden und Darstellungen und sie kann auch aufgeteilt in mehreren Szenen dargestellt werden.[5]

Rückseite des Kästchens

Abb. 7

Das Sujet auf der Rückseite (Abb. 7) beginnt mit der Szene der Darbringung im Tempel. Zu sehen ist Maria mit Jesus im Tempel vor Simeon (Abb. 8), der ihr die Hände entgegenstreckt. Zu ihren Füßen befinden sich zwei Tauben in einem Käfig.  Erste erhaltene Darstellungen sind in Santa Maria Maggiore in Rom nachgewiesen, schriftliche Überlieferungen sind hingegen in Gaza/Palästina zu finden.  Die Szenen und die Position des Kindes können variieren und veränderten sich im Laufe der Zeit. Anwesend ist immer der ältere Priester Simeon, der das Kind als Heiland erkennt und dies Maria mitteilt.[6]

In der Mitte folgt die bekannte Szene der Fußwaschung während des letzten Abendmahls (Abb. 9). Am Abend vor der Kreuzigung wusch Jesus die Füße seiner Jünger und trocknete diese mit einem Tuch, welches Teil seiner Kleidung war. Die Handlung symbolisiert Demut, den selbstlosen Dienst und die Nächstenliebe von Jesus. Indem er als „Meister“ den eigentlichen Sklavendienst gegenüber seinen Jüngern verrichtet, gibt er ein Beispiel für dienendes Handeln und zeigt die reinigende Liebe Christi.[7]

Der letzte Teil des Triptychons könnte das Motiv der Heilung von Kranken durch Jesus zeigen. Der Glaube und das Vertrauen in Jesus, dass er Wunder vollbringen kann, ist hierbei ein zentrales Element.  Jesus hält seine Hände dabei auf eine Mutter mit ihrem Kind (Abb. 10) gerichtet, um sie herum sind weitere Menschen versammelt. Zu den Wundern Christis zählen unter anderem 20 Krankenheilungen. Meistens handeln die Erzählungen von Einzelpersonen, es sind jedoch auch Heilungen von Gruppen überliefert. Jedoch werden sie nicht einheitlich benannt und wiedergegeben.[8]

 

 

Heilige und Märtyrerinnen

Was kann man sich grundsätzlich unter Heiligen oder Märtyrerinnen vorstellen und wer waren sie? In der katholischen und orthodoxen Kirche sind dies verstorbene und verehrte Persönlichkeiten, die sich dem Glauben Gottes verschrieben haben, ein vorbildliches Leben führten und dabei Gott sehr nahestanden. Dabei ist wichtig zu erwähnen, dass sie zwar verehrt aber nicht angebetet werden sollten.[9]

Den Frauengestalten auf dem Exponat liegen ähnliche Geschichten zugrunde, allesamt bis auf Helena waren sie Jungfrauen und starben für ihren Glauben zu Gott. Sie lehnten die für sie von Männern vorgegebene Rolle ihres Lebens ab. Sie wurden mit unterschiedlichen Methoden gefoltert und mussten am Ende ihr Leben lassen. Als Märtyrerinnen werden sie bis heute verehrt und sind zum Teil Patroninnen von bestimmten Bevölkerungs- und Berufsgruppen. Wie bei allen Überlieferungen können die Legenden in einigen Punkten variieren bzw. gibt es mehrere Erzähltraditionen. Die Auswahl genau dieser Frauen hat keinen bestimmten Zusammenhang. Möglicherweise wurde das Objekt aber als Geschenk an eine Dame überreicht, deswegen hat man sich vermutlich für diese Zusammenstellung an Heiligen entschieden. Bei den Märtyrerinnen ist nicht allein ihre Lebensgeschichte von Bedeutung, sondern ebenso die Umstände und Beweggründe ihres Todes im Glauben an Gott. Auf der Oberseite des Kästchens (Abb. 11) befinden sich die Darstellungen in Form eines Triptychons, wohingegen auf der Seite jeweils nur eine Dame abgebildet wurde.

Abb. 11

Heilige Helena

Abb. 12

Beginnen wir mit der Frau, die mit ihrer Lebensgeschichte aus dem üblichen Schema der anderen heiligen Frauen hinausfällt: Helena – die Mutter von Kaiser Konstantin dem Großen (Abb. 12). Geboren wurde sie um das Jahr 255 von niederem Stand, im Mittelalter jedoch wurde angenommen, dass sie von einem britischen Adelsgeschlecht abstammen könnte. Hierbei sind verschiedene Geschichten im Umlauf. Sie heiratete den römischen Heerführer Constantinus Chlorus und wurde später auch seine Mitregentin, während der Regentschaftszeit zusammen mit Diokletian. Unter ihrem Sohn wurde das Christentum staatlich anerkannt und gefördert. Helena selbst ist als Förderin des Christentums bekannt, sie veranlasste die Errichtung zahlreicher Kirchen, wie beispielsweise der Geburtskirche in Bethlehem. Der Nimbus bei Abbildungen sollte dabei ihre Kaiserwürde versinnbildlichen. Ihr Attribut ist das Kreuz, welches sie seit dem 12. Jahrhundert begleitet. Bei früheren Darstellungen ist es häufig nur ein kleines Handkreuz, dass später von einem großen Standkreuz abgelöst wurde. Hintergrund ist die Zuschreibung der Legende seit Ende des 4. Jahrhunderts, dass sie das Kreuz Christi gefunden haben soll. Oftmals erscheint ihre Darstellung deshalb zusammen mit der Passion und dem Kreuz Christi, wobei sie deutlich untergeordnet erscheint.[10]

Heilige Regina

auch bekannt als die Reine, von Alise/Burgund

Regina wird oftmals als Jungfrau mit Krone, als Zeichen himmlischer Glorie, dargestellt (Abb. 13). Manchmal gesellt sich zu ihrem Attribut ein Kreuz mit Taube darauf hinzu. Die Lebensdaten

Abb. 13

Reginas sind nicht genau bekannt. Wir wissen, dass ihre Mutter bei der Geburt starb und sie von einer christlichen Amme aufgezogen wurde, die sie auch taufen ließ. Ihr Vater war jedoch Heide und verwies sie des Hauses, nachdem sie sich weigerte einem heidnischen Götterfest beizuwohnen. Sie lebte sodann als Eremitin auf dem Land und verdiente ihr Geld als Schafhirtin. Sie sollte einen heidnischen Statthalter aus Rom namens Olibrius ehelichen, was sie ablehnte. Dieser war mit der Aufgabe betraut, Christen zu unterdrücken und zu verfolgen. Von ihrer Schönheit angezogen, wollte er Regina verführen und sie dazu bringen, ihren Glauben abzulegen. Regina wollte ihre Jungfräulichkeit nicht aufgeben, da sie bereits in Beziehung mit Jesus Christus stand. Von Wut gepackt ließ Olibrius sie in den Kerker werfen und foltern. Dort wurde sie öffentlich ausgepeitscht, gefolgt von Verbrennungen durch heiße Kohlen und Flammen. Regina blieb ihren Prinzipien und Glauben treu und wurde weiterhin gefoltert. Nach diesen missglückten Versuchen der Männer ihren Geist zu brechen, enthaupteten sie Regina. Ihr unbändiger Glaube zu Gott und ihre Zuversicht, dass er sie durch diese Qualen leiten wird, machten sie zur Märtyrerin, Heiligen und überzeugten Christin. In völligem Einklang mit ihrem Glauben und Überzeugung, fand sie trotz der Qualen Frieden in der Vereinigung ihrer Seele mit Christus. Dieser Moment ist das Symbol ihres Sieges.[11]

Heilige Susanna

Abb. 14

Die Jungfrau Susanna (Abb. 14) wird häufig mit Palme und Buch assoziiert und gezeigt. Sie war mit Kaiser Diokletian verwandt. Auch sie sollte zwangsverheiratet werden, mit dem Sohn Diokletians, jedoch weigerte sie sich aufgrund ihres Keuschheitsgelübdes und ihrer Hingabe zu Christus. Ihr Vater war Gabinius, ein Priester und ihr Onkel, Gaius, der Bischof von Rom – beide somit dem Christentum zugewandt. Zwei weitere Mitglieder im Kreis Diokletians, Claudius und Maximus, waren hohe Palastbeamte. Ihr Onkel Gaius wurde zuerst gesandt, um Susanna das Angebot dieser Heirat zu unterbreiten. Sie wies dieses Angebot jedoch ab und war nicht bereit, ihre Entscheidung zu ändern. Als nächstes wies Diokletian Maximus an, nach Susanna zu sehen. Nach einer Zusammenkunft beschlossen jedoch Claudius und Maximus zum Christentum zu konvertieren und Susanna nicht zur Zwangsehe zu überreden. Ihre Ablehnung und die Bekehrung von Diokletians Beamten zum Christentum erregten Diokletians Zorn so sehr, dass Susanna und ihre Familie in ihrem Haus verhaftet wurden. Nachdem sie dennoch nicht von ihrem Glauben abzubringen war, wurde sie zum Tode verurteilt. Dabei wurden Claudius und Maximus lebendig verbrannt, Gabinus gefoltert und Susanna in ihrem Haus enthauptet. Diokletians Frau, die selbst heimlich Christin war, begrub Susanna und bewahrte das Blut als Reliquie. Ihr Onkel und Papst Gaius feierte einen Tag nach dem Martyrium eine Messe und bestimmte die Verehrung von Susanna in ihrem Heim. Heute gilt sie als Patronin von Rom.[12]

Auf den Seitenwänden des Kästchens sind die letzten beiden weiblichen Heiligen zu sehen. Links befindet sich die heilige Agnes von Rom und auf der rechten Seite die heilige Barbara.

Heilige Agnes von Rom

Agnes wurde als vornehme Frau einer römischen Familie geboren und erlitt unter Diokletian und Valerian bereits in ihrer Jugend Folter. Sie gilt als Patronin der Jungfrauen und Kinder, als auch der Verlobten, Gärtner und des Trinitarierordens. Dargestellt wird sie seit dem 4. Jahrhundert in Rom, erst im 6. Jahrhundert ist sie im Rest Italiens überliefert. Zu Beginn wurde sie ohne jegliche Attribute gezeigt, später ist ihr das Lamm zugeschrieben (Abb. 15). Der Legende zufolge erschien sie acht Tage nach ihrem Begräbnis ihren Eltern mit einem solchen. Der Name Agnes stammt aus dem griechischen und bedeutet so viel wie „rein“ oder „geweiht“, er wird aber auch mit dem lateinischen Wort agnus, was Lamm bedeutet, in Verbindung gebracht. Zudem nimmt es Bezug auf den Wunsch Agnes, ein Verlöbnis mit Christus einzugehen. Auch sie sollte ursprünglich mit dem Sohn eines Präfekten, eines hohen Beamten, vermählt werden. Ihre Strafe aufgrund der Ablehnung bestand in der öffentlichen Zuschaustellung ihrer Nacktheit, in weiterer Folge sollte sie ihre Jungfräulichkeit in einem Bordell verlieren. Dabei verhüllte aber ihr dichtes Haar ihren Körper und schützte sie, ein Engel reichte ihr ein weißes Gewand. Der für sie ausgewählte Zukünftige fiel, nachdem er Agnes berührte, tot um. Bei einer Feuermarter konnten ihr die Flammen keinen Schaden zufügen, weswegen ihr mit einem Schwert die Kehle durchstoßen wurde. In einer anderen Version wurde sie mit der Waffe erdolcht. In einer weiteren Überlieferung griff der Henker in die Locken der Frau und enthauptete sie. Aus diesem Grund zählen zu ihren Attributen neben dem Lamm auch der Scheiterhaufen, das Schwert und die Haarlocke. Auch ihr hilft ihr unbändiger Glaube an Gott diese unermesslichen Qualen durchzustehen.[13]

 

Heilige Barbara

Die Vita der letzten abgebildeten Jungfrau auf diesem Objekt des Monats unterscheidet sich ein wenig von den anderen. Durch ihre außergewöhnliche Schönheit wurde Barbara (Abb. 16) von ihrem heidnischen Vater Dioscorus in Nikomedien (oder Heliopolis) in einem Turm eingeschlossen. Barbara wandte sich dem Christentum zu und ließ sich taufen, nachdem ihre Lehrer sie von dieser Religion in Kenntnis setzten. Im Turm war ein Badehaus eingebaut, hier ließ sie ein drittes Fenster einbauen als Symbol der Trinität. Nachdem ihr Vater von dieser Tat erfuhr, veranlasste dieser ihre Verurteilung. Ihr gelang die Flucht, auf dieser öffnete sich wundersamerweise ein Fels und schützte sie. In späterer Folge wurde sie durch einen Hirten verraten. Im Kerker erlitt sie starke Marter wie Geißelung mit Ruten sowie die Verbrennung mit Fackeln. Am Ende wurde Barbara nackt auf einen Hügel getrieben und von ihrem eigenen Vater enthauptet, der daraufhin vom Blitz erschlagen wurde. Kurz vor dem Todesmoment betete sie für alle, die der Passion Christi und ihrer Folter gedenken. Sie bat für den Schutz vor Pest, Tod und dem Gericht Gottes. Sie wurde erhört und wurde im Mittelalter schließlich in die Gruppe der 14 Nothelfer aufgenommen. Populär ist sie heute noch auf Sterbebildchen und für Fürbitten einer guten Sterbestunde. Sie zählt als Patronin der Bergknappen und des Bergbaus. Mit ihrem Attribut dem Turm, zählt sie als Beschützerin der Festungen und Türme, gleichwohl der Baumeister und Maurer. Weitere Attribute können die Fackel, eine Straußenfeder, ein Kelch mit Hostie oder auch die Figur des Dioscuros sein. Vom 14. bis zum 18. Jahrhundert ist die Krone ein ständiger Begleiter. Mit Margaretha und Katharina zählt sie zudem zu den „drei heiligen Madl’n“. Ikonographisch wird Barbara häufig in Szenen ihrer Vita abgebildet.[14]

Viele von Ihnen kennen sicher auch den mit ihr in Verbindung stehenden Brauch der Barbarazweige. Am 4. Dezember, dem Gedenktag von Barbara, soll von Obstbäumen ein kleiner Zweig abgeschnitten und in eine Vase mit Wasser gestellt werden. Blühen diese am Christtag, dann bedeutet es Glück für das neue Jahr. Zurückzuführen ist dies auf die Szene, wo Barbara auf dem Weg ins Gefängnis mit ihrem Gewand an einem Zweig hängen blieb. Den abgebrochenen Ast stellte die junge Frau ins Wasser. Der Zweig soll an dem Tag, als ihr Leben beendet wurde, erblüht sein.[15]

Abb. 17

Einige der dargestellten Frauen erlitten aufgrund ihres Glaubens an Jesus Christus schwere Qualen und Verfolgung. Dabei rückt auch ihre bewusste Entscheidung der Jungfräulichkeit in den Fokus, die sie nicht zugunsten einer erzwungenen Verbindung mit einem Mann aufgeben wollten. Helena von Konstantinopel steht als Auffinderin des Kreuzes eine eigene Rolle zu. Gleichwohl sind all diese Frauen als Heilige und Märtyrerinnen für das Christentum von signifikanter Bedeutung. Ihren Lebensgeschichten bzw. ihren Glaubenseinstellungen liegen ähnliche Motive zugrunde, auch wenn sie darüber hinaus keine eindeutigen Gemeinsamkeiten aufweisen. Sie sind Zeuginnen dafür, dass ein unerschütterlicher Glaube den Geist selbst unter größter Qual nicht brechen kann und dass mithilfe von Überzeugungen selbst grausamste Foltermethoden überwunden werden können. Zugleich erzählen ihre Überlieferungen von Unterdrückung, aber auch gleichermaßen von Selbstbestimmung. Sie zählen zu den frühen Beispielen dafür, dass Frauen für ihre eigenen Überzeugungen einstehen und sich nicht von ihren Männern oder Vätern ihr Leben vorherbestimmen lassen.

Gleichzeitig ist das Thema der Jungfräulichkeit ein wesentlicher Bestandteil ihrer Geschichten. Frauen waren für Männer wertvoll und zum Heiraten gedacht, wenn sie jungfräulich waren. Andernfalls würde ihr „Wert“ drastisch sinken und sie wären nicht mehr für den Heiratsmarkt angemessen bei der höheren Gesellschaft. Gleichwohl wurden sie gefoltert und getötet, wenn sie ihre Jungfräulichkeit für einen Mann nicht aufgeben wollten und wurden wie am Beispiel von Agnes sogar vor dem Tod ihrer Jungfräulichkeit beraubt.

In vielen Gesellschaften wurde der Wert einer Frau lange Zeit maßgeblich an ihre Jungfräulichkeit geknüpft. Sie galt als Voraussetzung für eine standesgemäße Heirat, insbesondere in höheren sozialen Schichten, wie hier beispielsweise bei der Heirat eines Beamten. Verlor eine Frau diesen Status, wurde ihr gesellschaftlicher „Wert“ drastisch herabgesetzt und ihre Chancen auf eine (angesehene) Verbindung schwanden fast gänzlich. Da hier einige der Frauen aus gesellschaftlich höher gestellten Familien mit wichtigen Verbindungen stammten, ist dies von signifikanter Bedeutung. Gleichzeitig zeigt sich darin die Doppelmoral: Frauen, die sich weigerten, ihre Jungfräulichkeit einem Mann zu schenken, waren in der Vergangenheit oft Gewalt, Folter und sogar dem Tod ausgesetzt. Wie im Fall von Agnes, sollte ihr dies vor dem Tod noch gewaltsam weggenommen werden.

Auch heute noch werden Frauen aufgrund ihres Geschlechts oder Religion gefoltert und verfolgt. Die Geschichten der abgebildeten Heiligen zeigen deren unüberwindbaren Glauben an Gott und Jesus, den selbst die grausamste Folter nicht brechen konnte. Ihre Überzeugungen und Gebete ließen sie zu Märtyrerinnen und Heiligen aufsteigen. Schon seit jeher gibt es tiefgreifende religiöse und politische Uneinigkeiten bzw. Verfolgungen und Unterdrückung auf der ganzen Welt. Konfessionen spalteten sowohl Politik, als auch die Bevölkerung in Gruppen. Die verschiedenen Religionen und Glaubenseinstellungen innerhalb von Familien tragen seitdem auch signifikant zu Auseinandersetzungen und schließlich zur Unterdrückung der Frauen bei. Sollte nun ihr Interesse geweckt sein, mehr über Hintergründe, Geschichten und Mythen zu verschiedenen Frauenfiguren zu erfahren, besuchen Sie gerne die Sonderausstellung „Frauenmythen entschlüsseln in der Schell Collection“, die am 17. September 2026 eröffnet wird.

Text: Jasmin Längle, MA

 

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1-17: Kästchen mit Holzschnittbildern, 1650, Deutschland, Inv. Nr. 7180 © Schell Collection, Graz

Literaturverzeichnis

Braunfels, Wolfgang: Wunder Christi (Wunderheilung). In: Kirschbaum, Engelbert (Hg.): Lexikon der christlichen Ikonographie 4. Allgemeine Ikonographie S-Z. Darmstadt 2015, Sp. 542-549.

Giess, Hildegard: Die Darstellung der Fusswaschung Christi in den Kunstwerken des 4.-12. Jahrhunderts. Rom 1962.

Hartmann, Peter Wulf: Kunstlexikon. Wien 1996.

Lucchesi Palli, Elisabeth/Hoffscholte, Lidwina Maria Margreta: Darbringung im Tempel. In: Kirschbaum, Engelbert (Hg.): Lexikon der christlichen Ikonographie 1. Allgemeine Ikonographie A-E. Darmstadt 2015, Sp. 473-477.

Mertens, Sabine: Von der Handschrift zur mechanischen Vervielfältigung. In: Gutenberg Museum (Hg.): Blockbücher des Mittelalters. Bilderfolgen als Lektüre. Ausst.-Kat., Frankfurt am Main 1991, S. 27-34.

Osteneck, Volker: Zwölfjähriger Jesus im Tempel. In: Kirschbaum, Engelbert (Hg.): Lexikon der christlichen Ikonographie 4. Allgemeine Ikonographie S-Z. Darmstadt 2015, Sp. 583-589.

Petzold, Leander: Barbara. In: Braunfels, Wolfgang (Hg.): Lexikon der christlichen Ikonographie 5. Ikonographie der Heiligen Aaron bis Crescentianus von Rom. Darmstadt 2015, Sp. 304-311.

Plassmann, Hermann Ernst: Regina. In: Bautz, Friedrich Wilhelm (Hg.): Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Band 7. Patočka, Jan bis Remachus. Herzberg 1994.

Schweicher, Curt/Jászai, Géza: Flucht nach Ägypten. In: Kirschbaum, Engelbert (Hg.): Lexikon der christlichen Ikonographie 2. Allgemeine Ikonographie F-K. Darmstadt 2015, Sp. 43-50.

Smith, Michael Quinton: Drei Könige. In: Kirschbaum, Engelbert (Hg.): Lexikon der christlichen Ikonographie 1. Allgemeine Ikonographie A-E. Darmstadt 2015, Sp. 539-552.

Stift Göttweig, et. al (Hg.): Europäische Buntpapiere. Barock bis Jugendstil. Ausst.-Kat., Wien 1984.

Squarr, Christel: Susanna von Rom mit Maximus, Claudius, Prepedigna, Alexander und Cuzias. In: Braunfels, Wolfgang (Hg.): Lexikon der christlichen Ikonographie 8. Ikonographie der Heiligen Meletius bis Zweiundvierzig Martyrer Register. Darmstadt 2015, Sp. 415-416.

Tschochner, Friederike: Regina (Reine) von Alise. In: Braunfels, Wolfgang (Hg.): Lexikon der christlichen Ikonographie 8. Ikonographie der Heiligen Meletius bis Zweiundvierzig Martyrer Register. Darmstadt 2015, Sp. 256-257.

Tschochner-Werner, Friederike: Helena, Kaiserin. In: Kirschbaum, Engelbert (Hg.): Lexikon der christlichen Ikonographie 6. Ikonographie der Heiligen Crescentianus von Tuni bis Innocenti. Darmstadt 2015, Sp. 485-490.

Zimmermanns, Klaus: Agnes von Rom. In: Braunfels, Wolfgang (Hg.): Lexikon der christlichen Ikonographie 5. Ikonographie der Heiligen Aaron bis Crescentianus von Rom. Darmstadt 2015, Sp. 58-63.

Online Quellen

Relics: Sankt Regina. Eine legendäre Heilige und Märtyrerin, 6.01.2025, https://relics.es/de/blogs/relics/heilige-reine-eine-heilige-und-legendaere-martyrerin, zugegriffen am: 14.04.2026.

Erzbistum Köln: Die heilige Barbara und der blühende Zweig, 6.11.2025, https://www.erzbistum-koeln.de/presse_und_medien/magazin/Die-heilige-Barbara-und-der-bluehende-Zweig/, zugegriffen am: 23.04.2026.

Vatican News: Hl. Susanna, Märtyrerin, 11.08., https://www.vaticannews.va/de/tagesheiliger/08/11/hl–susanna–maertyrerin.html, zugegriffen am: 10.04.2026.

 

 

[1] Vgl. Stift Göttweig, 1984, S. 42.

[2] Vgl. Mertens, 1991, S. 27-31.

[3] Vgl. Smith, 2015, Sp. 540 und vgl. Hartmann, 1996, S. 74.

[4] Vgl. Osteneck, 2015, Sp. 583-586.

[5] Vgl. Hartmann, S. 492f. und vgl. Schweicher/Jászai, 2015, Sp. 43-47.

[6] Vgl. Lucchesi Palli/Hoffscholte, 2015, Sp. 474f. und vgl. Hartmann, 1996, S. 492f.

[7] Vgl. Giess, 1962, S. 1-5.

[8] Vgl. Braunfels, 2015, Sp. 543.

[9] Vgl. Hartmann, 1996, S. 627f.

[10] Vgl. Tschochner-Werner, 2015, Sp. 485-489 und vgl. Hartmann, 1996, S. 636.

[11] Vgl. Tschochner, 2015, Sp. 256f. und vgl. Plassmann, 1994, Sp. 1480. und vgl. Relics, 2025, o.A.

[12] Vgl. Squarr, 2015, Sp. 415f. und vgl. Vatican News, o.A.

[13] Vgl. Zimmermanns, 2015, Sp. 58-63 und vgl. Hartmann, 1996, S. 42.

[14] Vgl. Petzold, 2015, Sp. 304-310.

[15] Vgl. Erzbistum Köln, 2025, o.A.