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Objekt des Monats – August 2019

Shibayama Kästchen – Japanische Blumen für Europa

Datierung: Ende 19. Jahrhundert (ca. 1890)

Herkunft: Japan

Material: Elfenbein, Perlmutt, Schildpatt, Halbedelsteine, Koralle, Silber

Maße: 11 x 8 x 9 cm

Inventarnummer: 6395

 

Irasshaimase! Willkommen zu einem neuen Objekt des Monats!

Das kleine japanische Kästchen aus Elfenbeinplatten ist ein kodansu. Ein kleines Möbelstück mit mehreren Laden, das zur Aufbewahrung von kleinen persönlichen Gegenständen wie Kämmen, Haarnadeln oder Schmuckstücken diente.[1]

Unser kodansu besteht aus dünnen rechteckigen Elfenbeinplatten mit besonderen floralen Einlegearbeiten. Diese sind mit unterschiedlichen Materialien ausgeführt und bestehen aus verschiedenen Arten von Perlmutt (teilweise gefärbt), Koralle, Schildpatt und Halbedelsteinen. Die jeweiligen Motive zeigen eine Vielzahl an japanischen Blumen und Gräsern wie Pfingstrosen, Chrysanthemen, Iris, rote Beeren, Hortensien und Kirschblüten, um nur einige zu nennen. Die in den Elfenbeingrund eingravierten Äste sind braun ausgemalen.

An der Vorderseite ist ein Türchen angebracht und wenn man es öffnet, befinden sich im Inneren zwei Schubladen. Alle Ecke sind mit silbernen Beschlägen versehen. Die Scharniere, das Schloss, die Zieher und der geschwungene Tragegriff am Deckel bestehen ebenfalls aus Silber. Das florale Motiv des Kästchens aufgreifend, haben die zwei Zieher an den Schubladen die Form von Knospen und der Türgriff die einer offenen Blüte. Alle Teile aus Silber wurden mit der sogenannten nanako Technik bearbeitet. Nanako bedeutet soviel wie „Fischrogen Oberfläche“ und ist eine besondere Technik in der Metallbearbeitung, bei der die Fläche mit winzigen rundkörnigen Punzierungen versehen wird. Diese und ähnliche Techniken entwickelten sich in Japan, da eine helle glänzende Oberfläche bei Objekten aus Metall meist als geschmacklos angesehen wurde.[2]

Alle Außenseiten des Kästchens, inklusive der Oberseite, dem Türinneren und den beiden Schubladen, sind mit einer besonderen Art von Intarsie geschmückt. Intarsien sind üblicherweise in Holz versenkte Einlagen aus verschiedenen Materialen wie Bein, Elfenbein, Perlmutter oder andersfarbigem Holz. Diese Einlagen können glatt sein oder im Relief über die Oberfläche hinausragen, dann spricht man von einer Reliefintarsie.[3] Die üppigen floralen Einlegearbeiten unseres Kästchens sind zum Großteil als solche Reliefintarsien ausgeführt. Lediglich die Innenseite des Türchens hat flache Intarsien, wohl um es leichter schließen zu können. Diese Reliefintarsien sind das Markenzeichen der japanischen Shibayama Schule.

Die Kunst des Shibayama

Shibayama ist eine japanische Intarsientechnik des späten 18. und 19. Jahrhunderts. Fein geschnitzte Stücke aus Perlmutter, Koralle, Schildpatt, Horn, Halbedelsteine oder (Edel-) Metall  werden dabei in Lackarbeiten oder Elfenbein eingelegt. Die Shibayama Technik unterscheidet sich von anderen dadurch, dass die geschnitzten Intarsien zum Teil als Relief ausgeführt sind. [4]

Entwickelt wurde der Stil von Ōnoki Senzō[5], einem Kurzwarenhändler in Edo, der zu Zeiten der An’ei Ära (1772-1781) während des Shōgunats (Shōgun ist der Militärherrscher, der das Land anstelle des machtlosen Kaisers regierte) von Tokugawa Ienari (1773-1841) lebte. Er gab seinen Arbeiten den Namen Shibayama, nach seiner Heimatstadt, die sich heute in der Präfektur Chiba befindet. Einlegearbeiten im Shibayama Stil wurden rasch populär, folglich nahm er diesen Namen auch selbst an und war als Shibayama Senzō (bzw. auch Dōshō) bekannt. Ihn und seine Nachfolger kennt man als Vertreter der Shibayama Schule. Der Shōgun selbst, die japanischen Feudalherren (genannt daimyō), und reiche Kaufleute gehörten zu den Förderern der Shibayama.[6]

Wie entsteht ein Objekt im Shibayama Stil?

Zunächst wird über das Material und die Größe der gewünschten Intarsie entschieden. Beim Shibayama Stil ist Perlmutt, wie man auch bei unserem kodansu gut erkennen kann, eines der am häufigsten verwendeten Materialien. Perlmutt ist die irisierende und glänzende Innenschicht der Schalen von Weichtieren wie Muscheln und einiger Arten von Meeresschnecken. Es besteht aus dünnen flach aufeinanderliegenden Kalkblättchen und lässt sich sehr gut bearbeiten. Turbanschnecken, Nautilusschalen und sogenannte Haliotis (Seeohren), zu denen auch die in Japan beliebten Awabi-Muscheln zählen, werden sehr häufig verwendet.[7] Welche unterschiedlichen Färbungen die verschiedenen Arten von Perlmutt haben, lässt sich auch bei unserem Objekt sehr gut erkennen. Die milchig-weißen Blüten wurden aus Nautilusschale hergestellt. Die Intarsienstücke aus Haliotisschale hingegen schillern in verschiedenen Nuancen von violett, blau und grün.[8]

Stimmen Stärke und Glanz, wird ein Papier mit dem gewünschten Motiv auf der Muschel angebracht und die gewählte Form ausgesägt. Anschließend werden die Ecken geglättet und poliert und dann die Details eingeritzt. Ist die Intarsie fertig, wird sie vorübergehend auf dem ausgewählten Grund befestigt. Mit einem einem spitzen Werkzeug werden dann die Umrisse eingestanzt und diese anschließend ausgehöhlt, um eine genau passende Vertiefung zu schaffen. Zuletzt wird die Intarsie in dieser Vertiefung befestigt. Verschiedenste Schnitzeisen und Messer werden benötigt um eine Shibayama Intarsie herzustellen.[9]

Ein Video[10] und die Abbildungen zeigen sehr schön die verschiedenen Phasen des Herstellungsprozesses.

Blumen in der japanischen Kunst

Die japanische Kunst kennt eine lange Tradition von Tier- und Pflanzendarstellungen, die vor allem in ihren frühen Formen stark von der chinesischen Kunst beeinflusst war. Bis zum 17. Jahrhundert bevorzugte man mächtige und mythische Figuren wie Drache, Phönix oder Tiger. Als der Einfluss der Samurai zu schwinden begann und sich eine urbane Kultur, getragen von reichen Kaufleuten entwickelte, veränderten sich auch die Motive. Blumen und Vögel schätzte man nicht nur wegen ihrer Schönheit, sondern auch aufgrund ihrer Symbolik. [11]

Infolge der klimatischen und geografischen Bedingungen verfügt Japan über eine reiche Fauna und Flora, die Künstlern aller Sparten als Inspiration und Vorlage diente. Es entwickelten sich Malanleitungsbücher, eines der bekanntesten ist das aus China stammende „Malereihandbuch des Senfkorngartens“, in denen die Art der Darstellung von Tieren und Pflanzen erklärt und festgelegt wurden. Blumen wie die Chrysantheme oder die Pfingstrose wurden mit botanischer Genauigkeit wiedergegeben und dabei gleichzeitig künstlerisch auf ihre Grundwerte reduziert. Diese Art der Darstellung war es auch, die europäischen Künstler Ende des 19. Jahrhunderts begeisterte und stark beeinflusste. Neben der künstlerischen Anschauung besitzen die japanischen Darstellungen immer auch eine symbolische Ebene.[12]

Blumen- und Tierdarstellungen sind auch das bevorzugte Motiv für Objekte im Shibayama Stil. Dass spezifische Darstellungstraditionen existierten, lässt sich gut erkennen, wenn man die Blumenintarsien, hier zum Beispiel die Iris, den Abbildungen aus dem Senfkorngarten gegenüberstellt. Zum Vergleich eignet sich das Bild „Iris and Rock“ aus dem 1701 erschienen 2. Teil des „Malereihandbuchs des Senfkorngartens“ der Sammlung des British Museums.[13] Die Iris gilt als ein Symbol des Sieges und gehört zusammen mit der Winterpflaumenblüte, dem Bambus und der Chrysantheme zu den vier edlen Pflanzen.[14]

Shibayama zwischen Tokugawa und Meiji

Um die Entstehungsgeschichte des Shibayama Kästchens zu verstehen, muss es in einem historischen Kontext verortet werden. Als die ersten Europäer vermutlich 1542 die Insel betraten, befand sich Japan inmitten einer Periode kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen den Feudalherren um die Vorherrschaft. Trotzdem entwickelten sich rege Handelstätigkeiten, vor allem mit Portugal und den Niederlanden. Aus den Wirren der Reichseinigung ging die Familie der Tokugawa siegreich hervor, sie sollten Japan für die nächsten 200 Jahre regieren. Da man den stärker werdenden Einfluss der Europäer und ihres christlichen Glaubens fürchtete, wurde in den 1630er Jahren eine Abschließung Japans von der Außenwelt (sakoku) beschlossen. Über 200 Jahre beschränkte sich der Kontakt auf ein Minimum, lediglich China und den Niederlanden waren kleine abgesperrte Handelsniederlassungen erlaubt. Probleme im Inneren und Druck von außen führten schließlich Mitte des 19. Jahrhunderts zur Öffnung des Landes und dem Ende der Tokugawa Shogune. Die sogenannte Meiji Restauration (1868), nun mit dem Tenno als Staatsoberhaupt, zielte mit sozialen und wirtschaftlichen Reformationen darauf ab schnellstmöglich mit den Ländern des imperialistischer Westens gleichzuziehen. Innerhalb kürzester Zeit schaffte Japan die Entwicklung vom feudalistischen Staat zu einer modernen Industrienation.[15]

1859 sah sich die Tokugawa Regierung durch Druck der USA gezwungen, den Hafen von Yokohama zu öffnen; in den folgenden Jahren sollten weitere folgen. Die neue Meiji Regierung forcierte sehr bald den Export japanischen Kunsthandwerks, genauso wie Seide und Tee, um ausländisches Kapital ins Land zu holen. Die Einzigartigkeit der traditionellen japanischen Künste mit der ihnen eigenen Ästhetik und hoch entwickelten Techniken wurden bewusst zur Schau gestellt.[16] Sehr bald nach der Öffnung, nutzte Japan die viel Aufmerksamkeit erregenden Weltausstellungen als Plattform. Obwohl man schon an der Weltausstellung in Paris 1867 teilnahm, wurde dort nur ein kleiner Pavillon errichtet. Man beschränkte sich auf Fächer, Textilien und Papier, die jedoch bunt durcheinander ausgestellt wurden. Die Teilnahme an der Wiener Weltausstellung 1873 jedoch, übertraf dies an Größe und Qualität bei weitem. Bereits wenige Tage nach der offiziellen Einladung wurde von der Meiji Regierung eine Ausstellungskommission ins Leben gerufen. 4377 japanische Aussteller nahmen in Wien teil, 6668 Exponate wurden gezeigt. Zusätzlich wurde auch ein japanischer Garten errichtet, der ein besonderer Anziehungspunkt war.[17]

Man legte bei den Ausstellungsstücken ein besonderes Augenmerk auf hand- und kunsthandwerkliche Arbeiten, da man früh ihr Verkaufspotential im Westen erkannte, nicht zuletzt durch den im 19. Jahrhundert einsetzenden Japonismus. Auch Shibayama Objekte wurden auf den Weltausstellungen gezeigt und fanden großen Anklang. Bald wurden sie auch zu beliebten Souvenirs. Da sich Markt und Nachfrage veränderten, begann man Objekte herzustellen, die eigens für den europäischen oder amerikanischen Markt bestimmt waren.[18] Die Herstellung von Shibayama Objekten verlagerte sich aufgrund der großen Nachfrage nach Yokohama. Man beschränkte die Designs und spezialisierte die einzelnen Herstellungsschritte durch Arbeitsteilung um in größeren Mengen produzieren zu können. Es entwickelte sich ein eigener Yokohama-Stil, der speziell auf die Geschmäcker der westlichen Kunden zugeschnitten war.[19] Auch die Herstellung unseres Kästchens, wohl um 1890, fällt in diese Zeit und es ist zu vermuten, dass es eigens für den Export hergestellt wurde. Sind die einzelnen Blüten sehr wohl mit großer Kunstfertigkeit und in der japanischen Darstellungstradition angefertigt, ist das Design der überbordenden Blumenvielfalt wohl zu überladen für den japanischen Geschmack.

Während der Hochzeit der Produktion, kurz vor dem zweiten Weltkrieg, waren in Yokohama um die 500 Shibayama Künstler beschäftigt. Das Kunsthandwerk war aber zu einer Massenproduktion für Touristensouvenirs geworden. Das große Kantō Erdbeben 1923 und die Luftangriffe während des Zweiten Weltkriegs hatten allerdings verheerende Auswirkungen auf die Produktion. Heute gibt es nur mehr wenige die das Shibayama Kunsthandwerk beherrschen, diese sind aber bemüht es in seiner ursprünglichen Kunstfertigkeit zu bewahren.[20]

 

Verfasserin: Julia Pfisterer, BA

 

Literaturverzeichnis:

Grospietsch, Hans-Dieter: Vom Zauber alter Einlegearbeiten. Freiburg, 1982.

Hartmann, Peter W.: Kunstlexikon. Wien, 1996.

Jahss, Melvin/ Jahss, Betty: Inro and other Miniature Forms of Japanese Lacquer Art. Tokyo, 1981.

Kopplin, Monika: Ostasiatische Lackkunst. Münster, o.J.

Minichberger, Anna: Die japanischen Lackarbeiten der Wiener Weltausstellung von 1873 im Österreichischen Museum für Angewandte Kunst. Diplomarbeit der U Wien, 2007.

Pohl, Manfred: Geschichte Japans. München, 2008.

Wichmann, Siegfried: Japonismus. Ostasien – Europa Begegnungen in der Kunst des 19. Und 20. Jahrhunderts. Herrsching, 1987.

 

Tanaka, Atsuko: Shibayama Inlay. https://artsandculture.google.com/exhibit/lAIisfPbYrziIg, abgerufen am 25.07.2019.

https://www.sieboldhuis.org/en/exhibitions/kach%C5%8Dga-de-po%C3%ABzie-van-de-japanse-natuur, abgerufen am 25.07.2019.

https://www.britishmuseum.org/research/collection_online/collection_object_details.aspx?objectId=268625&partId=1&place=89970&plaA=89970-1-2&page=1, abgerufen am 25.07.2019.

 

Abbildungen:

Abb. 4: https://artsandculture.google.com/exhibit/lAIisfPbYrziIg

Abb. 5: https://artsandculture.google.com/exhibit/lAIisfPbYrziIg

Abb. 6: https://artsandculture.google.com/exhibit/lAIisfPbYrziIg

Abb. 9: https://www.britishmuseum.org/research/collection_online/collection_object_details.aspx?objectId=268625&partId=1&place=89970&plaA=89970-1-2&page=1

 

Anmerkung: Sämtliche Rechte der Bilder des British Museums und Google Arts & Culture liegen bei denselben.

[1]Vgl. https://artsandculture.google.com/asset/kodansu/0QGyDv3cJTStag, abgerufen am 25.07.2019.

[2]Vgl. Jahss: Inro and other Miniature Forms of Japanese Lacquer Art, 1981, S. 138-139.

[3] Vgl. Hartmann: Kunstlexikon, 1996, S. 711, s.v. Intarsie.

[4] Vgl. Hartmann: Kunstlexikon, 1996, S. 711, s.v. Intarsie; vgl. auch: Hartmann: Kunstlexikon, 1996, S. 1396, s.v. Shibayama.

[5] Wie in Japan üblich, steht der Familienname vor dem Vornamen.

[6] Vgl. Tanaka: Shibayama Inlay, https://artsandculture.google.com/exhibit/lAIisfPbYrziIg, abgerufen am 25.07.2019.

[7] Vgl. Hartmann: Kunstlexikon, 1996, S. 711, s.v. Intarsie; vgl. auch: Grospietsch: Vom Zauber alter Einlegearbeiten, 1982, S. 18.

[8] Vgl. Kopplin: Ostasiatische Lackkunst, o.J., S.166-167.

[9] Vgl. Tanaka: Shibayama Inlay, https://artsandculture.google.com/exhibit/lAIisfPbYrziIg, abgerufen am.

[10] Japanese Craftsmanship: https://www.youtube.com/watch?v=iVpUqYYowCo, abgerufen am 25.07.2019.

[11] Vgl. https://www.sieboldhuis.org/en/exhibitions/kach%C5%8Dga-de-po%C3%ABzie-van-de-japanse-natuur, abgerufen am 25.07.2019.

[12] Vgl. Wichmann: Japonismus, 1987, S. 74-75.

[13] Vgl. https://www.britishmuseum.org/research/collection_online/collection_object_details.aspx?objectId=268625&partId=1&place=89970&plaA=89970-1-2&page=1, abgerufen am 25.07.2019.

[14] Vgl. Wichmann: Japonismus, 1987, S. 89.

[15] Vgl. Pohl: Geschichte Japans, 2008, S. 46-68.

[16] Vgl. Tanaka: Shibayama Inlay, https://artsandculture.google.com/exhibit/lAIisfPbYrziIg, abgerufen am 25.07.2019.

[17] Vgl. Minichberger: Die japanischen Lackarbeiten der Wiener Weltausstellung von 1873 im Österreichischen Museum für Angewandte Kunst, 2007, S. 7, 13, 16.

[18] Vgl. Minichberger: Die japanischen Lackarbeiten der Wiener Weltausstellung von 1873 im Österreichischen Museum für Angewandte Kunst, 2007, S. 18, 80; vgl auch: Tanaka: Shibayama Inlay, https://artsandculture.google.com/exhibit/lAIisfPbYrziIg, abgerufen am 25.07.2019.

[19] Vgl.: Tanaka: Shibayama Inlay, https://artsandculture.google.com/exhibit/lAIisfPbYrziIg, abgerufen am 25.07.2019.

[20] Vgl. Tanaka: Shibayama Inlay, https://artsandculture.google.com/exhibit/lAIisfPbYrziIg, abgerufen am 25.07.2019.