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Objekt des Monats Juni 2026

Objekt des Monats Juni 2026

Judith und Holofernes auf Wismutgrund

Keine Liebesgeschichte

 

Beim Objekt des Monats Juni handelt es sich um eine hölzerne Kassette aus der Renaissance, deren Außenfläche mit Wismutmalerei geschmückt ist. Darauf zu sehen ist eine Szene aus den alttestamentarischen Apokryphen, nämlich aus dem Buch Judith. Die Protagonistin, eine jüdische Witwe, befreit ihre Heimatstadt von der Belagerung durch das assyrische Heer, indem sie dessen Hauptmann Holofernes eigenhändig enthauptet. Ihre Geschichte gehört zu den am häufigsten dargestellten Themen der christlichen Kunst. Wenn Sie also mehr über Judiths Geschichte und die Technik der Wismutmalerei erfahren möchten, dann sind Sie hier genau richtig!

Abb. 1: Wismutkästchen mit Judith und Holofernes, Deutschland, 16. Jahrhundert.

Das Objekt

Inventarnummer: 4219

Standort: von September 2026 bis August 2027 in der Sonderausstellung „Frauenmythen entschlüsseln“ im Foyer der Schell Collection zu besichtigen

Maße: 30,5 x 22 x 12,5 cm

Datierung: wahrscheinlich 16. Jahrhundert

Herkunft: deutschsprachiger Raum, möglicherweise Bad Wildbad in Deutschland

Der Korpus des Objekts besteht aus Holz und hat einen rechteckigen Grundriss. Die gesamte Außenfläche ist mit Wismutmalerei überzogen, allein der Boden ist schmucklos. An den vier Seitenwänden sieht man florale Motive, Rankenwerk und Granatäpfel auf dunklem Grund. Besonders interessant ist allerdings die Abbildung am Deckel, die eingangs schon erwähnt wurde. Zu sehen ist die in der Kunstgeschichte oft zu findende Szene „Judith mit dem Haupt des Holofernes“. Im Zentrum befindet sich Judith, gekleidet in zeitgenössischem Gewand des 16. Jahrhunderts. In ihrer rechten Hand hält sie ein großes Schwert, mit der linken Hand verstaut sie das blutende abgetrennte Haupt des Holofernes in einem Sack, der von ihrer Magd gehalten wird. Die Magd ist ebenso in zeitgenössischer Kleidung gezeigt. Im Hintergrund der Szene befindet sich links von Judith das bunte Zelt, in dem der leb- und kopflose Körper des Holofernes zugedeckt auf seinem Bett liegt. Sein leuchtend rotes Blut hebt sich deutlich vom weißen Untergrund des Bettes ab. Auf der rechten Seite ist eine Stadtansicht gemalt, vermutlich handelt es sich hier um die fiktive Stadt Bethulia. Der Zustand der Bemalung ist leider sehr abgenutzt. In der rechten oberen Ecke des Bildes ist ein kleines Textfenster angebracht, mit einem vierzeiligen Text. Aufgrund des schlechten Erhaltungszustandes der Bemalung ist es leider nicht möglich, eine vollständige Transkription des Geschriebenen zu verfassen. Sinngemäß wird aber die abgebildete Szene dadurch kontextualisiert. Im Inneren der Kassette befindet sich keine Dekoration.

Abb. 2: Wismutkästchen mit Judith und Holofernes, Detailansicht Deckel.

Wismutmalerei

Die gerne als „Wismutkästchen“ bezeichneten Objekte sind eigentlich Kästchen mit Malerei auf Wismutgrund. Dabei handelt es sich um simple und meist aus Buchenholz zusammengenagelte Kästchen, deren Außenflächen bemalt sind. Die Bemalung hat die Jahrhunderte meist eher schlecht überstanden, wie auch am Objekt des Monats ersichtlich. Bei Wismut handelt es sich um ein Metall, das zu Pulver verrieben und mit einem Bindemittel dünn auf eine Kreidegrundierung aufgetragen werden kann. Durch das metallisch glänzende Wismut wird ein silberner Schimmer erreicht, der überstrichen mit gelbem Lack auch golden wirken kann. Nach dem Auftragen und Trocknen wurde die Wismutschicht mit Achat poliert und danach lackiert, um das Metall am oxydieren zu hindern.[1]

Die Malereien auf den Kästchen sind meist in schlichter Qualität gehalten und entsprechen einem volkstümlichen Stil. Sie wurden nicht in Serienherstellung produziert, vielmehr sind die Bilder und Dekorationselemente Unikate, wenn sie sich auch oft ähneln. Man hat sie nicht signiert und nicht oft datiert, dennoch geht man aufgrund stilistischer Unterschiede von verschiedenen Werkstätten aus. Die typischen Sujets und Stilelemente haben sich im Lauf der Jahrhunderte kaum verändert. Klassische Themen der Wismutmalerei sind biblische Szenen, die vermutlich Holzschnitte als Vorbilder hatten. Dazu gehören beispielsweise Szenen aus dem Leben Jesu, wie die Verkündigung, Geburt oder Anbetung der Könige, oder auch aus dem Alten Testament, wie Adam und Eva im Paradies, die keusche Susanna oder das Urteil König Salomons. Gerne hat man allerdings auch liebliche Szenen in der Wismutmalerei umgesetzt, Liebespaare bzw. Brautpaare mit Symbolen für Liebe und Treue. Die Paare sind oft von Lilien, Rosen und Granatäpfeln umgeben. Generell sind Wismutkästchen sehr oft mit floralem Dekor versehen worden.[2]

Abb. 3-6: Wismutkästchen mit Judith und Holofernes, Detailansichten der vier Seiten mit floralem Dekor.

Die Menge an Kästchen, die mit Wismutmalerei geschmückt wurden, reduzierte sich im Lauf des 30-jährigen Krieges (1618-1648) vehement. Da Wismut vor allem im Erzgebirge abgebaut wurde, könnten hier vermutlich Kampfhandlungen im Weg des Exports gestanden sein und es kam zu Lieferengpässen. Vor allem das deutsche Bad Wildbad ist im 16. Jahrhundert für die Fertigung von Wismutkästchen bekannt, wobei an dieser Stelle erwähnt werden soll, dass die genaue Herkunft der Stücke selten feststellbar ist. Viele derartige Objekte stammen allerdings aus Bade- und Kurorten, wo sie als Souvenirs verkauft wurden und sich somit weit verbreiteten.[3] Ihre Verbreitung ist also vergleichbar mit den Kästchen aus Karlsbad, Spa oder dem Wienerwald, die ebenso als Souvenirs verkauft wurden und in der Schell Collection zu besichtigen sind.

Man geht heute davon aus, dass Wismutkästchen gerne als Geschenke vergeben wurden, vor allem an Frauen. Aufgrund der teilweise romantisch konnotierten Symbole und Paardarstellungen auf den Kästchen, ordnet man sie als Verlobungs- oder Hochzeitsgeschenken bzw. Liebesgaben ein – vergleichbar mit den mittelalterlichen Minnekästchen. In den Kästchen wären dann kostbare Geschenke untergebracht gewesen. Hier soll allerdings angemerkt werden, dass Wismutkästchen eher vom Bürgertum genutzt worden sind, da der Adel und die besonders wohlhabenden Gesellschaftsschichten qualitativ hochwertigere Kästchen aus wertvolleren Materialien erworben haben dürften.[4]

Mehr Informationen zu Wismutmalerei finden Sie im Objekt des Monats Oktober 2024.

Abb. 7: Wismutkästchen mit Judith und Holofernes, Innenansicht.

Die Geschichte von Judith und Holofernes

                Das Buch Judith

Das Buch Judith zählt zu einem der größten und variabelsten Themen der christlichen Kunstgeschichte. Es handelt sich dabei um ein dramatisches und moralisch aufgeladenes Thema, dessen Hauptcharakter noch dazu eine als wunderschön beschriebene Frau ist, die die Schönheitsideale der jeweiligen Kunstepochen verkörpert hat.[5]

Das Buch Judith gehört zur Gattung historischer Romane, die in vorchristlicher Zeit sowohl innerhalb als auch außerhalb des Judentums erzählt wurden. Anhand dieser Romane sollte über aktuelle gesellschaftspolitische Thematiken aufgeklärt werden – dabei sind sie selten historisch oder geographisch korrekt. Die Stadt Bethulia, in der das Buch Judith spielt, hat beispielsweise nie existiert. Auch der Name Judith bedeutet eigentlich nur „Jüdin“.[6] Das Buch zählt zu den Apokryphen. Seit der Reformationszeit werden in der protestantischen Kirche diejenigen Bücher als apokryph bezeichnet, die zwar in der griechischen und lateinischen Bibel enthalten sind, aber kein hebräisches Original haben. Apokryphen (von griechisch apokryphos = „verborgen“ oder „geheim“) sind religiöse Schriften, die nicht in den offiziellen biblischen Kanon (die anerkannte Liste der Bibelbücher) aufgenommen wurden. Sie ergänzen die biblischen Erzählungen, wurden aber von den Kirchen als zweitrangig oder nicht verbindlich eingestuft.[7]

                Inhalt der Geschichte

Der König der Assyrer, Nebukadnezar – historisch eigentlich Herrscher Babylons, nicht Assyriens – fällt mit seinem Heer unter der Führung des Feldherrn Holofernes im Mittelmeerraum ein. Dabei steht die Vergrößerung seines Reichs samt der Vernichtung fremder Heiligtümer im Fokus, wodurch Nebukadnezar selbst als Gott verehrt werden soll. Als das assyrische Heer vor der jüdischen Stadt Bethulia lagert, ist die Bestürzung groß und die Bewohner:innen flehen zu Gott um Hilfe. Als das Wasser und die Nahrungsmittel knapp werden und die Belagerung erste Todesopfer fordert, verliert das Volk den Mut. Die Ältesten sind bereit, die Stadt den Assyrern zu übergeben und nicht darauf zu vertrauen, dass ihr Gott sie aus der Misere führen werde. Die Witwe Judith, die eigentliche Protagonistin der Geschichte, ist sicher in ihrem Glauben und vertraut auf Gottes Hilfe. Sie will ihre Stadt nicht aufgeben und entscheidet, das Schicksal ihres Volkes selbst in die Hand zu nehmen. Nur mit ihrer Dienerin macht sie sich auf ins feindliche Lager und gibt sich als Überläuferin aus.[8] Gekleidet in kostbare Gewänder verschafft Judith sich Zutritt zum assyrischen Heerführer und stellt ihm in Aussicht, die Stadt Bethulia problemlos mit ihrer Hilfe einnehmen zu können. Als Begründung dafür nennt sie, dass ihr Volk gegen den Willen Gottes handeln wollte und dass sie von Gott zu Holofernes geschickt wurde, um ihr Volk zu vernichten. Judith bleibt daraufhin im assyrischen Lager. Die Tage verbringt sie in ihrem Zelt und jede Nacht geht sie raus in die Schlucht vor Bethulia, um zu beten. Am vierten Tag entscheidet Holofernes, ein Festmahl zu veranstalten. Dabei hegt er den Plan, Judith zu verführen oder zu vergewaltigen, sollte sie nicht freiwillig kooperieren. Judith wird vom Diener des Holofernes zum Fest eingeladen, wobei darauf hingewiesen wird, welchen Zweck ihre Anwesenheit haben soll – sie soll für Holofernes verfügbar sein.[9] Unter Judith 13, 1-2 ist zu lesen:

„Als es nun spät geworden war, brachen seine [Holofernes‘] Knechte eilends auf. Und Bagoas [ein Diener] verschloss das Zelt von außen und entließ alle, die noch Dienst taten. Und sie gingen fort zu ihren Nachtlagern. Denn alle waren erschöpft, weil das Gelage so lange gedauert hatte. Judit aber blieb allein in dem Zelt zurück mit Holofernes, der vornüber auf sein Bett gefallen war. Denn er war völlig betrunken.“[10]

 Als Holofernes nach dem Festmahl und Trinkgelage betrunken einschläft, nutzt Judith ihre Chance. Sie geht zum Bettpfosten und nimmt das dort befestigte Schwert herab. Dann packt sie sein Haar, spricht ein letztes Gebet zu Gott und schlägt zweimal mit aller Kraft auf seinen Hals ein, um ihm den Kopf abzutrennen. Das Haupt wird von Judith gemeinsam mit ihrer Magd in einen Beutel gesteckt.[11] Die Enthauptung von Holofernes ist freilich nicht das Ende von Judiths Geschichte. Nach vollbrachter Tat kehrt Judith mit ihrer Magd nach Bethulia zurück und zeigt ihren Mitbürger:innen das abgetrennte Haupt als Zeichen von Gottes Unterstützung. Der Kopf wurde an die Stadtmauer gehängt, um das assyrische Heer abzuschrecken und die feindlichen Truppen zogen ohne ihren Anführer ab.[12]

Abb. 8: August Riedel, Judith, 1840.

                Rezeption in der Kunst

Vermehrt wurden Judith und Holofernes als Sujet zur Zeit der Gegenreformation eingesetzt um den Triumph des Glaubens über die Häresie – also den Triumph des Katholizismus über den Protestantismus – zu versinnbildlichen.[13] Judiths Sieg über Holofernes gilt auch als Allegorie für den Sieg der Tugend über das Laster.[14] In der Kunst konzentrierten sich die Darstellungen meist auf die Gegensätze der Personen – Mann und Frau, sie bekleidet und er fast nackt, sie stehend oder sich über ihn beugend, er liegend und halb bewusstlos.[15] Manchmal wird Judith auch Maria gegenüber gestellt – Maria siegt über das Böse und zertritt symbolisch oft den Kopf einer Schlange, die den Teufel verkörpert, während Judith über Holofernes siegt, der in ihrer Geschichte das Böse darstellt. Hier wird eine Parallele zwischen dem Alten Testament und dem Neuen Testament hervorgehoben.[16] Mehr über Maria und die Schlange als Symbol des Bösen finden Sie im Objekt des Monats Dezember 2025 und Mai 2025.

Das Paradoxe am Buch Judith ist, dass die schöne und vermeintlich unschuldige Frau wider Erwarten diejenige ist, die Gewalt ausübt und der Mann, den man eher als gefährlich einschätzen würde, in diesem Fall zum wehrlosen Opfer wird. Diese ausgeübte Gewalt wurde in der Kunst manchmal auch möglichst drastisch umgesetzt, mit spritzendem Blut und halb durchgetrenntem Hals. Holofernes, der eine Frau nicht als bedrohlich eingeschätzt hatte, ist vom übermäßigen Weinkonsum wie bewusstlos. Während Judith seinen Kopf abtrennt, sieht man meist das Entsetzen in seinem Gesichtsausdruck. Auch Judiths Gesichtsausdruck weist in manchen Kunstwerken auf die Realität der Situation hin – sie zeigt Abscheu, Ekel und Anstrengung, während sie den Kopf des Holofernes von seinen Schultern löst. Wenn Judith nach ihrer Tat gezeigt wird, wirkt sie wiederum meist kühl und emotionslos, zeigt keine Reue. Judith wird in der Kunst vor allem während oder nach ihrer Tat gezeigt, also beim Abtrennen des Kopfs von Holofernes oder danach mit dem abgetrennten Haupt, das sie bei sich trägt oder mit Hilfe ihrer Magd in einen Sack steckt, wie hier am Deckel des Wismutkästchens. Judiths Erkennungszeichen sind das Schwert und in den meisten Fällen auch das abgetrennte Haupt.[17]

Die Figuren werden bei der künstlerischen Umsetzung des Stoffes meist in zeitgenössischer Kleidung gezeigt. Das Geschehen wurde also nicht als Geschichte aus der weit zurückliegenden Vergangenheit gesehen, sondern mit der Gegenwart der damaligen Rezipient:innen verbunden, damit die Erzählung den Betrachtenden näher ging. Der Fokus lag also nicht auf der Befreiung einer (fiktiven) jüdischen Stadt oder dem Kontext, in dem Judiths brutale Tat begangen wurde, sondern viel mehr steht die männermordende Frau mit ihrer grausamen Handlung im Zentrum. Im Vergleich zu Heiligendarstellungen sind Bilder von Judith also selten zur Verehrung gedacht. Ursprünglich wurde Judith unangefochten als Heldin und gute, starke Frau interpretiert und somit rein positiv bewertet. Sie galt als tapfer und entschlossen, so wurde sie auch dargestellt. Ab der Renaissance und vor allem im Barock veränderte sich die Sichtweise auf das Buch Judith allerdings und es kam eine negative Konnotation hinzu – nämlich die Furcht vor der modernen, selbstständigen Frau. Judith galt plötzlich als bedrohlich, als Verführerin, deren Anziehung Holofernes zum Opfer fiel – der Untergang des Mannes, verursacht durch die Erotik einer Frau. Der Fokus im Buch Judith liegt vielfach auf Judiths Schönheit, wodurch auch die Fantasie der Kunstschaffenden angeregt wurde, eine besonders schöne Frau bei einer grausamen Tat darstellen zu können. Ab der Renaissance erinnern die Darstellungen von Judith vermehrt an Salome mit dem Kopf von Johannes dem Täufer und weniger an David mit dem abgeschlagenen Haupt Goliaths – auch hier spielt also mehr die Verführung und weniger die heldenhafte Tat eine Rolle. Die positive Konnotation gerät in den Hintergrund, die Angst vor schönen, männermordenden Frauen tritt ins Bild.[18] Diese plötzliche negative Konnotation einer Geschichte, bei der eine selbstständige und mutige Frau im Fokus steht, ist in Bezug auf Judith allerdings kein Einzelfall. Man spricht hier gemeinhin vom Motiv der sogenannten „Weiberlist“. Dabei handelt es sich um ein kulturgeschichtliches Thema, das sich im Spätmittelalter und der Renaissance entwickelte und Männer vor Frauen warnte, die ihre Klugheit nutzten, um Männer zu täuschen oder zu beherrschen.[19]

Abb. 9: Andrea Mantegna, Judith und die Magd mit dem Haupt des Holofernes, um 1495.

                Der Fokus auf Judiths Schönheit – ein Segen und ein Fluch

Spannend aus feministischer Sicht ist beim Lesen des Buchs Judith vor allem der Fokus auf Judiths Schönheit, die als essentiell und ausschlaggebend für den Verlauf der Handlung dargestellt wird. Hier nur ein paar Beispiele:

Die in weiterer Folge zitierte Bibelausgabe ist die Lutherbibel von 2017, die hier online nachzulesen ist. Sofern nicht anders angegeben, sind alle Zitate aus dieser Ausgabe.

Sobald Judith zum ersten Mal erwähnt wird, wird auch augenblicklich ihr Aussehen kommentiert: Jdt 8, 7 „Sie war sehr schön von Gestalt und von blühendem Aussehen.“
Bevor sie Bethulia verlässt, legt sie sich adrette Kleidung an: Jdt 10, 4 „Sie wählte Sandalen für ihre Füße aus und legte Fußkettchen und Armreifen, Fingerringe und Ohrgehänge und all ihr Geschmeide an. So machte sie sich schön, um die Augen der Männer zu blenden.“ Das fällt selbstverständlich auch den Ältesten Bethulias auf, von denen sie sich verabschiedet: Jdt 10, 7 „Als die sahen, wie ihr Antlitz strahlte und ihre Kleidung verwandelt war, bewunderten sie ihre Schönheit über die Maßen […]“

Als Judith dann das feindliche Lager des Holofernes betritt und sie erst einmal den Soldaten ihre Situation schildert, sind auch diese völlig von ihrer Schönheit eingenommen. Jdt 10, 14 „Als aber die Männer ihre Worte hörten und sie näher betrachteten, waren sie von ihrer großen Schönheit betört.“  Auch Holofernes geht es nicht anders: Jdt 10, 23 „Als Judit aber vor ihn und seine Beamten trat, staunten alle über ihre Schönheit.“
Judith erklärt Holofernes und seinen Dienern, dass sie ihr Volk verraten will. Darauf folgt sogleich: Jdt 11, 20-21 „Diese Worte gefielen Holofernes und allen seinen Beamten, und sie staunten über ihre Weisheit und sprachen: Von einem Ende der Erde bis zum andern gibt es keine Frau, die ihr an Schönheit und Verstand gleichkäme!“; Jdt 11, 23 „Du bist anmutig in deiner Erscheinung und klug in deinen Worten.“, sagt Holofernes.
Judiths Schönheit könnte ihr allerdings zum Verhängnis werden, worauf im Text des Buchs Judith auch explizit hingewiesen wird. Denn als Holofernes am vierten Tag, den Judith im assyrischen Lager verbringt, ein Festmahl veranstalten will, bei dem er plant mit ihr zu schlafen, findet folgendes Gespräch zwischen Holofernes und seinem Kämmerer statt: Jdt 12, 11-12 „Und er sprach zu dem Kämmerer Bagoas, der seine Habe verwaltete: Geh doch und überrede die Hebräerin, die bei dir ist, dass sie zu uns kommt und mit uns isst und trinkt! Denn siehe, es wäre doch eine Schande für uns, wenn uns eine solche Frau entgehen sollte, ohne dass wir mit ihr verkehrt hätten. Wenn wir uns ihrer nicht bemächtigen, wird sie uns verlachen.“ Die Bedeutung von „verkehren“ ist in diesem Sinne eindeutig.
Andere Bibelübersetzungen machen es aber noch klarer – in der Einheitsübersetzung lautet der Absatz im Vergleich so: „Dem Eunuchen Bagoas, der sein ganzes Eigentum zu verwalten hatte, gab er den Auftrag: Geh und rede der Hebräerin zu, die deiner Obhut anvertraut ist, dass sie zu uns kommt und mit uns isst und trinkt! Es wäre wahrhaftig eine Schande für uns, wenn wir eine solche Frau gehen ließen, ohne mit ihr zusammen gewesen zu sein. Sie selber würde uns auslachen, wenn wir sie nicht an uns rissen.“[20]
In der Lutherbibel von 1984 heißt es im Vergleich: Holofernes „sprach zu Bagoas, seinem Kämmerer: Gehe hin und berede das hebräische Weib, daß sie sich nicht weigere, zu mir zu kommen; denn es ist eine Schande bei den Assyrern, daß ein solch Weib sollte unberührt von uns kommen und einen Mann genarrt haben.“[21]
Die Formulierung der Übersetzung mag sich verändern, der Inhalt bleibt allerdings derselbe: eine eindeutige Androhung sexualisierter Gewalt, eine Gefahrensituation, in der sich Judith befindet.
Der Kämmerer geht daraufhin zu Judith und sagt: Jdt 12, 13 „Die schöne Frau möge doch keine Bedenken haben, zu meinem Herrn zu kommen, um vor ihm geehrt zu werden und mit uns zum Vergnügen Wein zu trinken und an diesem Tage wie eine der Töchter der Assyrer zu werden, die im Hause Nebukadnezars leben.“ Bei den „Töchtern der Assyrer“ handelt es sich um Konkubinen, wie es in der Einheitsübersetzung deutlicher wird: „Bagoas ging von Holofernes weg, trat bei Judit ein und sagte: Möge das schöne Mädchen nicht zögern, zu meinem Herrn zu kommen und von ihm geehrt zu werden und mit uns zum Vergnügen Wein zu trinken und heute zu einer assyrischen Tochter zu werden, die im Palast Nebukadnezzars bereitsteht.“[22] Hier wird also auch ein Hinweis darauf gegeben, welches Schicksal Judith erwarten würde, wenn Holofernes siegen sollte.
Als Judith sich zum Festmahl begibt und Holofernes sie erblickt Jdt 12, 16 „[…] geriet das Herz des Holofernes ganz außer sich, und seine Seele erbebte und er entbrannte vor Begierde nach ihr. Denn er suchte schon seit dem Tage, an dem er sie zuerst gesehen hatte, nach einer Gelegenheit, um sie zu verführen.“

Holofernes lud Judith zu einem Gastmahl in sein Zelt mit der Absicht, sie zu vergewaltigen, sofern sie sich nicht freiwillig fügen sollte. Er betrank sich aber hemmungslos und schlief ein – laut der Bibel war der Schutz Gottes über Judith dafür verantwortlich. Judith nutzte ihre einmalige Chance daraufhin und schlug ihm den Kopf mit seinem eigenen Schwert ab, das er neben seinem Bett aufgehängt hatte.[23] Die Moral von der Geschichte war wohl ursprünglich, dass Gott denen beisteht, die auf ihn vertrauen. Aus moderner Sicht wiederum ist die Subversion patriarchaler Machtstrukturen besonders spannend: eine Frau, die Initiative ergreift und durch kluges Handeln ihr Volk rettet, während die verantwortlichen Männer von Ohnmacht überkommen sind. Die Maßlosigkeit und Überheblichkeit sowie das sexuelle Begehren von Holofernes werden ihm zum Verhängnis.

Text: Laura Müller, BA BA BA

Abb. 10: Artemisia Gentileschi, Judith enthauptet Holofernes, um 1613.

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1-7: Wismutkästchen mit Judith und Holofernes, Deutschland, 16. Jahrhundert © Schell Collection.

Abb. 8: August Riedel, Judith, Öl auf Leinwand, 1840, Neue Pinakothek, München © Bayerische Staatsgemäldesammlungen. https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:August_Riedel_Judith_1840.jpg

Abb. 9: Andrea Mantegna, Judith und die Magd mit dem Haupt des Holofernes, Öl auf Holz, um 1495, National Gallery of Art, Washington D.C. © The Yorck Project. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Andrea_Mantegna_099.jpg

Abb. 10: Artemisia Gentileschi, Judith enthauptet Holofernes, Öl auf Leinwand, um 1613, Museo di Capodimonte, Neapel © Web Gallery of Art. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gentileschi_Artemisia_Judith_Beheading_Holofernes_Naples.jpg

 

Literaturverzeichnis

Apphuhn, Horst: Kleine Kästchen mit Malerei auf Wismutgrund. In: Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Hg.): Die Renaissance im deutschen Südwesten zwischen Reformation und dreissigjährigem Krieg. Karlsruhe 1986, S. 791-801.

Poeschel, Sabine: Handbuch der Ikonographie. Darmstadt 2005.

Rösel, Martin: Das Buch Judith (Jdt). In: https://www.die-bibel.de/ressourcen/bibelkunde/bibelkunde-at/judit-jdt (Zugriff 11.05.2026)

Rösel, Martin: Die Apokryphen des Alten Testaments. In: https://www.die-bibel.de/ressourcen/bibelkunde/bibelkunde-at/apokryphen (Zugriff 11.05.2026)

Seibert, Jutta: Judith. In: Kirschbaum, Engelbert (Hg.): Lexikon der christlichen Ikonographie 2. Allgemeine Ikonographie F-K. Darmstadt 2015, Sp. 454-458.

 

 

[1] Apphuhn, S.791

[2] Ebda.

[3] Ebda., S.792

[4] Ebda., S.794

[5] Poeschel, S.94

[6] Rösel, https://www.die-bibel.de/ressourcen/bibelkunde/bibelkunde-at/judit-jdt

[7] Rösel, https://www.die-bibel.de/ressourcen/bibelkunde/bibelkunde-at/apokryphen

[8] Poeschel, S.94; Rösel, https://www.die-bibel.de/ressourcen/bibelkunde/bibelkunde-at/judit-jdt

[9] Rösel, https://www.die-bibel.de/ressourcen/bibelkunde/bibelkunde-at/judit-jdt und https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/JDT.1

[10] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/JDT.13

[11] Ebda.

[12] Poeschel S.96

[13] Ebda., S.95

[14] Seibert, Sp. 455

[15] Poeschel, S.95

[16] Seibert, Sp. 456

[17] Poeschel, S.94-96

[18] Ebda., S.94f

[19] Seibert, Sp. 456

[20] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17,EUE/JDT.12

[21] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17,LU12/JDT.12

[22] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17,EUE/JDT.12

[23] Poeschel, S.94