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Objekt des Monats BENIN VHS 2019

Vorhangschloss aus Benin, 19. Jh.

Inv. Nr. 7651, Maße: 28 x 13,5 cm. Schlüssellänge: 21 cm. 19./20. Jh. Benin

Im Jahr 2012 konnte die Schell Collection ein seltenes Vorhangschloss aus Afrika erwerben. Es ist außergewöhnlich groß und hat einen Schlüssel mit hakenförmigem Bart. Das Schloss ist aus Messing gegossen und zeigt den Oba (König) mit höfischen Würdenträgern. In seiner äußeren Form erinnert es sehr stark an Schlösser aus Deutschland aus dem 17./18. Jahrhundert, die in Fachkreisen als „Halbe Herzen“ oder „Taschenvorhangschlösser“ bezeichnet werden.

Das Schloss der Schell Collection ist auf der Rückseite glatt und unornamentiert. Die Ansicht vorne ist zweigeteilt und zeigt auf der gewölbten Vorderseite oben einen Gedenkkopf oder Trophäenkopf, das den Meeresgott Olokun mit Skarifizierung über den Augen und der Stirn zeigt. Aus seiner Nase schlängeln sich schlangenartige Wassertiere im Mund trägt er einen Fisch.

Unten sieht man drei Personen, mittig der König mit federgeschmückter Haube und dem Perlenkragen aus Mittelmeerkoralle (genannt Odigbe). Er trägt eine Schärpe um den nackten Oberkörper sowie Arm- und Fußreifen und wird von zwei Begleitern gestützt. Der König wird bei Festen und Zeremonien immer von Personen begleitet. Die beiden Begleiter auf dem Grazer Schloss haben ähnlichen Kopfschmuck und sind ebenso groß wie der König dargestellt, tragen aber keine Attribute wie jene auf dem in Berlin ausgestellten Schloss. Auch die Rahmentrommeln fehlen hier.

Auf den beiden Seitenteilen zeigen sich je zwei Krieger, bewaffnet mit Gewehren. Die linke Seitenwand zeigt das Schlüsselloch in das der zugehörige Schlüssel passt und das Schloss sperrt. Nach dem Öffnen kann der gesamte Bügel senkrecht aus dem Schloss gezogen werden. Der Schlüssel des Schlosses zeigt mittig einen stehenden Mann, der von sechs Köpfen umringt ist. Der Mann hält eine Rahmentrommel in der Hand, hat Fuß- und Armreifen und eine Korallenkette um den Hals. Der Bart ist hakenförmig gebogen.

Als europäisches Vorbild für diese Art der Benin-Vorhangschlösser sind die Spreizfedernschlösser aus dem 17. und 18. Jahrhundert aus dem mitteleuropäischen Raum zu nennen. Wenn man diese von der Seite betrachtet, kommt die Assoziation des „halben Herzens“, der diesem Typ seinen Namen gab. In der Schell Collection befinden sich mehrere dieser Vorhangschlösser in verschiedenen Größen, immer aus Eisen, manchmal graviert oder gar geätzt. Alle haben den seitlichen Stab, der durch eine Öse geführt, den geöffneten Bügel nach oben gleiten lässt. So wird verhindert, dass ein Teil des Schlosses verloren geht.

 

Die Schlüssel zeigen immer einen einfachen Bart, der die meist zwei Spreizfedern, zusammendrückt um den Bügel aus dem Schloss ziehen zu können.[1]

Ein fast gleiches aber viel kleineres Vorhangschloss ist im Berliner Ethnologischen Museum Dahlem zu sehen (Inv. Nr. III C7625). Es ist beschrieben als Messing gegossenes Stück aus dem 19. Jahrhundert.

Luschan bildet das Schloss in seinem Buch ab[2] und spricht ebenfalls vom europäischen Vorbild des Schlosses. Hier ist sogar die Öse auf der linken Seite zu sehen, in der ein Stab steckt, der den Bügel und das Schloss verbindet. Beim Öffnen des Schlosses wird der gesamte Bügel aus dem Schloss gezogen und um das, nun leere Unterteil, nicht zu verlieren, hing der Bügel nun an einem dünnen Stab.

Luschans sehr detaillierte Zeichnung zeigt sechs Figuren auf der Vorderseite und ebenfalls je zwei Krieger (Luschan spricht von „europäischen Jägern mit Flinten“[3]) an den Seitenwänden. Das Vorhangschloss ist fein mit geometrischen Ornamenten verziert. Schlüssel für das Schloss ist keiner vorhanden, die beiden Schlüssel in der Vitrine sind nicht zugehörig.

Die Vitrinenbeschreibung spricht über den Verwendungszweck des Schlosses als Zuhaltung der Palasttore des, nach 1918 erneuerten Palastes des Königs. Die Schlüssel allerdings sollen dem Absperren von königlichen Insignien oder Ahnenschreinen vor der Eroberung des Palastes durch die Engländer gedient haben.

Joseph Nevadomsky beschreibt im Katalog der Wiener Ausstellung „Benin Könige und Rituale“ 2007 über diese Schlösser: „Es gab auch Schlösser in der konventionelleren Form von Vorhangschlössern. Die Einführung eines Schlüssels in die Seite des Schlosses löste jenen Mechanismus, der das Vorhängeschloss zusammenhielt. Diese aus Messing gefertigten Schlösser besaßen häufig eine Verzierung mit Darstellungen von Königen oder höfischen Würdenträgern und verschiedensten Tieren, so dass sie zugleich dekorativ und symbolträchtig waren …… gegossene Schlüssel erinnern oft an die Schlüssel mittelalterlicher Kerkermeister oder Kastellane, ……. Die Griffe haben oft eher dekorative als symbolische Bedeutung, der Bart hingegen ist geometrisch geformt.“[4]

Das Gussmaterial des afrikanischen Gelbgusses war Kupfer und Zink für Messing oder Kupfer und Zinn für Bronze. Die Mischverhältnisse der Legierungen variieren, auch importierte Materialien wie Altmessing oder Alteisen können wiederverwendet werden. Zum Gießen wird ein Wachsmodell benötigt, das mit Ton überzogen wird. Danach wird das Tonmodell erhitzt, das Wachs rinnt aus dem Modell und die flüssige, ebenfalls erhitzte Metalllegierung kann den Platz einnehmen. Der Ton wird abgeschlagen und der fertige Guss wird noch bearbeitet. Die heute weltberühmten Benin-Bronzen entstanden zum großen Teil aus bleihaltigem Messing und müssten eher als Benin-Gelbgüsse bezeichnet werden.

In der Sprache der Einwohner Benins, in Edo heißt „sich erinnern“ „sa-é-ama“ was wörtlich heißt: Ein Motiv in Bronze gießen, Geschichte zum Erstarren zu bringen.[5]

Dass Benin-Bronzen in Europa so berühmt wurden, lag an der von den Briten geführten Strafexpedition im Jahr 1897 gegen das Königreich Benin. Hier fielen den Soldaten im Palast der Königsstadt Benin Kunstwerke von noch nie entdeckter Schönheit in die Hände, die sie als Beute mit nach Europa brachten. Darunter fast 4.000 Tafeln aus Gelbguss, plastisch ausgeführte Köpfe sowie geschnitzte Stoßzähne von Elefanten. Diese Beute wurde einerseits unter den Mitgliedern des Militärs verteilt, nach England gebracht und andererseits auf Auktionen verkauft. Auch Privatsammler erkannten früh den Wert der geraubten Schätze und begannen diese zu sammeln – wie der Privatgelehrte und Sammler, General Pitt Rivers, der „innerhalb kürzester Zeit, auf mehr als dreihundert Stück“[6] kam.

Warum gerade ein europäisches Schloss als Vorbild für afrikanische Zuhaltungen diente, darüber kann nur spekuliert werden. Vermutlich kamen Schlösser zum Verschließen von Truhen und anderen Behältnissen durch portugiesischen Händlern im 17. Jahrhundert auch nach Benin. Sie wurden kopiert und der Typ des Hangschlosses, der in Europa schon seit Jahrhunderten nicht mehr in Gebrauch ist, hat so im fernen Afrika bis ins 20. Jahrhundert „überlebt“.

 

Text: Mag. Martina Pall

[1] Pall, Das europäische Vorhangschloss, Seite 99 ff.

[2] Luschan Felix von: Die Altertümer von Benin. Staatliche Museen zu Berlin, New York 1968.

[3] Luschan, Seite 501.

[4] Nevadomsky Joseph, Vorhängeschloss Nr. 27. In: Plankensteiner Barbara (Hg.): Benin Könige und Rituale“, Wien 2007. Seite 291.

[5] Plankensteiner Barbara, Seite 21. In: Plankensteiner Barbara (Hg.): Benin Könige und Rituale, Wien 2007.

[6] Plankensteiner, Barbara Seite 33. In: Plankensteiner Barbara (Hg.): Benin Könige und Rituale, Wien 2007.