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Objekt des Monats Dezember 2018

Eisen und Porzellan, Licht und Schatten – Eine Lithophanie aus der Schell Collection

Inventarnummer: 759

Maße: 15,5 x 44,5 cm

Datierung: 19. Jahrhundert

Eine unebene weiße Porzellantafel in einem Rahmen aus schwarzem Eisenkunstguss. Erst wenn von hinten Licht auf die Porzellanplatte fällt, offenbart sich ihre Schönheit. Ein „einzigartiges Faszinosum“[1] scheint bis heute von den „Lichtschirmbildern“, den Lithophanien, auszugehen. Unser Objekt des Monats gibt einen Einblick in diese besondere Kunstform des 19. Jahrhunderts.

Lithophanien sind dünne, meist unglasierte Porzellanplatten, in die bildliche Darstellungen reliefartig eingepresst sind. Diese Darstellung erwacht zum Leben, wenn von hinten Licht durch die Porzellanplatte fällt. Das Bild erscheint in verschiedenen Weiß- und Grautönen, als wäre es in Grisaille-Technik gemalt. Durch das Relief der Porzellanplatte entsteht aber auch ein plastischer Eindruck. An den Stellen, an denen das Porzellan dicker ist, dringt weniger Licht durch und es erscheint dadurch dunkler. Je dünner das Porzellan wird, desto mehr Licht scheint durch und dementsprechend heller wirken diese Stellen auch.[2] Der Begriff Lithophanie hat seinen Ursprung im Griechischen, er setzt sich aus den Worten lithos (Stein) und phanos (durchscheinend, leuchtend) zusammen.[3]

Bei unserem Objekt des Monats handelt es sich um eine Lithophanie der Königlichen Porzellan Manufaktur Berlin (KPM) in einem gusseisernen Ständer aus dem 19. Jahrhundert. Das Motiv zeigt eine junge Frau in ländlicher Kleidung, die gerade vom Feld kommt und einen Heurechen über der Schulter und einen Sack mit Heu auf dem Kopf trägt. Sie wird begleitet von einer Ziege und im Hintergrund sieht man eine ländliche Szene mit Feldern und Bauernhäusern. Die Platte besteht aus unglasiertem Bisquitporzellan. Die Rückseite der Lithophanie trägt die Marke des Herstellers: ein Zepter, die Buchstaben K.P.M. (=Königliche Porzellan Manufaktur), die Nummer 391 mit der man den Gegenstand auch im Preis-Courant finden kann, sowie ein eingeritztes „N“. Rahmen und Ständer sind aus Gusseisen gefertigt, nach einem Modell der deutschen Gießerei Gleiwitz. Es ist ein gotisierender Rahmen mit Kielbögen und Krabben als architektonischen Elementen sowie Lilien und Palmetten. Schaft und Sockel sind floral verziert. Der Sockel ist zusätzlich noch mit vier Widderköpfen versehen. Der Ständer besitzt auch eine Handhabe zur Höhenanpassung des Schirms an eine sich verändernde Lichtquelle.

Das Motiv der Lithophanie wurde nach dem Gemälde „Rückkehr vom Feld“ des Malers Friedrich Eduard Meyerheim aus dem Jahr 1849 modelliert. Im Preis-Courant der KPM, der Auskunft gibt über ihre Produkte − „porzellanene transparente Lichtschirmplatten“ − und deren Abmessungen und Preise, ist das Objekt verzeichnet. Es hat die Nummer 391 und ist betitelt „Das Landmädchen (nach Meierheim)“. Es kostete 10 Silbergroschen und ist 5 ¾ Zoll hoch und 4 ½ Zoll breit. Platten mit den Nummern 377-410 wurden in den Jahren 1848 bis 1850 erstmals produziert.[4] Lithophanien mit dem Motiv des Landmädchens wurden in der KPM also vermutlich von frühestens 1849 bis 1865 hergestellt und verkauft. Die Bedeutung der Buchstaben, die oft zusätzlich zur Herstellermarke und der Nummer auf der Platte angebracht wurden, ist noch nicht vollständig geklärt. Unser Objekt des Monats zeigt ein „N“. Durch Vergleiche konnte festgestellt werden, dass der Buchstabencode weder für die Initialen des Künstlers, noch für die Abmessungen der Platte oder den Preis steht. Laut Carney könnte er entweder für das Herstellungsjahr oder aber den Modelleur der Platte stehen. Dessen Aufgabe war es die Masse in die Form zu gießen und anschließend die Marken und Buchstaben auf der Rückseite einzudrücken bzw. einzuritzen. Carney vermutet dahinter ein System um die Fähigkeiten des Arbeiters zu überprüfen.[5]

Herstellung und Geschichte der Lithophanie

Wie wird eine solche Lithophanie nun hergestellt? Man beginnt damit, auf eine Glasplatte mit hohen Rändern eine ungefähr 5 cm dicke Schicht aus Hartwachs aufzutragen. In dieses Wachs wird dann das Bild, meistens nach einer grafischen Vorlage, von einem Wachsbossierer oder einem Porzellanmodelleur mit einem Modellierstab aus Elfenbein oder Stahl eingraviert. Während der Arbeit wird die Glasplatte von unten beleuchtet, um einen Eindruck von der späteren Wirkung zu bekommen. Diese Wirkung von Licht und Schatten wird durch eine dickere (für dunkle Teile) oder dünnere (für helle Teile) Wachsschicht erzielt. In diese Wachsform wird ein Gipsbrei gegossen um ein Gips-Negativ herzustellen. Davon wird dann erneut ein Gips-Positiv abgenommen, das zum Schutz vor Feuchtigkeit mit Schellack überzogen wird. Nun können von diesem Modell eine oder mehrere Arbeitsformen aus Gips gefertigt werden, die dann mit einer speziellen Porzellanmasse ausgegossen werden. Nach dem ersten Austrocknen, können eventuelle Marken auf der Plattenrückseite eingeritzt werden. Danach wird die Platte aus der Arbeitsform gelöst und kommt für den Vorglühbrand bei ca. 900 °C in den Brennofen. Bisquitporzellan wird dann ein zweites Mal bei einer Temperatur von bis zu 1300 °C gebrannt.  Möchte man eine glasierte Platte, kommt diese zuerst in das Glasurbad und wird anschließend gebrannt.[6]

Baron Charles Paul de Bourgoing ließ im Jahr 1827 ein Patent für die Herstellung von Lithopanien in Frankreich anmelden und auf 15 Jahre schützen. Er gilt als der Erfinder der Lithophanie. Schon kurze Zeit später beginnt man allerdings auch in England und verschiedenen deutschen Ländern mit der Produktion. Der Dresdner Kaufmann Carl Friedrich Höltzel hatte in Frankreich mehrere Lithophanien erworben und sie der Sächsischen Landesoeconomie-, Manufaktur- und Commerziendeputation angeboten.[7] Er empfiehlt in seinem Schreiben, dass die aus Paris mitgebrachten „Porzellanbilder der neuen Erfindung, genannt Lithophanien, […] leicht und ohne Schwierigkeiten nachgeahmt und obgleich zu weit billigeren Preisen, dennoch alle mit bedeutendem Nutzen verkauft werden  […]“[8] können. Der Direktor der Meissner Porzellanmanufaktur berichtete dann, dass auf seine Anordnung hin „mehrerer dergleichen Gegenstände von vorhandenen erhabenen Formen abgeformt und für den genannten Zweck verwendet, auch neue dergleichen Bilder angefertigt […]“[9] wurden und die eigenen Stücke zu fast demselben Preis wie die französischen verkauft werden konnten.  Man führte auch Versuche zur Durchsichtigkeit der Masse durch und erkannte, dass sich das unglasierte gebrannte Bisquitporzellan am besten für die Herstellung eignete.[10]

Im selben Jahr, 1828, begann auch die Königliche Porzellan Manufaktur Berlin mit der Herstellung von Lithophanien. Durch die Optimierung der  „Lichtschirmmasse“ für die Berliner Produktion durch den Arkanisten (Chemiker für Porzellanherstellung) und späteren Direktor Georg Christoph Frick, wurde die KPM zum weltweit führenden Produzenten von Lithophanien hinsichtlich Qualität und Menge. 1832 hatte man bereits 87 verschiedene Lithophanieplatten im Angebot. Besonders geschätzt wurde die, die Lichtwirkung erhöhende, schöne weiße Farbe der Berliner Lithophanien. Rückläufige Absatzzahlen bei der Konkurrenz in Meissen wurde auf die im Vergleich eher bräunlich gelbliche Färbung ihrer eigenen Platten zurückgeführt. In den Jahren zwischen 1834 und 1843 erreichte der Verkauf von Lithophanien seinen Höhepunkt, die KPM allein verkaufte laut Bessin jährlich ca. 15.200 Stück.[11] Carney gibt an, dass die KPM zwischen 1834 und 1845 um die 136.730 Lithophanien verkaufte. Im Preis-Courant wurde jedes Motiv mit einer eigenen Nummer aufgelistet, die bei der fertigen Lithophanie auf der Rückseite unter der Herstellermarke zu finden ist. Von 1828 bis 1865 wurden 580 solche Nummern vergeben und im Sortiment aufgelistet. Im Jahr 1865 stoppte man in Berlin die Produktion von Lithophanien.[12]

Die weite Welt in der heimatlichen Stube

Der große, obwohl kurzlebige, Erfolg der Lithophanie erklärt sich aus den Umständen der Zeit. Vor allem in der Biedermeierzeit (1815-1848) waren Lithophanien beliebte und oft gekaufte Modeartikel. Als Fensterschmuck, oder in einem Rahmen aus Eisenguss, Glas oder Holz auf Beistelltischchen oder Schreibsekretären waren Lithophanien in Form von Lichtschirmen sehr beliebt. Man gewöhnte sich schnell an immer bessere Beleuchtungsmöglichkeiten, Lichtschirme waren daher ein praktisches und dekoratives Mittel um zu verhindern, dass diese zu sehr blenden. Ein weiterer Faktor war das zunehmende Interesse an Kunst, kombiniert mit einer gewissen bürgerlichen Sentimentalität. Die vielen verschiedenen Motive der einzelnen Porzellanmanufakturen boten ein breites Repertoire. Lithophanien dienten oft als Reproduktionen bekannter Gemälde, sehr beliebt waren auch Genrebilder, Portraits bekannter und historischer Persönlichkeiten sowie Szenen aus der Literatur und der Bibel.[13]

Der Maler Friedrich Eduard Meyerheim (1808-1879) war bekannt für romantische Genrebilder und Darstellungen des bürgerlichen und bäuerlichen Lebens. Die Allgemeine Deutsche Biographie schreibt 1885 über ihn: „Vermöge seiner treuherzigen Schilderungen aus dem bäuerlichen Leben und dem Kleinbürgerthum, die Erstlinge ihrer Art in Deutschland, wurde er in Kurzem der Liebling des Publikums. […]Die kleine Welt, in der er als Meister waltet, das durch sittliche Reinheit geläuterte Leben in ländlicher Abgeschiedenheit athmet sonnige Heiterkeit.“[14] Qualitäten die in der sentimentalen biedermeierlichen Wohnstube anscheinend geschätzt wurden, allein die KPM bot mehrere seiner Gemälde als Lithophanien an. Dazu zählt neben unserem Objekt des Monats: KPM 399 und 400 „Milchmädchen (nach Meyerheim)“, KPM 494 „Spielende Kinder (nach Meyerheim)“ und KPM 388 Z „Familienglück (nach Meyerheim)“.[15]

Die Dame mit Ziege und Heuballen am Kopf scheint ein beliebtes Motiv gewesen zu sein und wurde auch von anderen Porzellanmanufakturen hergestellt. Die Porzellanmanufaktur Plaue hat das Motiv unter dem Namen „Der Sommer“ (Modell PPM 292) in ihrem Preis-Courant aufgeführt. Und auch die Meissner Porzellanmanufaktur führt ein Modell mit dem Namen „Frau mit Ziege und Faß auf dem Kopfe“ auf, das eine Version des Gemäldes von Meyerheim sein könnte.

Verfasserin: Julia Pfisterer, BA

 

 Bibliografie

Bessin, Peter: Bei Licht betrachtet. Die Kunst der Lithophanie. In: Weltkunst, Heft 10, 72. Jahrgang, 1. Oktober 2002, S. 1529-1532.

Carney, Margaret: Lithophanes. Schiffer Publishing Ltd., China: 2008.

Kunze, Joachim: Lithophanien der Meissner Porzellanmanufaktur. In: KERAMOS, Heft 92, 1981, S. 3-10.

Weblinks

Donop, von: „Meyerheim, Eduard“ in: Allgemeine Deutsche Biographie 21 (1885), S. 640-642 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117570389.html#adbcontent

 

[1] Bessin: Bei Licht betrachtet, 2002, S. 1529.

[2] Vgl. Kunze: Lithophanien der Meissner Porzellanmanufaktur, 1981, S. 4; vgl. Carney: Lithophanes, 2008, S. 9.

[3] Vgl. Bessin: Bei Licht betrachtet, 2002, S. 1532.

[4] Vgl. Carney: Lithophanes, 2008, S. 26.

[5] Vgl. Carney: Lithophanes, 2008, S. 26.

[6] Vgl. Bessin: Bei Licht betrachtet, 2002, S. 1529.

[7] Vgl. Bessin: Bei Licht betrachtet, 2002, S. 1529; vgl. Carney: Lithophanes, 2008, S. 20.

[8] Bessin: Bei Licht betrachtet, 2002, S. 1529.

[9] Kunze: Lithophanien der Meissner Porzellanmanufaktur, 1981, S. 4.

[10] Vgl. Kunze: Lithophanien der Meissner Porzellanmanufaktur, 1981, S. 4.

[11] Vgl. Bessin: Bei Licht betrachtet, 2002, S. 1530.

[12] Vgl. Carney: Lithophanes, 2008, S. 20, 25-26.

[13] Vgl. Bessin: Bei Licht betrachtet, 2002, S. 1530-1531; vgl. Kunze: Lithophanien der Meissner Porzellanmanufaktur, 1981, S. 3-4; vgl. Carney: Lithophanes, 2008, S. 20, 82-113.

[14] Donop: Meyerheim, Eduard, 1885, S. 640-642.

[15] Vgl. Carney: Lithophanes, 2008, S. 20, 86.