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Objekt des Monats Oktober 2026

Objekt des Monats Oktober 2026

Kabinett mit Emailmalerei

Abbildung 1: Kabinett mit Emailmalerei, Vorderseite, Geöffnet, © Schell Collection

Inv. Nr.: 3297
Maße: 19,5 cm x 17,5 cm x 23 cm
Datierung: 2. Hälfte 19. Jahrhundert
Herkunft: Wien
Standort: 1. Stock, Vitrine 10

Göttersagen in Email

Beim Objekt des Monats handelt es sich um ein Wiener Kabinettkästchen aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dieses kleine, prachtvoll bemalte Exponat wurde aus ebonisiertem, also geschwärztem, Holz gefertigt. Der mehrteilige Korpus besitzt zwei Flügeltüren, hinter denen drei Schubladen eingebettet sind. Der dunkle Korpus ist mit Ornamenten aus vergoldetem Messing geschmückt, an den Seiten des Kabinetts sind farbig verzierte Säulen. Auch die Adler sind aus vergoldetem Messing. An allen Seiten sind Medaillons mit figuralen Darstellungen zu sehen, welche Abbildungen der griechischen Mythologie und des Alten Testaments darstellen.

Wiener Emailmalerei

Besonders ist auch die Technik der bemalten Medaillons, die Emailmalerei. Bei der Emailmalerei wird ein mit einfarbiger Schmelzschicht überzogener Metallgrund mit Metalloxidfarben bemalt. Dabei  zerreibt man feines Glaspulver und mischt es mit speziellen Ölen, um eine malfähige Masse zu erhalten. Anschließend trägt der Künstler diese Farbmischung mit feinen Pinseln auf eine Trägerplatte aus Kupfer, Silber oder Gold auf. Das fertige Bild wird danach bei Temperaturen von rund 800 Grad Celsius im Ofen geschmolzen, wodurch sich das Glas unlösbar mit dem Metall verbindet. Wenn die Farben beim Brennen einsinken, wiederholt man diesen Vorgang bis das Bild seine volle Tiefe und Brillanz erreicht.[1] Wien entwickelte sich nach 1850 zu einem Zentrum für die Produktion von Email auf Silber und Kupfer. Zu den bedeutendsten Meistern dieser Technik zählten Hermann Ratzersdorfer und Hermann Böhm, in ihren Werkstätten wurden unter anderem Geschirr, Tafelaufsätze, Kelche, Tisch- und Kaminuhren, Schnupftabakdosen sowie weitere Gegenstände hergestellt. Eine wichtige stilistische Charakteristik dieser Arbeiten ist die Verwendung von Formen, die sich an älteren Stilrichtungen wie dem Klassizismus und der Renaissance orientieren.[2] Über die kunsthandwerkliche Ausführung hinaus ist eine Besonderheit das vielgestaltige Bildprogramm. Die in Email ausgeführten Darstellungen von Figuren und Szenen sind nicht nur als dekorative Elemente zu verstehen, sondern eröffnen eine eigenständige ikonographische Ebene.

Zwischen Olymp und Eden

Im geöffneten Zustand zeigt das Kabinett am linken und am rechten Flügel ein Motiv und auf den drei Laden jeweils zwei kleine Abbildungen. Der linke Flügel zeigt zwei Figuren im Wasser, über ihnen sind ein Putte und eine Gans. Die Darstellung könnte einen Flussgott mit einer Nymphe zeigen, in der griechischen Mythologie sind die Flussgötter Söhne der Titanen Okeanos und Tethys. Die Flussgötter werden oft bequem liegend neben oder im Wasser dargestellt. Die meisten Wassernymphen gelten als Töchter der Flussgötter, sie teilen sich auch den Schutz und die Verkörperung der Naturgewässer.[3]

Auf der rechten Seite befindet sich eine biblische Darstellung: Moses vor dem Dornenbusch. In der Erzählung hütet Moses die Schafe seines Schwiegervaters in der Wüste und kommt dabei zum Gottesberg Horeb. Auf dem Berg sieht er einen Dornbusch der lodernd brennt, aber durch das Feuer nicht zerstört wird. Gott spricht zu Moses durch den Busch und fordert ihn dazu auf seine Schuhe auszuziehen, da er auf heiligem Boden steht. Die dargestellte Szene zeigt, wie Moses seine Schuhe auszieht und ein Engel vor der Feuerflamme zu ihm hinabblickt. Im Text wird nämlich zuerst der Engel des Herrn genannt, welcher zu Moses spricht und als dieser näher tritt, spricht Gott direkt zu ihm.[4]  Eine ähnliche Szene hat Gerard Hoet in seinem Werk Moses and the burning bush dargestellt, welches sich im MET Museum in New York befindet.[5]

Abbildung 2: Kabinett mit Emailmalerei, Vorderseite, geöffnet, Detailansicht © Schell Collection

Das geöffnete Kästchen zeigt im Inneren drei kleine Laden: Sechs verschiedene Figuren sind auf den kleinen ovalen Emailen dargestellt. Bei der ersten Figur, welche zwischen zwei Sphinx-ähnliche Wesen sitzt, könnte es sich um Ödipus handeln. Im Hintergrund befinden sich eine Landschaft sowie ein Gebäude, welches der Luxor-Tempel sein könnte. Der Luxor-Tempel  liegt in Theben, dort wurde Ödipus als Sohn des Königs Laios geboren. Laios wurde von einem Orakel prophezeit, dass er durch seinen eigenen Sohn sterben und dieser mit seiner eigenen Mutter in Schande leben wird, weswegen er Ödipus als Kind aussetzte. Aus Mitleid übergab der Diener, welcher Ödipus aussetzen musste, das Kind einem Hirten, der es zum König von Korinth Polybos brachte. Später weissagt auch ein anderes Orakel dem Erwachsenen Ödipus, er werde seinen Vater erschlagen und seine Mutter heiraten. Daraufhin verlässt er den korinthischen König und dessen Frau, da er glaubte, sie seien seine leiblichen Eltern. Auf seiner Wanderung trifft er an einer Wegkreuzung auf Laios, er wird in einen Kampf mit ihm verwickelt und erschlägt, ohne es zu wissen, seinen leiblichen Vater Laios. Vor den Toren Thebens kann er die Stadt von der Sphinx, einem Ungeheuer, welches die Stadt terrorisierte, erlösen und erhält als Belohnung Iokaste, die Witwe des Königs Laios als Frau und bekommt das Königreich Theben. Als die Seuche in Theben ausbrach, verkündete das Orakel, dass der Mörder des Laios immer noch ungestraft leben würde. Der blinde Seher Teiresias enthüllte Ödipus die Wahrheit, welche er vorerst nicht glaubte. Als er selbst auf die Wahrheit stößt, dass er seinen Vater getötet und seine Mutter geheiratet hat, stach sich Ödipus die Augen aus und Iokaste erhängte sich.[6] In der Bildenden Kunst wird hauptsächlich die Szene Ödipus vor der Sphinx rezipiert.

Die zweite Abbildung könnte eine Darstellung der Aphrodite sein, die Göttin der Liebe, der Schönheit und der sinnlichen Begierde. Sie sitzt auf einer Wiese und deutet mit der linken Hand in die Ferne, neben ihr sitzen zwei weiße Tauben. Die Taube ist ein Attribut der Aphrodite, da es sich um ein Tier handelt, welches als Andeutung auf Liebesnäherung gilt.[7] Das dritte Bild zeigt eine Frau schreibend gegenüber einer Skulptur sitzend. Auch wenn es nicht eine verbreitete Darstellung der Göttin wäre, könnte es sich trotzdem um Athene handeln. Athene ist nicht nur die Göttin der Strategie, des Kampfes und der Weisheit, sondern auch der Künste, des Handwerks und der Handarbeit.[8] Auch eine der neun Musen, Klio, wäre eine Möglichkeit, da sie die Muse der Heldendichtung und Geschichtsschreibung ist.

Neben Athene‘s Abbildung ist die Darstellung eines bärtigen Mannes, welcher rotes Herrschergewand und eine Zackenkrone trägt. Es schaut aus als würde er auf einem großen grauen Hund sitzen, dessen Kopf auf der Seite des Mannes hervorblickt. Er hält auch einen dünnen langen Stab in der Hand, vermutlich handelt es sich bei der Figur um Hades, den Gott der Unterwelt. Bei dem Stab könnte es sich um einen seiner Attribute handeln, einen zweizackigen Speer, welcher nicht vollständig auf der Abbildung zu sehen ist. Der Hund Kerberos wird üblicherweise als dreiköpfiger Höllenhund dargestellt, er bewacht das Tor der Unterwelt.[9] In der letzten Reihe ist eine Dame zu sehen, welche vor einem Eros läuft. Eros hat seinen Pfeil auf die Frau gerichtet, sie scheint triumphal etwas in ihrer Hand zu halten. Es könnte sich um Artemis, die Göttin der Jagd, des Waldes und des Mondes handeln. Es gibt in der Kunst typische „Artemis gegen Eros“-Szenen, diese zeigen den allegorischen Streit bei dem die keusche Jagdgöttin dem Liebesgott seinen Bogen oder seine Pfeile wegnimmt, damit er sie nicht mit einem Liebespfeil trifft. Ein Beispiel für so eine Szene ist Pompeo Batoni’s Diana and Cupid, welches sich im MET Museum befindet.[10] Das letzte Motiv zeigt einen Mann bei der Schmiedearbeit, architektonische Elemente sind im Hintergrund der Figur zu sehen. Schmiedehammer, Amboss und Zange sind Attribute von Hephaistos, dem Gott der Schmiedekunst und der Vulkane. Er ist der Sohn von Zeus und Hera und der einzige Handwerker unter den Gottheiten am Olymp.[11]

In der geschlossenen Form zeigen sich zwei neue Szenen am Kabinett. In der Ersten ist eine Frau zu sehen, die vor eine männliche Büste tritt. Neben ihr ist eine weitere Figur, welche ihr etwas zuflüstert. Es könnte sich um eine gewöhnliche Andachtsszene in einer Tempelstätte handeln.

Abbildung 3: Kabinett mit Emailmalerei, Vorderseite, geschlossen, Detailansicht © Schell Collection

Die zweite Darstellung zeigt zwei Frauen vor einer Küste oder einer Klippe sitzend. Im Wasser sind zwei Männer zu sehen, welche ihre Hände nach ihnen ausstrecken. Die Frauen könnten Sirenen sein. Häufig werden Sirenen als Mischwesen zwischen Vogel und Frau oder zwischen Fisch und Frau dargestellt. Sie sind die Töchter des Flussgottes Acheloos und einer Muse. Durch ihren betörenden Gesang locken sie vorbeifahrende Schiffer an, um sie zu töten. Eine bekannte Erzählung ist von Odysseus, dem es gelangte an der Sirenen-Insel vorbei zu segeln. Er befahl den Männern auf seinem Schiff ihre Ohren mit Wachs zu verstopfen, Odysseus selbst war aber neugierig und wollte den Gesang der Sirenen hören. Er ließ sich an den Schiffsmast binden, doch als sie in die Nähe der Insel gelangten, flehte Odysseus losgebunden zu werden. Seine Männer hörten ihn nicht, weshalb Odysseus den Gesang hören konnte und überlebte.[12] In der Darstellung auf dem Objekt sind die Männer kurz davor die zwei Sirenen zu erreichen, eine Sirene hält Knochen in ihrer Hand. Eine vergleichende Darstellung erkennt man in Alexander Bruckmann’s Odysseus und die Sirenen, welches sich in der Staatsgalerie Stuttgart befindet. Bei der Darstellung sieht man auch einen Haufen Knochen neben den Sirenen, während die Gruppe Männer am Schiff sehnsüchtig zu ihnen blicken.[13] Sowohl im offenen als auch im geschlossenen Zustand kann man zwei Abbildungen am Sockeles Kästchens erkennen. Die erste Szene zeigt eine Gruppe nackter Frauen, welche nach einem Bad aufs Flussufer flüchten. Am anderen Flussufer sind zwei Männer zu sehen, welche auf die Frauen spähen. Es könnte Aktaion sein, wie er Artemis beim Baden überrascht. Er ist ihr während der Jagd im Wald begegnet, aus Zorn über den unkeuschen Anblick verwandelte Artemis ihn in einen Hirsch. Dadurch erkannten ihn seine eigenen Jagdhunde nicht mehr und zerfleischten ihn.[14] Die Darstellung daneben zeigt Hermes, welcher durch seinen geflügelten Helm erkennbar ist, mit Aphrodite und Eros in einer Wiese sitzend. Aphrodite ist wieder durch ihr Attribut, die Taube, zu erkennen und sie scheinen Eros das Lesen beizubringen. Aphrodite wird oft als Eros‘ Mutter genannt, als Vater meist der Kriegsgott Ares, aber auch Hermes. In Corregio’s Venus with Mercury and Cupid, welches sich in der National Gallery in London befindet, wird die Darstellung der drei Figuren zusammen auch als eine Familiendarstellung beschrieben. Das Motiv in dem Aphrodite und Hermes Eros das Lesen lehren, ist in der Kunst selten.[15]

Abbildung 4: Kabinett mit Emailmalerei, Linke Seite, © Schell Collection

Auf der linken Seite des Kabinetts ist eine Darstellung, welche an Raffael’s Fresko Der Triumph der Galatea erinnert. Raffael schuf das Fresko um 1512 für die Villa Farnesina in Rom. Galatea ist in der griechischen Mythologie eine Meeresnymphe, welche sich in den Sterblichen Acis verliebte. Der Zyklop Polyphem warb vergeblich um die Nereide Galatea, doch als er von der Affäre der Galatea und des Acis erfuhr, tötete er aus Eifersucht Acis. Die trauernde Galatea verwandelt daraufhin das Blut des Acis in den sizilischen Fluss Akis, wodurch der Geist des Acis unsterblich wurde. Die Darstellung zeigt die Apotheose der Galatea, einen Stand den vollkommenen göttlichen Wesen nach ihrem Tod als Belohnung für ihre Geduld bei Prüfungen und Mühsale in ihrem Leben erhalten.[16] Die Darstellung unter dem Hauptmotiv gleicht den Dionysien, die Festlichkeiten welche zu Ehren des Gottes Dionysos gefeiert wurden. Es sind Figuren dargestellt, welche Wein trinken, musizieren, tanzen sowie spielende Kinder.[17]

Abbildung 5: Kabinett mit Emailmalerei, Hinterseite, © Schell Collection

Die Rückseite der Kassette zeigt die zweite Szene aus dem Alten Testament: Samson wird von den Philistern gefangengenommen. Samson war der Held des israelitischen Stammes Dan und Auserwählter Gottes. Seine unbesiegbare Stärke kam von seinen langen Haaren, ein Geheimnis welches niemand wusste. Weil er sich in Delila verliebte, verriet er ihr sein Geheimnis. Doch Delila wurde von den Philistern bestochen und verriet Samsons Geheimnis. Daraufhin wurde Samson festgenommen und seine Haare abgeschnitten.  Als sein Haar wieder wuchs, erlangte er seine Kraft wieder und brachte einen Philistertempel zum Einsturz.[18] Die dargestellte Szene weist Ähnlichkeiten zu Louis Marin Bonnet‘s Radierung Samson wird von den Philistern im Haus von Delilah gefangen genommen, welches sich im Cleveland Museum Of Art in Amerika befindet. Die Radierung basiert auf dem berühmten Gemälde von Anthony van Dyck.[19]

Unter dem Bild von der Verhaftung Samsons sind zwei Darstellungen zu erkennen: Auf der linken Seite ist eine Aphrodite mit Eros zu sehen. Aphrodite ist auch eine der zwölf olympischen Gottheiten, sie wurde insbesondere als Schutzherrin der Sexualität und Fortpflanzung verehrt. Aphrodite wird in Bildwerken häufig leicht entblößt oder ganz enthüllt dargestellt. Sie ist an mehrere Pölster gelehnt, während Eros ihr gegenübersteht.[20] Eros ist der Gott der begehrlichen Liebe, in der römischen Mythologie ist er als Amor bekannt sowie als Personifikation der erotischen Begierde. Eros ist erkennbar durch seine Flügel, ein Symbol seiner Unbeständigkeit. In seinen Händen hält er oftmals Pfeil und Bogen mit welchen er Liebespaaren ins Herz schießt. Eine goldene Pfeilspitze soll die Leidenschaft entfachen und eine Bleierne soll die Leidenschaft abtöten.[21] Auf der rechten Seite ist ein Satyr mit einer Nymphe zu sehen. Ein Satyr ist in der griechischen Mythologie ein Dämon und häufig ein Genosse des Dionysus. Sie sind Mischwesen, häufig werden sie mit einem Pferdeschwanz, spitzen oder ziegenartigen Ohren, Hörnern auf der Stirn und die Beine einer Ziege, sonst aber menschlich dargestellt. Sie gelten als Wesen voller lüsterner Begierde, Schalkhaftigkeit, Albernheit sowie auch als kräftige Trinker und Tänzer.[22] Gegenüber dem Satyr liegt eine Nymphe an einem Baum gelehnt. Satyr und Nymphe sind beide Waldgeister, welche aber das Gegenteil voneinander sind. Nymphen sind weibliche Naturgeister oder niedere Gottheiten, die bestimmte Orte beschützen. Sie gelten auch als Personifikationen von Naturkräften und teils auch als Begleiterinnen gewisser Götter wie Dionysos, Artemis oder Aphrodite. In der Kunstgeschichte ist die Verbindung von Satyr und Nymphe oft spielerisch, erotisch oder kämpferisch, einige Werke zeigen den Widerstreit zwischen der reinen Schönheit der Nymphe und der rohen Natur des Satyrs.[23] Eine ähnliche Darstellung ist in Abraham Govaert‘s Eine Nymphe und ein Satyr zu finden, das Ölgemälde befindet sich in der Sammlung des Belton House in England – eine bewaldete Landschaft mit einer schlafenden nackten Nymphe auf der linken Seite und einem Satyr auf der rechten Seite, gleich wie in der Darstellung am Kästchen sieht man den Satyr ein Leinentuch von ihrem Körper heben.[24] Die rechte Seite des Objekts zeigt wieder zwei Szenen untereinander.

Abbildung 6: Kabinett mit Emailmalerei, Rechte Seite, © Schell Collection

In der oberen Abbildung sieht man auf der linken Seite zwei kleine Buben, die sich ängstlich an eine Frau klammern. Zu ihrer Seite steht ein Mann, der beschützend mit seinen Armen eine weitere weibliche Figur abwehrt. In ihren Händen ist ein Dolch, der Blick ist auf die beiden Jungen gerichtet. Es könnte sich um eine Gestalt aus der griechischen Mythologie handeln: Medea, die Tochter des Königs von Kolchis. Sie verliebte sich in den Helden Jason, der nach Kolchis kam, um das Goldene Vlies zu erlangen. Durch die Hilfe der magischen Kräfte Medeas gelang es Jason das magische Fell des goldenen Widders zu stehlen. Medea verlässt ihre Heimat für Jason, in Folge darauf heirateten die beiden und bekamen zwei Kinder. Jahre später verlässt Jason Medea jedoch, um Glauke, die Tochter des Königs von Korinth zu heiraten. Medea fühlt sich von diesem Verrat zutiefst gedemütigt und plant Rache. Der neuen Braut schickt sie ein Brautkleid und Schmuck, welche mit Gift bestrichen waren. Glauke verstirbt als sie Kleid und Schmuck anlegt. Anschließend ersticht Medea ihre zwei Söhne, die sie mit Jason hat, mit einem Dolch. Sie entkommt einer Strafe auf einem von Drachen gezogenen Sonnenwagen ihres Großvaters Helios.[25] In der Kunst ist die Darstellung von Medea ein häufig aufgefasstes Thema, als grausame Magierin, tragische Rebellin oder als in sich gekehrtes Opfer, welches von der Tat zerrissen ist. Eine bekannte Darstellung dieses inneren Konflikts ist in Eugène Delacroix‘ Medea vor dem Kindesmord zu sehen. Medea hält in der Darstellung ihre beiden Söhne im Arm, welche versuchen sich von ihrem Griff zu lösen. Ihr Blick ist in die Ferne gerichtet und ein Dolch ist in ihrer linken Hand zu sehen.[26]

In der Darstellung unter Medea könnte es sich um das Urteil des Paris handeln. Auf der linken Seite ist eine männliche Figur zu sehen, welche den Blick auf vier Damen auf der rechten Seite des Bildes wirft. In seiner rechten Hand hält er ein rundes Objekt, es könnte sich um einen goldenen Apfel handeln. Als Peleus und die Nymphe Thetis heirateten, wurden alle Götter zu einem Göttermahl eingeladen, außer die Göttin der Zwietracht Eris. Aus Wut über die Nichteinladung schummelte sie einen goldenen Apfel unter das Göttermahl, welcher die Aufschrift „der Schönsten“ trug. Zwischen Hera, Athene und Aphrodite entfachte sich ein Streit darüber wem dieser Apfel zustehen würde. Zeus wählte den trojanischen Prinzen Paris aus, er galt als gerecht und neutral, um eine Entscheidung zwischen den drei Göttinnen zu treffen. Hera wollte ihm die Herrschaft über große Reiche verschaffen, Athene versprach ihm den Sieg in jedem Kampf und Aphrodite wollte ihm die Schönste unter den Sterblichen schenken. Die Schönste in dieser Zeit war Helena, die Gemahlin des Königs Menelaos von Sparta, für welche er sich auch entschied. Paris entführte sie mit der Hilfe der Aphrodite, wodurch er den 10-jährigen Trojanischen Krieg auslöste.[27] In der europäischen Kunstgeschichte dient dieses Motiv als idealer Vorwand den Schönheitswettbewerb der Göttinnen als Aktdarstellung in einer Landschaft zu zeigen. Auch auf der Abbildung des Kästchens sind die Frauen nackt dargestellt, vor der Figur in der Mitte ist ein rundes Schild zu erkennen, eines der Attribute der Athene.[28] Zusätzlich zu den beiden Frauen ist noch eine weitere zu sehen, dabei könnte es sich um eine der Dienerinnen der Hera handeln. Die zweite Figur ist eine geflügelte Putte oder Eros, der Begleiter der Aphrodite. Direkt neben Paris sieht man eine männliche Figur mit Flügelhelm, es handelt sich um Hermes. Er war der Richter beim Wettbewerb und scheint auf die Antwort des Paris zu warten. Paris ist auch umgeben von vier Schafen und einem Hund, obwohl er der Sohn des Königs Priamos ist, war er nämlich ein Hirte. Seine Mutter Hekabe hatte vor seiner Geburt einen Traum, dass sie eine Fackel zur Welt bringt, die Troja in Brand steckt. Der Traumdeuter Aisakos folgerte daraus, dass ihr Sohn den Untergang Trojas herbei bringen wird. Aus Sorge setzten sie Paris im Gebirge Ida aus, er überlebte, da ihn eine Bärin säugte und später der Hirte Agelaos aufnahm.[29]

Es lässt sich sagen, dass das facettenreiche Bildprogramm dieses Wiener Emailkästchens weit mehr als nur reines Dekor ist. Durch die harmonische Verschmelzung von antiker Mythologie, meisterhafter Handwerkskunst und edlen Materialien wird das kleine Möbelstück selbst zu einem erzählenden Monument des Historismus. Es spiegelt auf eindrucksvolle Weise die Sehnsucht des späten 19. Jahrhunderts nach der Ästhetik und den idealisierten Geschichten der vergangenen Epochen wider.

 

Text: Magdalena Resch, BA

 

Literaturverzeichnis

Hartmann, Peter Wulf: Kunstlexikon. Wien 1996.

Dommermuth-Gudrich, Gerold: 50 Klassiker Mythen. Hildesheim 2011.

Kerenyl, Karl: Die Mythologie der Griechen, Götter, Menschen und Heroen. Stuttgart 2015.

Kurts, Friedrich: Handbuch der Mythologie. Essen 2005.

LCI: Lexikon der christlichen Ikonographie; Band 4. Darmstadt 2015.

LCI: Lexikon der christlichen Ikonographie; Band 3. Darmstadt 2015.

Neuwirth, Waltraud: Wiener Gold- und Silberschmiede und ihre Punzen 1867-1922. Wien 1977.

Online-Quellen

Deutsche digitale Bibliothek: Gefäß mit Darstellung des Aktaion-Mythos, Inv. Nr.76/106, https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/RYA27VKUDMITWA6DYGOUPZZL4LAMBEJL (Zugriff: 08.09.2026).

Greek Legends and Myths: The Nereid Galatea in Greek Mythology, https://www.greeklegendsandmyths.com/galatea.html.

Palais des Beaux-Arts de Lille: Medea, https://pba.lille.fr/en/Collections/Highlights/16th-20th-century-Paintings/Medea/(plus) (Zugriff: 11.09.2026).

Staatsgalerie Stuttgart: Odysseus und die Sirenen, Inv. Nr. 3459, https://www.staatsgalerie.de/de/sammlung-digital/odysseus-und-sirenen-0 (Zugriff: 24.09.2026).

The National Gallery: Venus with Mercury and Cupid (‚The School of Love‘), https://www.nationalgallery.org.uk/paintings/correggio-venus-with-mercury-and-cupid-the-school-of-love (Zugriff: 14.09.2026).

The MET Museum: Moses and the Burning Bush, https://www.metmuseum.org/art/collection/search/387049#google_vignette, (Zugriff: 09.09.2026).

The Cleveland Museum of Art: Samson Taken by the Philistines in Delilah’s House, https://www.clevelandart.org/art/2001.47 (Zugriff 09.09.2026).

The National Trust Collections: A Nymph and a Satyr, https://www.nationaltrustcollections.org.uk/object/436011 (Zugriff: 11.09.2026).

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Kabinett mit Emailmalerei, Vorderseite, Geöffnet, Inv. Nr. 3297, © Schell Collection

Abbildung 2: Kabinett mit Emailmalerei, Vorderseite, Geöffnet, Detailansicht, Inv. Nr. 3297, © Schell Collection

Abbildung 3: Kabinett mit Emailmalerei, Vorderseite, Geschlossen, Detailansicht, Inv. Nr. 3297, © Schell Collection

Abbildung 4: Kabinett mit Emailmalerei, Linke Seite, Inv. Nr. 3297, © Schell Collection

Abbildung 5: Kabinett mit Emailmalerei, Hinterseite, Inv. Nr. 3297, © Schell Collection

Abbildung 6: Kabinett mit Emailmalerei, Rechte Seite, Inv. Nr. 3297, © Schell Collection

 

[1] Vgl. Hartmann, 1996, S. 410.

[2] Vgl. Neuwirth, 1977, S. 134.

[3] Vgl. Kurts, 2005, S. 209.

[4] Vgl. LCI, 2015, S. 283-284.

[5] Vgl. The MET Museum, https://www.metmuseum.org/art/collection/search/387049.

[6] Vgl. Dommermuth-Gudrich, 2011, S. 194-197.

[7] Vgl. Kurts, 2005, S. 165.

[8] Vgl. Kurts, 2005, S. 122.

[9] Vgl. Kurts, 2005, S. 239.

[10] https://www.metmuseum.org/art/collection/search/435622.

[11] Vgl. Kurts, 2005, S. 126.

[12] Vgl. Kerenyl, 2015, S. 49-51

[13] Vgl. Staatsgalerie Stuttgart, https://www.staatsgalerie.de/de/sammlung-digital/odysseus-und-sirenen-0.

[14] Vgl. Deutsche Digitale Bibliothek, https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/RYA27VKUDMITWA6DYGOUPZZL4LAMBEJL.

[15] Vgl. The National Gallery, https://www.nationalgallery.org.uk/paintings/correggio-venus-with-mercury-and-cupid-the-school-of-love.

[16] Vgl. Greek Legends and Myths, https://www.greeklegendsandmyths.com/galatea.html.

[17] Vgl. Dommermuth-Gudrich, 2011, S. 89.

[18] Vgl. LCI, 2015, S. 31-33.

[19] Vgl. The Cleveland Museum of Art, https://www.clevelandart.org/art/2001.47.

[20] Vgl. Kurts, 2005, S. 163.

[21] Vgl. Kurts, 2005, S.170.

[22] Vgl. Kurts, 2005, S. 212.

[23] Vgl. Kerenyl, 2015, S. 133.

[24]Vgl. The National Trust Collections, https://www.nationaltrustcollections.org.uk/object/436011.

[25] Vgl. Dommermuth-Gudrich, 2011, S. 162-166.

[26] Vgl. Palais des Beaux-Arts de Lille, https://pba.lille.fr/en/Collections/Highlights/16th-20th-century-Paintings/Medea/(plus)

[27] Vgl. Dommermuth-Gudrich, 2011, S. 213-215.

[28] Vgl. Kurts, 2005, S. 124.

[29] Vgl. Dommermuth-Gudrich, 2011, S. 212.