Frontpage Objekt des Monats

Objekt des Monats September 2018

Steirische Geld- und Dokumentenkasse

Inventarnummer: 8198

Maße: 108 x 88,5 x 172,5 cm

Datierung: Ende 19. bzw. Anfang 20. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert war eine Zeit großer und schnell um sich greifender Veränderungen. Dampfkraft und Industrielle Revolution kurbeln auch das Finanzwesen an und es kommt zu einer Welle von Bank- und Sparkassengründungen. Damit einher geht eine steigende Nachfrage nach sicheren Behältnissen – der Geldschrankbau wird industrialisiert und europaweit werden Fabriken gegründet.[1]

Das Objekt des Monats ist ein Geldschrank aus Stahl, der in Graz ansässigen Firma C.J. Bergmann & Comp. mit gräulich grüner Lackierung. Gebaut wurde er wohl gegen Ende des 19. oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts, zu dieser Zeit sprach man im Fachjargon von Geld- und Dokumentenkassen. Der Tresor selbst war lange im Besitz des Universalmuseums Joanneum und wurde vermutlich im Jahr 1901 zur Gründung des Kupferstichkabinetts gekauft. Lange wurden darin Grafiken von Rembrandt und Albrecht Dürer aufbewahrt. Die Papiermarke an der Innenseite der Tür gibt Auskunft über seine Herkunft:

“Erste steierm. Fabrik k.k.priv.
feuer- u. einbruchsicherer
GELD-u. DOCUMENTEN- CASSEN
C.J. BERGMANN & COMP.
GRAZ”

(=Erste steiermärkische Fabrik kaiserlich-königlich privilegiert feuer- und einbruchsicherer Geld- und Dokumentencassen C.J. Bergmann & Comp[anie?] Graz)

 

Der Geldschrank gleicht in Aussehen und Aufbau den zeitgenössichen Tresormodellen. Er besteht aus zwei Teilen, der obere Teil ist aus Stahl und beinhaltet den eigentlichen Tresor. Der untere Teil besteht aus Holz und dient als Sockel, auch er hat ein versperrbares Fach. Die Vorderseite ist mit zwei Halbsäulen verziert. Der obere und untere Rand haben jeweils einen profilierten Kranz. Die Vorderseite weist oben zusätzlich einen geschwungenen Giebel auf. Das Gehäuse ist aus Stahl, es handelt sich um eine sogenannte Winkelkassa. Bei dieser Bauart wurden Stahlplatten mit Winkeleisen an den Kanten vernietet.[2] Um ausreichende Feuersicherheit zu bieten, hat das Gehäuse zusätzlich eine doppelte Wandung. Die Mechanik der Schlösser ist an der Innenseite der Tür angebracht und bereits mit einem Blechkasten verkleidet. Frühere Modelle besaßen eine offene Mechanik an der Innenseite der Tür. Diese verschwindet um 1900, zuerst wird die Schließmechanik mit einem solchen Blechkasten verkleidet, später wird das Schloss ganz in die Türe integriert.[3] Unser Objekt des Monats hat insgesamt drei Schlösser mit vier Riegeln. Am Schlosskörper findet sich eine Punze mit dem Patent der Firma. Die Schlüssellöcher sind alle mit einem schönen Vexier aus Eisenkunstguss versteckt. Das obere und das unterste Schloss sind Chubbschlösser, in der Mitte befindet sich zusätzlich ein Stechschloss mit einem Knauf aus Messing. Gesperrt werden die Schlösser mit zwei Chubbschlüsseln und einem Stechschlüssel. Die Originalschlüssel haben sich leider nicht erhalten, die hier gezeigten wurden von einem Experten nachgemacht. Die Tresortüre ist innen mit Lasurmalerei in Holzoptik und gemalten Intarsien verziert. Hier befindet sich auch die Papiermarke, die den Hersteller und diverse Auszeichnungen zeigt. Dazu später mehr. Passend für den Bedarf als „Dokumentencasse“ befinden sich innen sechs Regalfächer zur Aufbewahrung der wertvollen Grafiken.

Geldschrankbau im 19. Jahrhundert

Lange Zeit wurden Geld oder Wertsachen in Truhen aus Holz oder Eisen aufbewahrt. Mit der Entwicklung der großen Handelshäuser in Italien und später in Deutschland, bekannte Namen sind hier Medici, Grimaldi oder Fugger, stieg die Nachfrage nach sicheren Behältnissen. Erste Tresore wurden vermutlich um 1600 in Norditalien gebaut. Hergestellt wurden sie auf die gleiche Art wie die frühen Eisentruhen. Ein Korpus aus Holz wurde außen mit starkem Blech verkleidet und mit Eisenbändern und Nieten verstärkt. Später wurden die Eisenbänder durch massive Frontriegel ersetzt (auch solche frühen Tresore gibt es in der Schell Collection zu bestaunen). An dieser Bauart ändert sich bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts im Wesentlichen nichts. [4]

Der industrielle Geldschrankbau beginnt im 19. Jahrhundert. Die Industrielle Revolution hat eine Zeit des technischen Fortschritts ausgelöst, Dampfmaschine und Fabriken verändern Produktion und Arbeitsweise und beeinflussen auch das Finanzwesen. Um 1820 setzt eine Gründungswelle von Banken und Sparkassen ein. Dadurch steigt auch Bedarf an sicheren Behältnissen zur Aufbewahrung der neu geschaffenen Vermögen. Erste Fabriken entstehen um Massenartikel für den wachsenden Markt herzustellen. Schon 1795 wird die älteste europäische Geldschrankfabrik J. Tann in England gegründet, 1813 gründet die Firma Garny in Deutschland die erste auf dem europäischen Kontinent.[5] Allerdings kann man zu dieser Zeit noch nicht von einem industriellen Herstellungsprozess sprechen, die Arbeit in den Fabriken gleicht eher einer Manufaktur mit hohem Anteil an manueller Tätigkeit. Entwürfe, Vorrichtungen und einfache Maschinen standen zu Verfügung, während der einzelne Schlosser die Herstellung eines Geldschrankes von Anfang bis Ende alleine übernahm. Erst nach 1850 setzte eine wahre Flut von Firmengründungen ein, Gründe hierfür sind die steigende Nachfrage, technische Entwicklungen und wachsender Wohlstand. Diese Zeit wird auch Gründerzeit genannt.[6] Die erste Geldschrankfabrik in Österreich wird schließlich 1852 von Franz Wertheim in Wien gegründet.[7] Fast 20 Jahre später wir die erste Fabrik in der Steiermark von der Firma C.J. Bergmann & Comp., dem Hersteller unseres Objekt des Monats, in Graz gegründet.

Im 19. Jahrhundert wurden die einbruchsicheren Kassen aus Deutschland, Österreich und den Niederlanden lange als sogenannte Winkelkassen gebaut. Dabei handelt es sich um einen zweiwandigen Brandkasten aus Stahlplatten, die mit Winkeleisen an den Kanten vernietet wurden. Zwischen den Wänden füllte man eine weiche Brandschutzfüllung aus Kieselgur oder Pottasche. Brände waren zu dieser Zeit, auch wegen der teilweise unzureichenden Beherrschung der Dampfkraft, sehr häufig. Die früher verwendeten Konstruktionen aus Eisen konnten dagegen keinen Schutz bieten, der Inhalt war schnell verkohlt. Die Lösung war der Bau von doppelten Wandungen, deren Hohlräume mit schlechten Wärmeleitern befüllt wurden. Zusätzlich entwickelte man später komplizierte Verfalzungen um den Inhalt des Tresors vor heißen Brandgasen zu schützen. Vor 1900 wurde auch, wie bereits erwähnt, das Riegelwerk meist an der Türinnenseite angebracht und mit einem Bramah- oder einem Chubbschloss gesichert. Die Schließmechanik wird zentral mit einem Schlüssel bedient. Man übernahm auch versteckte Schlüssellochtürchen oder Scheinschlösser von früher. Üblich waren auch der profilierte Kranz und ein Holzsockel, wie wir es bei unserem Objekt auch noch finden.[8]

Die Sicherheit eines Geldschrankes wurde lange nur über das Verschlusssystem definiert. Einbruchsversuche konzentrierten sich auf die Schlösser, da es an geeigneten Werkzeugen mangelte um das Stahlgehäuse zu durchdringen. Wichtige Bedingungen waren neue Schlosssysteme, die sich nun industriell fertigen ließen. Zwei Systeme setzten sich hier durch, das Bramahschloss, patentiert von Joseph Bramah 1784, und das Chubbschloss von Jeremiah Chubb aus dem Jahr 1818. Der österreichische Markt wurde dann von dem um 1865 erfundenen Stechschloss dominiert. Die Chubb- und Stechschlösser unseres Objektes zeigen, dass die populären Schlosssysteme der Zeit auch in der Steiermark verbaut wurden. Die raschen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts führten zu Änderungen in immer kürzer werdenden Abständen. Aufsehenerregende Einbrüche, industrielle Fertigung von neuen Schlosssystemen, die neuen Möglichkeiten der Dampfmaschine und großer Konkurrenzdruck trieben den Stahltresorbau voran.[9]

Mit der Entwicklung von dampfbetriebenen Abkantpressen entwickelte man Ende des 19. Jahrhunderts eine neue Bauart. Es war nun möglich durch Abkanten dicke Stahlbleche zu biegen, um das Gehäuse des Tresores aus einem Stück zu fertigen. Man erkannte auch, dass Luft ein ideales Isoliermedium war und baute nun statt doppelwandigen Gehäusen 3-Wand-Konstruktionen. Auch die steigende Zahl der Einbrüche zwang die Hersteller immer neue Materialkombinationen zu entwickeln um den neuen Angriffswerkzeugen wie dem Acetylen-Brennschneideverfahren zu widerstehen.[10]

Kuriose Feuerprobe

„Ein Geldschrank genügt seinem Zweck entweder vollkommen oder gar nicht.“ Ein geflügeltes

Feuerprobe 1853, Wien (Archiv Wertheim), Holtmeier Truhen, Schlösser und Tresore, 1989, S. 78.

Wort aus der Geldschrankbranche, die lange damit zu kämpfen hatte eine klare Gütedefinition zu entwickeln. Denn die Qualität eines solchen Geldschrankes erwies sich leider immer erst im Ernstfall. Dieses Problem, die Sicherheit eines Tresores zu bewerten, führte zu einer interessanten und heute vielleicht komisch anmutenden Erscheinung – öffentliche Feuerproben. Auf öffentlichen Plätzen wurden Brandproben veranstaltet, bei denen der Schrank auf einen Scheiterhaufen gestellt und angezündet wurde. So konnte man einerseits Kunden von der Feuerfestigkeit seines Produktes überzeugen und sorgte gleichzeitig für eine aufregende Werbeaktion.[11] Die erste Feuerprobe in Österreich wurde 1853 von Franz Wertheim in der Nähe des Belvedere in Wien publikumswirksam veranstaltet. In Anwesenheit von Vertretern der Finanzbehörde, des k.k. Polytechnikums, der k.k. Geniedirektion und tausenden Zuschauern wurden drei Kassen mehrere Stunden lang auf einem Holzfeuer verbrannt. Danach wurden sie geöffnet und der Inhalt war unversehrt. Man ließ auch ein Gemälde anfertigen, um das Ereignis festzuhalten.[12] Ein Großteil der Hersteller begann dann öffentlichen Feuerproben zu inszenieren.[13] Auf der Papiermarke wurden dann nicht nur Firmenname, Wappen und Auszeichnungen abgebildet, sondern auch Bilder von Feuerproben als Qualitätsmerkmal. Unser Objekt zeigt, dass dieser Brauch seinen Weg bis in die Steiermark fand. Unter der Abbildung einer öffentlichen Feuerprobe lässt sich auf dem Spruchband folgendes lesen:

“Die officielle öffentliche Feuerprobe in Graz am 21 Februar 1870 wurde unter In.
Tervention der hohen k.k. Statthalterei des hohen k.k. General Commandos der löblichen
Technischen Hochschule Handels- und Gewerbekammer des Gemeindesrathes und Magistrates
abgeführt und lieferte das glänzendste Resultat, da der Inhalt unversehrt blieb.”

Gleichzeitig wurden solche Feuerproben von der Konkurrenz heftig kritisiert, da ein Scheiterhaufen die tatsächlichen Bedingungen eines Brandes nicht gut genug simulieren könne. Um solche Vorwürfe zu entkräften, ließ man dann auch Brandproben in Brennöfen bei sehr hohen Temperaturen durchführen.[14]

Text: Julia Pfisterer, BA

 

Bibliografie

Holtmeier, Ludwig: Truhen, Schlösser und Tresore. Mechanische Sicherungstechnik im Wandel der Zeit. Hans Holzmann Verlag GmbH & Co KG, Bad Wörishofen: 1989.

Weissenberger, Ulf: Antike Tresore. Bartelmüller Verlag, Nürnberg: 2017.

Weblinks

http://www.wertheim.at/fileadmin/Downloads/Festschrift_150_Jahre_Wertheim_2002.pdf [letzter Zugriff 21.08.2018].

 

[1] Vgl. Holtmeier: Truhen, Schlösser und Tresore, 1989, S. 48.

[2] Vgl. Festschrift 159 Jahre Wertheim, 2002, S. 29; http://www.wertheim.at/fileadmin/Downloads/Festschrift_150_Jahre_Wertheim_2002.pdf.

[3] Vgl. Weissenberger: Antike Tresore, 2017, S. 68, 78.

[4] Vgl. Weissenberger: Antike Tresore, 2017, S. 14, 23- 24, 29.

[5] Vgl. Holtmeier: Truhen, Schlösser und Tresore, 1989, S. 48-50.

[6] Vgl. Holtmeier: Truhen, Schlösser und Tresore, 1989, S. 51; vgl. auch Weissenberger: Antike Tresore, 2017, S. 64, 66.

[7] Vgl. Holtmeier: Truhen, Schlösser und Tresore, 1989, S. 67.

[8] Vgl. Holtmeier: Truhen, Schlösser und Tresore, 1989, S. 69, 72-74; vgl. auch Weissenberger: Antike Tresore, 2017, S. 64.

[9] Vgl. Holtmeier: Truhen, Schlösser und Tresore, 1989, S. 69; vgl. auch Weissenberger: Antike Tresore, 2017, S. 64-66, 83.

[10] Vgl. Holtmeier: Truhen, Schlösser und Tresore, 1989, S. 74-78; vgl. auch Weissenberger: Antike Tresore, 2017, S. 68.

[11] Vgl. Holtmeier: Truhen, Schlösser und Tresore, 1989, S. 79-80.

[12] Vgl. Vgl. Festschrift 159 Jahre Wertheim, 2002, S. 7; http://www.wertheim.at/fileadmin/Downloads/Festschrift_150_Jahre_Wertheim_2002.pdf.

[13] Vgl. Holtmeier: Truhen, Schlösser und Tresore, 1989, S. 80.

[14] Vgl. Holtmeier: Truhen, Schlösser und Tresore, 1989, S. 80, 82.