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Objekt des Monats Jänner 2026

Objekt des Monats Jänner 2026

Von heilenden Schlüsseln und schützenden Amuletten

Eine Fraisenkette mit Reiner Gnadenschlüssel

Passend zum Beginn des neuen Jahres, für das wir uns alle Glück und Gesundheit wünschen, befasst sich das Objekt des Monats Jänner 2026 mit Amuletten und Anhängern, denen man in der Volksmedizin heil- und glückbringende magische Kräfte zusprach. Außerdem werden die Schlüsselsymbolik und die besonderen Fähigkeiten, die man den Gnadenschlüsseln aus dem Stift Rein nachsagte, und deren Entstehungsgeschichte untersucht.

Abb. 1: Fraisenkette

Das Objekt

Inv.Nr.: 8657

Maße: Kette ca. 37 cm; Gnadenschlüssel 5 x 1 cm

Datierung: 18./19. Jahrhundert

Herkunft: Österreich/Süddeutschland

Bei dem Objekt handelt es sich um eine Fraisenkette, auch „Tschatschkette“ genannt, mit 26 unterschiedlichen unheilabwehrenden Amuletten und christlichen Segenszeichen an einer rot-gelben Schnur. Zu den Anhängern gehören: ein Reiner Gnadenschlüssel aus dem Jahr 1763, ein Ulrichskreuz, ein doppelbalkiges Scheyrer Kreuz, ein Fraisenstein aus bemaltem Ton, drei Korallenäste, ein in Silber gefasster Wolfszahn, zwei weitere Reißzähne, eine Wassernuss, ein in Silber gefasster Bergkristall, eine in Silber gefasste Tierkralle (vermutlich Luchs), eine 20 Kreuzer Silbermünze aus dem Jahr 1804, eine Bussard- oder Habichtskralle, ein sogenanntes „Maderboanl“ (Penisknochen eines Maders), sechs verschiedene Wallfahrtsmedaillen, zwei Medaillen mit religiösen Motiven, ein Anhänger mit Kreuzigungsszene und ein „Breverl“ aus Stoff.

Volksmedizin und Aberglaube

Das menschliche Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit führte zur Entwicklung unterschiedlichster Bräuche, Rituale und auch Aberglauben. Man versprach sich schützende Wirkung durch bestimmte Handlungen oder den dabei verwendeten Gegenständen. Erscheinen uns heute solche Praktiken zur Abwehr von Unheil oder Krankheit als bestenfalls kurios oder naiv, sind sie doch Ausdruck von Angst und Hilflosigkeit. Sie zeigen die Bedrohungen und Gefahren auf, denen sich die Menschen hilflos ausgesetzt sahen. Mangelnder Zugang zu Bildung und auch der Stand des damaligen medizinischen Wissens verwehrten oft die Einsicht in die wirklichen Ursachen von Krankheiten. Seuchen wurden dann oft als Strafe Gottes oder Krankheiten als Folge von Verhexung oder des bösen Blicks gesehen. Magische Rituale und Vorstellungen des Volksglaubens boten Antworten und Mittel sich zu schützten. Volksmedizinisches Heilen beruhte meist nicht auf heilsamen Wirkstoffen, sondern auf dem Prinzip der Sympathien und der Ähnlichkeit der Form. Dahinter steht eine Vorstellung, dass alles im Kosmos miteinander verbunden sei: daher sollen Walnüsse gut fürs Gehirn sein, weil ihre Form ähnlich ist oder rote Steine blutstillend wirken. Viele abergläubische Praktiken waren auch religiös untermauert. Allerdings unterschied die christliche Kirche bereits seit dem Mittelalter was „rechter“ und was „falscher“ Glaube war – auch wenn viele dieser Rituale im Grunde sehr ähnlich sind. Während Neumondmesser oder Blitzsteine als böse verwerfliche Magie galten, erteilten Priester den Blasiussegen als Schutz vor Halsleiden und in der Kirche wurden Medaillen, Wetterkerzen, geweihtes Wasser oder Gnadenschlüssel zum Schutz vor Unwetter, Krankheiten und Gefahren verkauft. Eine Wirkung ist bei keinem dieser Schutzmittel nachweisbar, aber sie zeugen von Frömmigkeit und einem tiefen Vertrauen in die Macht Gottes.[1] Vor allem durch die Gegenreformation im 17. Jahrhundert erfuhren diese Amulette der Gnadens- und Segenslehre eine weite Verbreitung. Während sie im 18. Jahrhundert weniger üblich waren, erfreuten sie sich im 19. Jahrhundert vor allem bei der ländlichen Bevölkerung wieder großer Beliebtheit.[2]

Fraisen- und Tschatschketten

Bei den „Fraisen“ handelt es sich um einen historischen Sammelbegriff der Volksmedizin für alle Krankheiten, die sich in heftigen Kämpfen und Anfällen äußerten. Man fürchtete sie besonders bei Kindern. Der Begriff stammt vom mittelhochdeutschen „fraisa“ (= Not, Wut, Schrecken oder Angst), da man Schrecken und Angst als Ursachen dieser krampfartigen Zustände vermutete. Als Gegenmittel sollte die Fraisenkette helfen.[3]

Abb. 2: Porträt des Salzburger Hofapothekers Anton Ruprecht, Sohn des Johann Kilian Ruprecht und dessen Frau Maria Katharina Theresia (Tochter des Hofapothekers Joseph Christoph Mayr) (1748–25.5.1806), © Salzburg Museum

Amulettketten wie Fraisen- oder sogenannte „Tschatschketten“[4] waren im österreichischen und süddeutschen Raum weit verbreitet. Durch verschiedene Amulette und christliche Segenszeichen boten sie in der Vorstellung der Volksmedizin einen kumulativen Schutz gegen Gefahren wie Krankheiten, den bösen Blick, Unglück oder Verhexungen. Sie wurden meistens Kindern ans Bett oder um den Hals gehängt (Abb. 2). Üblicherweise wurde an einer roten Schnur eine ungerade Anzahl an Amuletten angebracht. An der Fraisenkette der Schell Collection befinden sich allerdings 26 Anhänger, es ist zu vermuten, dass das Breverl nachträglich angebracht wurde. Eine andere Art der Fraisenkette wurde aus den Wirbelknochen von Schlangen gefertigt. Die windenden Bewegungen der Tiere ähnelten den epileptischen Zuckungen, daher wurden sie bei diesen als hilfreich angesehen.[5]

Eine kleine Auswahl der Amulette und Anhänger, die sich an der Fraisenkette befinden:

Abb. 3: Breverl

Ein „Breverl“ ist ein kleines Kissen in dem sich gefaltete Segens- und Gebetszettel mit neun verschiedenen Heiligenbildchen und verschiedene kleine Amulette befinden. Um welche es sich genau handelte, blieb verborgen, man durfte es nur in Todesgefahr öffnen. Das Breverl wurde am Körper, am Gürtel oder an Fraisenketten getragen, man konnte es Kindern auch in die Wiege legen. Es diente als Schutz vor jeglicher Gefahr für Körper und Seele, gegen Hexen und Dämonen.[6]

Abb. 4: Ulrichskreuz

Das Ulrichskreuz ist dem Pectorale[7] des Heiligen Ulrichs von Augsburg nachempfunden. Es zeigt auf der Vorderseite die Schlacht auf dem Lechfeld im Jahr 955, an deren Erfolg er als Bischof beteiligt gewesen sein soll. Die Segenskraft wurde verstärkt durch die Einprägung eines Segensspruches auf der Rückseite zum Schutz vor Dämonen, bzw. einer Darstellung des Hl. Ulrich zwischen dem Hl. Sebastian und dem Hl. Rochus zum Schutz vor der Pest. Die Landbevölkerung sah es als Mittel gegen Mäusefraß und Wetterschäden.[8]

Abb. 5: Scheyrer Kreuz

Das Scheyrer Kreuz ist eine Nachbildung des Kreuzes aus dem bayrischen Kloster Scheyern. In ihm soll sich ein Splitter des Kreuzes Christi befinden. Als Mittel gegen Fieber legte man es Kranken auf Stirn oder Brust, es sollte in Geburtsnöten helfen und vor Gewitter und Hagel schützen.[9]

Abb. 6: Fraisenstein

Fraisensteine sind Wallfahrtsandenken. Auf den kleinen Tontäfelchen befinden sich aufgemalte oder als Relief ausgeführte Gnadenbilder. Bei Krankheiten, vor allem bei den Fraisen, schabte man etwas Tonstaub ab, löste diesen in Wasser und gab es der erkrankten Person zu trinken.[10]

Abb. 7: Koralle

Die Koralle war aufgrund ihrer Farbe und ihrer Wuchsform ein beliebtes Amulett. Korallenästchen sollten Kinder vor Misswuchs schützen. Duch die Assoziation der Farbe mit Blut, wurden sie auch zur Blutstillung und als Schutz vor Verletzungen eingesetzt. Und ganz allgemein glaubte man, dass Korallen vor jeglichem Unglück und dem bösen Blick schützten. Korallen wurden auch bei der Herstellung des italienischen Horns, das sogenannte Cornicello, genutzt. Es schützte ebenfalls vor Unglück und dem bösen Blick und sollte außerdem Vitalität und Potenz steigern.[11]

Abb. 8: Bergkristall

Der klare Bergkristall diente als Amulett zur allgemeinen Abwehr gegen Dämonen. Man schrieb ihm auch heilende Wirkung bei Ohrenschmerzen, Hirn- und Augenerkrankungen zu und setzte ihn gegen Durchfälle bei Kindern und Stockung der Muttermilch ein.[12]

Krallen und Klauen von Raubtieren oder Greifvögeln sollten deren Kräfte auf die Menschen übertragen und für Macht und Reichtum sorgen.[13]

Abb. 11: Wolfszahn

Ein Wolfszahn sollte die Zahngesundheit stärken und wurde Kindern zum Lutschen oder Beißen gegeben um das Zahnen zu erleichtern.[14]

Abb. 12: Maderboanl

Das Maderboanl ist der Penisknochen eines Maders und war beliebt bei Männern, die den Knochen als Amulett trugen oder in Pulverform schluckten um ihre Potenz zu steigern.[15]

Abb. 13: Wassernuss

Die Frucht der Wassernuss (trapa natans) wurde auch Jesuitennuss genannt. Ihre annähernd dreieckige Form wurde als Symbol der Dreifaltigkeit gesehen und sie diente zur Abwehr von Unheil.[16]

Gnadenbringende Schlüssel aus dem Stift Rein

Besondere Kräfte wurden auch dem kleinen Schlüssel zugeschrieben, bei dem es sich um einen sogenannten Gnadenschlüssel aus dem Stift Rein handelt.

 

Stift Rein und das Schlüsselfest

Das Stift Rein, ca. 15 km nordwestlich von Graz gelegen, wurde am 25. März 1129 auf Bestreben des steirischen Markgrafen Leopold I. († 26. Oktober 1129), auch bekannt als der Starke, gegründet. Es handelte sich um die 38. Klostergründung des Ordens der Zisterzienser und erfolgte durch das heute aufgelöste Mutterkloster Ebrach in Bayern. Der Orden entstand durch Reformen und Rückbesinnung auf die Strenge und Einfachheit des benediktinischen Ordensideals. Stift Rein ist heute das älteste durchgehend bestehende Zisterzienserkloster der Welt, alle davor geründeten Klöster wurden aufgrund von Säkularisation und im Zuge der Französischen Revolution aufgelöst.[17]

Abb. 14: Stift Rein

Stift Rein war das erst vierte Kloster, das nach Göss, Admont und St. Lambrecht in der Steiermark gegründet wurde. Bei der Klostergründung von Rein handelte es sich außerdem um eine Stiftung, es wurde also vom Stifter Leopold I. dem Starken mit einer Grundherrschaft ausgestattet. Der Abt übte nicht nur die Disziplinargewalt über das Koster aus, sondern besaß als Grundherr auch Verfügungsgewalt über das Land und übte Verwaltungs- und Gerichtsfunktionen aus. Also durchaus ein politischer Akt des Markgrafen, der allerdings nur wenige Monate nach der Gründung verstarb. Seine Witwe Markgräfin Sophie († um 1145), Tochter des Welfenherzogs Heinrich des Schwarzen von Bayern, förderte und führte die begonnene Stiftung zu Ende. Am 22. Februar 1138 erfolgte die kirchliche Bestätigung und Übertragung der Stiftung.[18]

Am 9. November 1140 fand die Weihe der Klosterkirche statt. Der Kirchweihtag wurde allerdings im Jahr 1459 durch eine Bitte des Abtes Hermann Molitor (1439-1470) an Papst Pius II. (1458-1464) auf den Weißen Sonntag verschoben. Der Weiße Sonntag[19] ist der erste Sonntag nach Ostern und das Datum ändert sich daher mit dem Osterdatum. Die Verschiebung des Kirchweihfests auf das Frühjahr war angestrebt worden, da es gleichzeitig den Gläubigen die Erfüllung ihrer Osterpflicht ermöglichte und der Termin einem schon älteren bestehenden Markttag angepasst werden konnte. Eine Anweisung des Papstes Sixtus IV. (1414-1484) erlaubte schließlich im Jahr 1479, dass die sonst nur den Mönchen zugängliche Stiftskirche am Weißen Sonntag für das Volk geöffnet wurde. An diesem Tag konnten außerdem verschiedene Ablässe erlangt werden. So kam es, dass zahlreiche Wallfahrerinnen und Wallfahrer das Kirchweihfest im Stift Rein besuchten.[20]

Da das Stift Rein kein Gnadenbild besaß, das vom Volk in seinen Nöten und Anliegen aufgesucht werden konnte, wurde ein anderes Andenken geschaffen. So entstanden die Reiner Gnadenschlüssel, um dem Volk als Erinnerung und Gnadengabe für die Reiner Kirchfahrt zu dienen. Die Weihe und Verteilung der Schlüssel wurden zum festen Bestandteil des Kirchweihfests. Durch die zu erlangenden Gnadenschätze begann man auch den Weißen Sonntag als Gnadensonntag zu bezeichnen und das Kirchweihfest wurde als Schlüsselfest bekannt. Auch heute noch wird es im Stift Rein mit feierlichem Gottesdienst, einem Treffen der umliegenden Pfarren und einem Kirtag begangen. Und auch die gesegneten Reiner Gnadenschlüssel lassen sich im Klosterladen bzw. beim Schlüsselfest erwerben.[21]

Gnadenschlüssel

Werfen wir nun einen genaueren Blick auf den Gnadenschlüssel: Es handelt sich um ein flaches Schlüsselchen, wohl aus Messing gefertigt und ungefähr 5 cm lang. Die Reide ist vierfach durchbrochen, mit einem eingestellten Kreuz und darüber einem angedeuteten Dreipass. Das Gesenk ist mehrfach abgesetzt und der Schlüsselbart weist auf drei Seiten einen Einschnitt auf. Auf beiden Seiten des Schaftes wurde jeweils eine Abbreviatur mit Jahreszahl eingeschlagen, die Auskunft über die Entstehungszeit des Schlüsselchens gibt. Auf der Vorderseite (Avers) ist die Inschrift „M.A.Z.R. 1763“ zu lesen, auf der Rückseite (Revers) „A.C.E.R. 1129”. Die Bedeutung wird später noch genauer erläutert.

Abb. 15: Reiner Gnadenschlüssel (Avers), „M.A.Z.R. 1763“

Gnadenschlüssel sind symbolische Schlüssel und wurden daher nicht hergestellt, um etwas aktiv zu versperren, sondern als Symbol für einen Sachverhalt. Es sind zwar alle Teile eines Schlüssels vorhanden, sie sind aber nicht funktionstüchtig. Der Schlüssel in einem katholischen Kontext begegnet uns bereits als Attribut des Apostels Petrus. Diese Verbindung ist zurückzuführen auf eine Stelle im Matthäusevangelium, in der Jesus zu Petrus spricht: „Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“ (Mt 16,19). Mit dieser Schlüsselübergabe wird Petrus die sakramentale Macht des Bindens und Lösens verliehen und so auch sein Vorrang unter den Aposteln und im weiteren Sinne das Primat des Bischofs von Rom als Papst begründet.[22] Daraus entstand im Volksglauben auch die sehr bildliche Vorstellung, dass Petrus an der Himmelspforte steht und diese auf- und zuschließt. Und nicht zuletzt führt die Vatikanstadt die gekreuzten Schlüssel Petri unter der päpstlichen Tiara auch als Wappen.[23]

Laut Lischnig sollen auch die Gnadenschlüssel des Stiftes Rein die Schlüsselsymbolik im weitesten Sinn ausdrücken. Sie sollen versinnbildlichen, dass durch die Gnade des Sündenerlasses, die am Kirchweihfest zu gewinnen ist, gewissermaßen die Himmelstür geöffnet werden kann. Außerdem sind sie Symbol dafür, dass die Reiner Stiftskirche am Kirchweihfest für alle Gläubigen offensteht. Gleichzeitig erreichte man so auch, dass die Gläubigen eifrig das Kirchweihfest besuchten um die Sakramente zu empfangen und fromme Gaben darbrachten. Quellen aus dem Jahr 1493 belegen, dass sich bereits in dieser Zeit ein jahrmarktähnliches Treiben herrschte.[24]

Das Reiner Kirchweihfest wird und wurde also mit der Verteilung der Gandenschlüsselchen begangen. Sie wurden dazu feierlich vom Abt geweiht: es wurde eine Weiheformel gesprochen, dann folgte ein Segensgebet und anschließend wurden sie mit Weihwasser besprengt. Die Gnadenschlüssel verteilte man anschließend beim Kirchweihfest an alle geladenen Gäste und Pilger. Außerdem wurden sie auch an die Wohltäter des Klosters, wie zum Beispiel die steirischen Regenten, verschickt. Es kam auch vor, dass Würdenträger, die nicht zum Kirchweihfest kommen konnten, den Reiner Abt baten ihnen einen Gnadenschlüssel zu schicken, um zumindest so des Ablassschatzes teilhaftig werden zu können. Aus den Reiner Urkunden geht hervor, dass die Schlüsselchen nach Wien, Kärnten und Krain und sogar bis nach Böhmen und Aquileia verschickt wurden.[25]

Die Gnadenschlüssel wurden im Lauf der Zeit aus unterschiedlichen Metallen hergestellt. Freunde und Gönner des Stiftes erhielten Schlüssel aus Gold, Silber oder vergoldetem Silber. Unedlere Metalle waren für das Volk bestimmt. Die wertvollen Schlüssel waren Auftragsarbeiten, die von Goldschmieden angefertigt wurden.[26] Zwischen 1605 und 1628, während der Amtszeit des Abtes Mathias Gülger, lieferte beispielsweise der Grazer Goldschmied Jakob Zwigott etliche Auftragsarbeiten nach Rein. Der Abt bestellte auch goldene und vergoldete „Gnadenschlüsserln“ und sandte dafür mehrere Dukaten Gold nach Graz.[27]

Im Zuge der Kirchenreformen Kaiser Josephs II. (1741-1790) kam es zu Klosteraufhebungen, einer starken Einschränkung von Wallfahrten und der Abschaffung von Feiertagen.[28] Daher scheinen auch in der Amtszeit des Abtes Gerhard Schobinger (1771-1794) die für eine lange Zeit letzten Gnadenschlüssel gefertigt worden zu sein und auch der Brauch des Schlüsselfestes dürfte ein Ende gefunden haben. Anlässlich des Festes zur 800-jährigen Stiftsgründung kam es aber im Jahr 1929 zu einem Wiederaufleben und zur Fortführung des Brauches.[29]

Die meisten Gnadenschlüssel tragen eine Inschrift, die bei den älteren Stücken graviert und auf den jüngeren meist eingeschlagen wurde. Bei dieser Inschrift handelt es sich um eine Abbreviatur mit Jahreszahl:

Avers: „M.A.Z.R. 1763“ = Marian Abt Zu Rein 1763

Bei dieser Abbreviatur handelt es sich um den Namen des jeweils amtierenden Abtes und das Jahr in dem der Schlüssel geweiht und ausgegeben wurde.

Abb. 16: Reiner Gandenschlüssel (Revers) „A.C.E.R. 1129“

Revers: „A.C.E.R. 1129” = Annus Consecrationis [Conditionis?] Ecclesiae Runensis 1129

Ab dem 18. Jahrhundert weisen die meisten Schlüsselchen auch auf der Rückseite eine Inschrift auf, die auf die Konsekration bzw. die Gründung des Stifts im Jahr 1129 verweist.[30]

Der Schlüssel wurde also im Jahr 1763 unter Abt Marian Pittreich gesegnet. Pittreich stammte aus Marburg aus einer wohlhabenden Kaufmanns- und Ratsbürgerfamilie. Er war vom 10. Mai 1745 bis zum 23. Februar 1771 Abt von Stift Rein. Während seiner Amtszeit wurde die im barocken Stil umgebaute Stiftskirche fertiggestellt und feierlich konsekriert. Er erwarb für die Stiftsbibliothek auch die Bibliothek Ferdinands II. (1578-1637) und ließ 1745 alle Klosterzellen mit Öfen ausstatten.[31]

Reiner Gnadenschlüssel im Volksglauben

Die Reiner Gnadenschlüssel erfreuten sich beim Volk großer Beliebtheit. Man trug sie bei sich und häufig wurden sie auch an Kleidung oder Rosenkränzen befestigt. Bald schon wurde den geweihten Schlüsseln auch eine heilkräftige Wirkung zugeschrieben und man verwendete sie als Amulett gegen finstere Mächte, Fieber und Anfallsleiden. Dachte man zum Beispiel, dass ein Gegenstand verhext oder vergiftet worden war, füllte man ein Gefäß mit Wasser und gab den Gnadenschlüssel dazu. Unter Anrufung des Heiligen Bernhard, dem bedeutendsten Mitglied und Heiligen des Zisterzienserordens, wurde dann der Gegenstand mit diesem Wasser besprengt oder abgewaschen. Auch wenn das Vieh nicht fressen wollte, hielt man dem Tier den Gnadenschlüssel vor das Maul und vertraute auf die Hilfe des Hl. Bernhards. Besondere Hilfe erhoffte man sich von den Schlüsselchen außerdem als Hilfsmittel bei schweren Geburten. Zum Hl. Bernhard betend, trank man das Wasser, in dem sich der Gnadenschlüssel befand. Sogar ein Wunder soll so passiert sein. Eine dem Tode nahe Gebärende soll von dem Wasser getrunken und dabei den Schüssel verschluckt haben. Die Frau überlebte und brachte ein gesundes Kind zur Welt, dass mit dem Schlüsselchen in der rechten Hand geboren wurde. Bald schrieb man den Schlüsseln auch eine heilkräftige Wirkung gegen die Fraisen zu und gab sie Kindern bei Anfällen in die Hand.[32]

 

Text: Julia Stegmann, BA

 

 

Bibliografie

Brenner, Elisabeth: Stift Rein. In: Reiner Kreis (Hg.): Ein Blick hinter Klostermauern. Der Orden der Zisterzienser (Segmente. Schriften des Reiner Kreises Nr. 16). Rein 2013, S. 19-21.

Lischnig, Harald: Reiner Gnadenschlüssel. In: Segmente. Schriften des Reiner Kreises Nr. 9 (2002). 30 Jahre Reiner Kreis Festschrift, S. 51-84.

Gönster, Yvonne: Aufgeschlossen. Die Geschichte der Schlösser und Beschläge in 50 Exponaten. Ausst.-Kat., Velbert 2024.

Neubecker, Ottfried: Wappenkunde. München 1988.

Poeschke, Joachim: Schlüsselübergabe an Petrus. In: Kirschbaum, Engelbert (Hg.): Lexikon der christlichen Ikonographie 4. Allgemeine Ikonographie S-Z Nachträge. 2015 Darmstadt. Sp.82-85.

Müller, Norbert: Zur Gründungsgeschichte des Zisterzienserklosters Rein. In: Brenner, Elisabeth (Hg.): Stift Rein. Geschichte – Kultur – Glaube. Sammelband der Segmente-Schriften des Reiner Kreises. Kumberg 2018, S. 12-38.

Universalmuseum Joanneum/ Volkskundemuseum (Hg.): Aberglauben – Aberwissen. Welt ohne Zufall. Ausst.-Kat., Graz 2014.

Universalmuseum Joanneum/ Volkskundemuseum (Hg.): Glaubenssachen. Gesammelt – Erforscht – Ausgestellt. Ausst.-Kat., Graz 2015.

Volkskundemuseum am Landesmuseum Joanneum (Hg.): Heilsam. Volksmedizin zwischen Erfahrung und Glauben. Ausst.-Kat., Graz 2006.

Watteck, Arno: Amulette und Talismane. Traditionelle Amulette des süddeutschen Sprachraums und der Alpenländer. Oberndorf 2004.

Wolfbauer, Georg: Meisterverzeichnis der steirischen Goldschmiede. In: Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark, Jg. 29 (1935), S. 159-254.

Online Artikel

Gratz, Reinhard: Fraisenkette und Drudenmesser, https://www.domquartier.at/hintergrundgeschichte/fraisenkette-und-drudenmesser/ (Zugriff 30.11.2025).

https://www.stift-rein.at/kloster/geschichte/ (Zugriff 02.12.2025).

https://www.stift-rein.at/glauben/wallfahrt/ (Zugriff 02.12.2025).

https://www.katholisch.at/weissersonntag (Zugriff 16.12.2025).

Josephinismus. In: Wien Geschichte Wiki, https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Josephinismus (Zugriff 18.12.2025).

 

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1, 3-13, 15, 16: © Schell Collection

Abb. 2: Porträt des Salzburger Hofapothekers Anton Ruprecht, Sohn des Johann Kilian Ruprecht und dessen Frau Maria Katharina Theresia (Tochter des Hofapothekers Joseph Christoph Mayr) (1748–25.5.1806), © Salzburg Museum, https://sammlung-online.salzburgmuseum.at/detail/collection/1cb31f29-061f-4437-947b-f1ec3e4f1e7f

Abb. 14: Gratwein-Straßengel – Stift Rein, Wikimedia Commons, © C.Stadler/Bwag; CC-BY-SA-4.0.

 

 

[1] Vgl. Volkskundemuseum (Hg.), 2006, S. 31, 85, 87; vgl. Universalmuseum Joanneum/ Volkskundemuseum (Hg.), 2015, S. 40; Universalmuseum Joanneum/ Volkskundemuseum (Hg.), 2014, S. 4.

[2] Vgl. Watteck, 2004, S. 19.

[3] Vgl. Volkskundemuseum (Hg.), 2006, S. 96, 99; vgl. Gratz, https://www.domquartier.at/hintergrundgeschichte/fraisenkette-und-drudenmesser/.

[4] „Tschatsch“ bedeutet Anhängsel, Kleinigkeit, Tand; vgl. Universamuseum Joanneum/ Volkskundemuseum (Hg.), 2015, S. 105.

[5] Vgl. Universamuseum Joanneum/ Volkskundemuseum (Hg.), 2015,, S. 105; vgl. Gratz, https://www.domquartier.at/hintergrundgeschichte/fraisenkette-und-drudenmesser/; vgl. Volkskundemuseum (Hg.), 2006, S. 96.

[6] Vgl. Volkskundemuseum, 2006, S. 93; vgl. Gratz, https://www.domquartier.at/hintergrundgeschichte/fraisenkette-und-drudenmesser/.

[7] Brustkreuz geistlicher Würdenträger

[8] Vgl. Watteck, 2004, S. 67.

[9] Vgl. Universalmuseum Joanneum/ Volkskundemuseum (Hg.), 2015, S. 104.

[10] Vgl. Universalmuseum Joanneum/ Volkskundemuseum (Hg.), 2014, S. 16.

[11] Vgl. Universalmuseum Joanneum/ Volkskundemuseum (Hg.), 2014, S. 8, 56.

[12] Vgl. Volkskundemuseum (Hg.), 2006, S. 43.

[13] Vgl. Universalmuseum Joanneum/ Volkskundemuseum (Hg.), 2014, S. 18.

[14] Vgl. Volkskundemuseum (Hg.), 2006, S. 99; vgl. Universalmuseum Joanneum/ Volkskundemuseum (Hg.), 2015, S. 105.

[15] Vgl. Universalmuseum Joanneum/ Volkskundemuseum (Hg.), 2014, S. 18.

[16] Vgl. Watteck, 2004, S. 34.

[17] Vgl. Brenner, 2013, S. 19; vgl. Müller, 2018, S. 13, 17; vgl. https://www.stift-rein.at/kloster/geschichte/.

[18] Vgl. Müller, 2018, S. 16-18; vgl. Brenner, 2013, S. 19.

[19] Der „Weiße Sonntag“ ist der erste Sonntag nach Ostern. Die Bezeichnung geht vermutlich auf die weißen Taufgewänder zurück, die in den frühchristlichen Kirchen von den in der Osternacht Getauften in der Zeit nach Ostern getragen wurde. In der katholischen Kirche war der Weiße Sonntag traditionell auch der Tag für die Erstkommunion der Kinder. Vgl. https://www.katholisch.at/weissersonntag.

[20] Vgl. Lischnig, 2002, S. 51-52; vgl. Müller, 2018, S. 26; vgl. Gönster 2024, S. 53.

[21] Vgl. Lischnig, 2002, S. 51-52; vgl. https://www.stift-rein.at/glauben/wallfahrt/.

[22] Vgl. Poeschke, 2015, Sp. 82.

[23] Vgl. Lischnig, 2002, S. 51; vgl. Neubecker, 1988, S. 148.

[24] Vgl. Lischnig, 2002, S. 51, 54-55.

[25] Vgl. Lischnig, 2002, S. 54-55.

[26] Vgl. Lischnig, 2002, S. 55.

[27] Vgl. Wolfbauer, 1935, S. 231; vgl. Lischnig, 2002, S. 58.

[28] Vgl. https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Josephinismus.

[29] Vgl. Lischnig, 2002, S. 72.

[30] Vgl. Lischnig, 2002, S. 65, 66.

[31] Vgl. Lischnig, 2002, S. 66.

[32] Vgl. Lischnig, 2002, S. 54-55; vgl. Universalmuseum Joanneum/ Volkskunde (Hg.), 2015, S. 104.