Maria Immaculata und der Mythos von der „unbefleckten Empfängnis“
Beim Objekt des Monats Dezember 2025 handelt es sich, passend zum nahenden Weihnachtsfest, an dem Christi Geburt durch die Jungfrau Maria zelebriert wird, um eine gusseiserne Marienstatue aus dem späten 19. Jahrhundert. Über ihren ursprünglichen Standort sind keine Informationen vorhanden, wobei sie möglicherweise für eine Kirche geschaffen worden sein könnte. Marienbildtypen gibt es unzählige aus unterschiedlichen Epochen und Kulturen. Sie ist wohl die populärste Heilige des Christentums, wobei sie nicht nur als Maria Muttergottes, sondern vor allem auch als Jungfrau Maria verehrt wird. Wenn Sie mehr über Marienbildnisse, Marienverehrung und Marias Jungfräulichkeit erfahren möchten, dann sind Sie hier genau richtig!
Abb. 1: Gusseiserne Marienstatue aus Frankreich
Das Objekt
Inventarnummer: 3062
Standort: 2. Stock, zwischen christlichen Statuetten und gusseisernen Öfen
Maße: 125,5 x 43 x 26 cm (ohne Steinsockel)
Datierung: 1890er Jahre, wahrscheinlich 1894
Herkunft: Gießerei Denonvilliers, Frankreich
Diese gusseiserne Marienstatue wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich gegossen, vermutlich im Jahr 1894. In diesem Jahr wurde eine fast idente Statue im Katalog der Gießerei Denonvilliers veröffentlicht (Abb. 6). Der Bildtypus entspricht den Darstellungen der sogenannten Maria Immaculata, auch Immaculata Conceptio genannt. Dieser Bildtypus erlangte ab dem Barock Popularität.[1]
Maria ist hier stehend, mit dem Blick nach unten gerichtet und ohne Jesuskind abgebildet. Sie trägt eine Krone auf ihrem Haupt und darunter einen Schleier, aus dem Strähnen ihrer gewellten Haare hervortreten und ihr über die Schultern fallen. Ihr Gesicht ist stilisiert und glatt. Ihr Gewand besteht aus einem langen Mantel, der mit einer Brosche über der Brust zusammengehalten wird, und einem hochgeschlossenen Kleid, das bis über ihre nackten Füße hinunterreicht. Die Kleidung ist nicht körperbetont, sondern legt sich in fließenden Falten über die Figur. Marias geöffnete Arme und nach außen gedrehte Handflächen gelten als Gestus der Gnade. Sie steht auf einer Erdkugel und einer Mondsichel, mit ihren Füßen tritt sie auf eine Schlange – erst dadurch zeichnet sie sich spezifisch als Maria Immaculata aus. Unter der Erdkugel befindet sich ein achteckiger Sockel, auf dessen Vorderseite ein Monogramm der Buchstaben A und M angebracht wurde (Abb. 2). Im Zusammenhang mit der Marienstatue wird dieses Monogramm oft als „Ave Maria“ interpretiert, wobei es sich in Wahrheit um „Auspice Maria“, also eine Bitte um den Schutz durch Maria handelt. Die gusseiserne Statue befindet sich auf einem steinernen Sockel und besteht sonst gänzlich aus Eisen. Bis auf die separat gegossene Krone wurde die gesamte Statue aus einem Guss gefertigt.
Abb. 2: Marienstatue aus Frankreich, Detail Monogramm AM
Abb. 3: Wappen des Redemptoristenordens mit Monogramm AM, 1905
Die Gießerei Denonvilliers
Die Gießerei Denonvilliers & Sohn befand sich im 19. Jahrhundert in der Gemeinde Sermaize-les-Bains im Nordosten Frankreichs. Die Gießerei wurde schon 1838 gegründet, um lokales Eisenerz in Exportprodukte zu verarbeiten. Durch Schwierigkeiten in der Produktion wurde sie allerdings wieder geschlossen und erst 1871 unter der Leitung des namensgebenden Claude Léon Denonvilliers (1816-1885) wieder eröffnet.
Denonvilliers begann seine Karriere 1843 als Eisenhändler, nachdem er von seiner Tante ein Geschäftslokal in Paris geerbt hatte. Erst 1870 gründete er mit seinem Sohn Maurice Denonvilliers (1848-1907) und Geschäftspartner Victor Célestin Saleur die Firma Denonvilliers & Sohn & Saleur. Diese Firma übernahm erst eine Gießerei in der Gemeinde Osne-le-Val, in der unter anderem Bronze und Blei verarbeitet wurden. Im selben Jahr wurde dann aber auch die schon bestehende Gießerei in Sermaize-les-Bains angekauft. Saleur verließ das Unternehmen 1877, um selbstständig eine Gießerei zu betreiben. So wurde der Betrieb in Denonvilliers & Sohn umbenannt. Die Bronze- und Eisengießerei wurde sehr erfolgreich, sowohl in der industriellen Herstellung von Bau- und Maschinenteilen, als auch im Kunstguss. Beispielsweise beteiligte sie sich an der prachtvollen Dekoration der Weltausstellung von 1878 in Paris, in dem sie zwei der sechs extra dafür gefertigten Kontinentalstatuen aus Gusseisen herstellte. Bei den Statuen handelte es sich um die Figuren L’Asie von Alexandre Falguiére (1831-1900) und L’Amerique du Sud von Aimé Millet (1819-1891) – die Allegorien Asiens und Südamerikas, verkörpert durch zwei Frauenfiguren, die ursprünglich am Pariser Trocadéro-Platz standen (Abb. 4 und Abb. 5). Heute befinden sie sich gemeinsam mit den anderen vier dazugehörigen Statuen – Europa, Afrika, Nordamerika und Ozeanien – am Vorplatz des Musèe d’Orsay in Paris. Maurice Denonvilliers übernahm nach dem Tod seines Vaters allein die Gießerei. Der gute Ruf der Firma wurde in den folgenden Jahren weiter gefestigt. Im Jahr 1888 gewann Denonvilliers die Goldmedaille bei einer Vatikanischen Ausstellung, wobei sich drei seiner Denkmäler bis heute in den Gärten des Vatikans befinden. Erwähnenswert ist auch das Denkmal für den Marquis de Lafayette, das 1889 gefertigt wurde und sich bis heute in Washington D.C. befindet. Denonvilliers erweiterte das bisher schon umfangreiche Sortiment seiner Gießerei um sakrale und profane Modelle von diversen Bildhauern und Ateliers. Besonders beim Klerus waren seine Werke beliebt, unter anderem auch, weil er sehr engagiert im sozialen Katholizismus war. Dennoch wurde die Firma Denonvilliers 1896 aufgekauft, weshalb Maurice nur noch die künstlerische Leitung innehatte. Den Standort Sermaize-les-Bains, in dem wohl die hier thematisierte Marienstatue geschaffen wurde, hat man im Jahr 1897 geschlossen.[2]
Abb. 4: Falguière, L’Asie, 1877
Abb. 5: Millet, Amérique du Sud, 1877
Maria von Nazareth in der Bibel und der Kunst
Bei den Evangelisten des Neuen Testaments wird Maria von Nazareth als Mutter des Messias nicht oft erwähnt. Matthäus schreibt nur im Rahmen der Geburt Christi über sie (Mt 1, 18-25). Markus erwähnt sie als Mutter Jesu nur beiläufig (Mk 6, 3). Nur Lukas schreibt besonders ausführlich über Maria (Lk 1-2). Laut ihm war sie mit Joseph verheiratet und hatte mehrere Kinder mit ihm. Die ausführliche Beschreibung des Marienlebens stammt tatsächlich nicht aus der Bibel, sondern aus dem apokryphen Protoevangelium des Jakobus aus dem zweiten Jahrhundert n. Chr. Obwohl sie kaum in der Bibel Erwähnung fand, war Marias Rolle im christlichen Glauben von Anfang an größer, als die anderer Heiliger. Sie durfte autonom verehrt werden, wodurch ihre Anbetung sich sehr weit verbreitete.[3]
Maria ist die am häufigsten dargestellte Person der christlichen Kunst – sie wird öfter abgebildet als Christus selbst oder jegliche andere Heiligenfiguren. Sie tritt ab dem dritten nachchristlichen Jahrhundert in der bildenden Kunst auf, manchmal mit Kind, oft aber auch ohne. Dementsprechend gibt es zahlreiche Bildtypen, durch die Maria verkörpert werden kann, die sich oft auch in ihren Bedeutungen unterscheiden. Die thronende Gottesmutter, Maria lactans (die stillende Maria), die betende Maria, Maria als Königin, die Schutzmantelmadonna (Abb. 7) oder Maria mit Christus auf dem Arm sind nur einige Optionen. Der hier gezeigte Typus der Maria Immaculata ist im Barock aufgekommen und hängt deshalb stark mit der Zeit der Gegenreformation und der Wiedererstarkung des katholischen Christentums zusammen.[4]
Abb. 6: Katalog der Gießerei Denonvilliers, 1894
Im Jahr 431 wurde Maria beim Konzil von Ephesos als Gottesgebärerin anerkannt, wodurch der Kult um ihre Person sich auszubreiten begann.[5] Im Frühchristentum hat man sie primär im Rahmen der Geburt Jesu sowie des Lebens Jesu abgebildet, nicht als autonome Figur. Besonders oft wurde sie in dieser Zeit thronend mit dem Christuskind am Schoß dargestellt. Schon in der Spätantike gab es die ersten Kirchen, die spezifisch Maria geweiht waren, beispielsweise Santa Maria Maggiore in Rom. Sie wurde zu einer Hauptperson des Christentums und rückte über die Jahrhunderte immer mehr in den Fokus – sowohl im Glauben, als auch in der Kunst.[6] In frühen Abbildungen war Marias Haar gänzlich unter einem Kopftuch verborgen. Im Laufe des Mittelalters hat man sie dann vermehrt mit einer Krone und offenem, gewelltem Haar gezeigt – in den meisten Fällen blond. Wie historisch akkurat es ist, dass eine Frau aus Palästina weiße Haut und blonde Haare hatte, soll nicht unbedingt Teil dieses Beitrags sein. Im Spätmittelalter rückte der Fokus dann wieder mehr auf Marias Rolle als Mutter und sie wurde häufiger mit dem Jesuskind abgebildet. Ab dem 12. Jahrhundert begann man sie auch als Vermittlerin zwischen Gott und den Menschen sowie Fürsprecherin der Menschen zu verehren, wodurch beispielsweise der Typus der Schutzmantelmadonna aufkam. In der Bildsprache wurde Maria oft gleichberechtigt neben Christus präsentiert.[7] Ab dem 16. Jahrhundert ist Maria dann zum Symbol des katholischen Glaubens geworden und die Marienanbetung erfuhr einen neuen Aufschwung.[8] In diesem Rahmen kam deshalb der neue Bildtypus der Maria Immaculata auf, der sich daraufhin in allen katholischen Ländern Europas im Rahmen der Gegenreformation intensiv verbreitete (Abb. 9 und 11). Der Fokus lag hierbei auf der „unbefleckten Empfängnis“ Mariens. Schon 1439 legte das Konzil von Basel fest, dass Maria frei von der Erbsünde von ihrer Mutter Anna empfangen wurde. Sie ist also in jeder Hinsicht befreit von der Erbsünde – sie wurde von ihrer Mutter ohne Sünde empfangen und sie selbst hat Jesus Christus ohne Sünde empfangen.[9]
Abb. 7: Quarton, Schutzmantelmadonna, 1452
Maria Immaculata
Ab dem 15. Jahrhundert wurde der Fokus in der Marienverehrung immer mehr auf die „Jungfräulichkeit“ Marias gelegt. Deshalb sind auch in der Kunst vermehrt Symbole inkludiert worden, die sich darauf beziehen. In diesem Zeitraum kamen auch die Attribute des sogenannten „Apokalyptischen Weibes“ aus der Offenbarung des Johannes (Offb 12, 1-5) zur Darstellung Marias hinzu. Die Apokalyptische Frau ist laut der Bibel mit der Sonne bekleidet, trägt eine Krone aus zwölf Sternen und hat den Mond zu ihren Füßen. Sie wurde oft als Allegorie für die Kirche im Kampf gegen Sünden und Häresie[10] gesehen, weshalb man sie später dann als die Jungfrau Maria interpretiert hat. Deshalb trägt auch die Maria Immaculata oft eine Krone oder eine Gloriole auf ihrem Haupt und steht auf einer Mondsichel. Sie gilt dementsprechend als Königin des Himmels im katholischen Christentum.[11] Vielfach hat Maria Immaculata eine Erdkugel unter sich, die die Sünden der Welt symbolisiert. Zusätzlich zu Mondsichel und Erdkugel steht sie in den meisten Fällen auch auf einer Schlange. Die Schlange gilt hier als Symbol für den Teufel sowie den Apokalyptischen Drachen aus der Offenbarung des Johannes (Abb. 8).[12] Sie wird in der Bibel häufig erwähnt, wobei ihre Bedeutung stark variiert. Die Schlange zeichnet sich im Alten und Neuen Testament durch sehr widersprüchliche Eigenschaften aus. In Bezug auf den Sündenfall (Gen 3) gilt sie als listig, hinterhältig und klug. Das Tier symbolisiert alles Schlechte, die Sünde und den Tod. Es wurde aber erst später als Verkörperung des Teufels gedeutet, wobei der Teufel als Personifikation des Bösen im Alten Testament der Bibel ursprünglich nicht existiert.[13] Falls Sie mehr über die Schlange und ihre Rolle im Sündenfall, aber auch über ihre Bedeutung in anderen Religionen und Kulturen erfahren möchten, dann schauen Sie doch im Objekt des Monats Mai 2025 (LINK) vorbei!
Abb. 8: Dürer, Apokalyptische Frau, 1498
Sowohl das Christuskind als auch die Gottesmutter stehen in der christlichen Ikonographie oft triumphierend auf einer Schlange als Symbol dafür, dass sie das Unheil, die Erbsünde oder den Antichrist überwinden.[14] Hier liegt auch ein gewisser Fokus auf die Gegensätze zwischen Maria im Neuen Testament und Eva im Alten Testament. Eva lässt sich von der Schlange, dem Bösen, verführen und isst die Frucht der Erkenntnis. Maria wiederum zertritt der Schlange symbolisch den Kopf und besiegt somit das Böse. Maria wird durch die „unbefleckte Empfängnis“ als Befreierin der Menschheit von den Sünden verstanden. Im Rahmen der Gegenreformation gewinnt Maria Immaculata besonders stark an Popularität, weil sie als Siegerin über die Häresie und den Protestantismus verstanden wird. „Das Unheil“, das von ihr zertreten wird, ist in diesem Fall also die Reformation.[15]
Abb. 9: u.K., Maria Immaculata, um 1885
Der Kult um die „Jungfrau“ Maria
Marienrezeption ist kein Thema der Vergangenheit. Auch im 21. Jahrhundert spielt Maria in der einen oder anderen Form noch eine große Rolle im Christentum. Sie wird bis heute religiös verehrt wie keine andere Frau – immer allerdings mit dem Fokus, dass sie als „Jungfrau Maria“ angerufen wird. Laut der Kirchenlehre ist das größte Wunder, dass Maria zeitlebens Jungfrau gewesen sei – sowohl nach der Zeugung, als auch nach der Geburt Jesu. Spannend ist dabei allerdings, dass die Religionswissenschaft in keiner der Heiligen Schriften des Christentums, Judentums oder Islams eine Begründung für den Kult um Marias Jungfräulichkeit finden kann.[16] Der Fokus auf die „Unbeflecktheit“ Marias hat schon vor vielen Jahrhunderten seinen Weg in das christliche Glaubensbekenntnis gefunden. Dennoch hat das Thema bei Gläubigen wie Klerikern von Beginn an Fragen aufgeworfen: Wie kann es sein, dass eine Frau jungfräulich ein Kind von Gott empfängt? Und wieso ist dieser vermeintliche Tatbestand eigentlich so wichtig?[17]
Maria ist nicht die erste Frau, die jungfräulich ein Kind geboren haben soll. In der griechischen Mythologie kommt beispielsweise die Königstocher Danaë vor, die noch Jungfrau war, als Zeus sie in Form eines Goldregens schwängerte, während sie schlief. Auch im Mithraskult, der dem Christentum verdächtig ähnelt, spielt die Geburt des Mithras durch seine jungfräuliche Mutter eine Rolle. Mithras gilt als Lichtträger der Welt. Zu seiner Geburt kommen drei Hirten, die seine Ankunft bezeugen, ihn anbeten und ihm die Erstlinge ihrer Herden sowie Früchte ihres Ackers opfern – kommt Ihnen bekannt vor, nicht wahr? In der Antike galt die Geburt durch eine Jungfrau als Nachweis einer göttlichen Abstammung. Alexander der Große soll von einer Jungfrau geboren worden sein, genauso einige Pharaonen des Alten Ägyptens. Sogar die Mutter Buddhas war eine Jungfrau. Es ist also nur konsequent, dass auch der christliche Messias von einer Jungfrau geboren wurde.[18]
Abb. 10: Marienstatue aus Frankreich, Detail
Der Glaube an die Jungfräulichkeit Marias betrifft – im Vergleich zu den anderen jungfräulichen Müttern – allerdings nicht nur die Empfängnis von Jesus Christus, die nicht durch einen menschlichen Erzeuger, sondern durch den Heiligen Geist verursacht wurde. Maria soll ihren Sohn auch zur Welt gebracht haben, ohne ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Und zuletzt soll Maria auch nach Christi Geburt ihr gesamtes Leben lang Jungfrau geblieben sein – sie ist laut dem christlichen Glauben also mit ihrem Ehemann Josef nie intim geworden oder hat mit ihm weitere Kinder gezeugt. Die Betonung der „unbefleckten Empfängnis“ macht retrospektive durchaus Sinn, um etwaige Zweifel zu eliminieren, dass Jesus Christus das leibliche Kind von Josef gewesen sein könnte. Viel spannender ist dabei jedoch, dass Maria laut den spätmittelalterlichen Kirchenkonzilien bis an ihr Lebensende Jungfrau bleibt – und das, obwohl in der Bibel erwähnt wird, dass Jesus Geschwister hatte (Mk 6, 3 und Mt 13, 55-56). Die Bibel beinhaltet also Informationen, die von den Klerikern im Nachhinein anders gedeutet wurden. Ab der Neuzeit – einhergehend mit neuen Erkenntnissen im medizinischen und biologischen Bereich – kam noch der Einwand dazu, dass menschliches Leben nicht ohne Zeugungsakt entstehen könne.[19]
In der Theologie geht man heute weitgehend davon aus, dass die „Jungfrau“ Maria sowieso auf einem von vielen Übersetzungsfehlern der Bibel basiert. Der Glaube an Marias Jungfräulichkeit wird auf das Buch Jesaja des Alten Testaments zurückgeführt. Dort steht geschrieben, dass der Messias des jüdischen Volkes von einer Jungfrau geboren wird – das dafür verwendete hebräische Wort alma bedeutet allerdings „junge Frau“, nicht unbedingt „Jungfrau“, wie wir es heute verstehen. Es bezieht sich auf den Heiratsstatus der Frau, nicht ihre sexuellen Erfahrungen. Im Neuen Testament wird Marias Jungfräulichkeit nur von den Evangelisten Lukas und Matthäus thematisiert, nicht jedoch bei Markus und Johannes.[20] Wenn die Bibel das Wort „Jungfrau“ verwendet, dann bezieht sie sich auf eine unverheiratete junge Frau bzw. ein Mädchen. Dieser Begriff war in der Antike viel wertfreier als späterhin. Vom Mittelalter an bis heute wird weibliche Jungfräulichkeit in vielen Kulturen und Religionen mit Reinheit gleichgesetzt. Manchmal ist Jungfräulichkeit auch eine rein technische Definition, die darauf hinweist, dass das „Jungfernhäutchen“ noch intakt sein sollte, ganz unabhängig davon, welche sexuellen Akte sonst vollzogen wurden.[21]
Abb. 11: Altomonte, Maria Immaculata, 1726
Marienrezeption heute
Maria wurde spätestens im Hochmittelalter zum Vorbild für alle Frauen idealisiert: gehorsam, keusch, pflichtbewusst, devot und rein – und selbstverständlich jungfräulich. Dieses patriarchal geprägte Rollenmodell beeinflusste fast 2000 Jahre lang die abendländische Gesellschaft.[22] Sexualität wurde mit Scham verbunden, sie galt als unrein, schmutzig und sündenbehaftet – zumindest laut den katholischen Kirchenvätern. Frauen verloren ihren Wert, sobald sie sexuell aktiv waren.[23] Sie wurden Dank dem Sündenfall als die Verführerinnen schlechthin interpretiert. Marias vermeintliche Jungfrauengeburt hat es Christinnen über Jahrhunderte schwer gemacht, denn weibliche Sexualität wurde im Vergleich zur männlichen durch die Kirche besonders abstrahiert und negativ konnotiert.[24] Keuschheit und Monogamie sowie eine Abwertung von Sexualität sind bis heute Grundsätze des christlichen Glaubens. Der einzige Grund, warum sexuelle Kontakte nicht ganz verpönt sind, ist die Notwendigkeit der Zeugung von Kindern.[25] Die Erwartung, dass eine Braut unberührt in die Ehe geht, hatte in der Vergangenheit allerdings nicht unbedingt moralische Gründe. In Zeiten ohne Vaterschaftstests war es in einer patriarchalen Gesellschaft, in der Name, gesellschaftlicher Status und Erbe über die Linie des Vaters weitergegeben wurden, die einzige Möglichkeit um die Rechtmäßigkeit der Nachkommen des Mannes zu sichern.[26] Speziell von Frauen wird bis heute in einigen Kulturkreisen verlangt, ohne vorherigen Geschlechtsverkehr in die Ehe zu gehen.[27] Gerade im Christentum gibt es noch immer rigide Keuschheitsbewegungen, vor allem in den USA. In einer aufgeklärten und modernen Gesellschaft ist es allerdings sehr fragwürdig, den Wert einer Frau an ihren sexuellen Erfahrungen zu messen oder Jungfräulichkeit als Druckmittel wie als Einschränkung zu verwenden.[28]
Auch laut der Gynäkologie ist Jungfräulichkeit – gemessen am mystischen Jungfernhäutchen – ein völlig absurdes Konzept. Es gibt faktisch gesehen keine Haut, die das weibliche Geschlechtsorgan verschließt und erst beim Geschlechtsverkehr reißt. Wo die Vulva und die Vagina aufeinandertreffen, befindet sich tatsächlich ein Gewebekranz aus Schleimhaut, das sogenannte Hymen, das nicht durch den Geschlechtsakt verändert oder zerstört werden kann. Jede Vagina beginnt mit einem Hymen, ganz unabhängig von Geburten, dem Alter oder der Jungfräulichkeit ihrer Besitzerin.[29]
Ob Sie nun aber an Marias Jungfräulichkeit glauben möchten oder nicht, bleibt selbstverständlich Ihnen selbst überlassen. Dennoch wünschen wir Ihnen eine schöne Vorweihnachtszeit, ein besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Start ins Jahr 2026!
Objekt des Monats Dezember 2025
Maria Immaculata
und der Mythos von der „unbefleckten Empfängnis“
Beim Objekt des Monats Dezember 2025 handelt es sich, passend zum nahenden Weihnachtsfest, an dem Christi Geburt durch die Jungfrau Maria zelebriert wird, um eine gusseiserne Marienstatue aus dem späten 19. Jahrhundert. Über ihren ursprünglichen Standort sind keine Informationen vorhanden, wobei sie möglicherweise für eine Kirche geschaffen worden sein könnte. Marienbildtypen gibt es unzählige aus unterschiedlichen Epochen und Kulturen. Sie ist wohl die populärste Heilige des Christentums, wobei sie nicht nur als Maria Muttergottes, sondern vor allem auch als Jungfrau Maria verehrt wird. Wenn Sie mehr über Marienbildnisse, Marienverehrung und Marias Jungfräulichkeit erfahren möchten, dann sind Sie hier genau richtig!
Das Objekt
Inventarnummer: 3062
Standort: 2. Stock, zwischen christlichen Statuetten und gusseisernen Öfen
Maße: 125,5 x 43 x 26 cm (ohne Steinsockel)
Datierung: 1890er Jahre, wahrscheinlich 1894
Herkunft: Gießerei Denonvilliers, Frankreich
Diese gusseiserne Marienstatue wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich gegossen, vermutlich im Jahr 1894. In diesem Jahr wurde eine fast idente Statue im Katalog der Gießerei Denonvilliers veröffentlicht (Abb. 6). Der Bildtypus entspricht den Darstellungen der sogenannten Maria Immaculata, auch Immaculata Conceptio genannt. Dieser Bildtypus erlangte ab dem Barock Popularität.[1]
Maria ist hier stehend, mit dem Blick nach unten gerichtet und ohne Jesuskind abgebildet. Sie trägt eine Krone auf ihrem Haupt und darunter einen Schleier, aus dem Strähnen ihrer gewellten Haare hervortreten und ihr über die Schultern fallen. Ihr Gesicht ist stilisiert und glatt. Ihr Gewand besteht aus einem langen Mantel, der mit einer Brosche über der Brust zusammengehalten wird, und einem hochgeschlossenen Kleid, das bis über ihre nackten Füße hinunterreicht. Die Kleidung ist nicht körperbetont, sondern legt sich in fließenden Falten über die Figur. Marias geöffnete Arme und nach außen gedrehte Handflächen gelten als Gestus der Gnade. Sie steht auf einer Erdkugel und einer Mondsichel, mit ihren Füßen tritt sie auf eine Schlange – erst dadurch zeichnet sie sich spezifisch als Maria Immaculata aus. Unter der Erdkugel befindet sich ein achteckiger Sockel, auf dessen Vorderseite ein Monogramm der Buchstaben A und M angebracht wurde (Abb. 2). Im Zusammenhang mit der Marienstatue wird dieses Monogramm oft als „Ave Maria“ interpretiert, wobei es sich in Wahrheit um „Auspice Maria“, also eine Bitte um den Schutz durch Maria handelt. Die gusseiserne Statue befindet sich auf einem steinernen Sockel und besteht sonst gänzlich aus Eisen. Bis auf die separat gegossene Krone wurde die gesamte Statue aus einem Guss gefertigt.
Die Gießerei Denonvilliers
Die Gießerei Denonvilliers & Sohn befand sich im 19. Jahrhundert in der Gemeinde Sermaize-les-Bains im Nordosten Frankreichs. Die Gießerei wurde schon 1838 gegründet, um lokales Eisenerz in Exportprodukte zu verarbeiten. Durch Schwierigkeiten in der Produktion wurde sie allerdings wieder geschlossen und erst 1871 unter der Leitung des namensgebenden Claude Léon Denonvilliers (1816-1885) wieder eröffnet.
Denonvilliers begann seine Karriere 1843 als Eisenhändler, nachdem er von seiner Tante ein Geschäftslokal in Paris geerbt hatte. Erst 1870 gründete er mit seinem Sohn Maurice Denonvilliers (1848-1907) und Geschäftspartner Victor Célestin Saleur die Firma Denonvilliers & Sohn & Saleur. Diese Firma übernahm erst eine Gießerei in der Gemeinde Osne-le-Val, in der unter anderem Bronze und Blei verarbeitet wurden. Im selben Jahr wurde dann aber auch die schon bestehende Gießerei in Sermaize-les-Bains angekauft. Saleur verließ das Unternehmen 1877, um selbstständig eine Gießerei zu betreiben. So wurde der Betrieb in Denonvilliers & Sohn umbenannt. Die Bronze- und Eisengießerei wurde sehr erfolgreich, sowohl in der industriellen Herstellung von Bau- und Maschinenteilen, als auch im Kunstguss. Beispielsweise beteiligte sie sich an der prachtvollen Dekoration der Weltausstellung von 1878 in Paris, in dem sie zwei der sechs extra dafür gefertigten Kontinentalstatuen aus Gusseisen herstellte. Bei den Statuen handelte es sich um die Figuren L’Asie von Alexandre Falguiére (1831-1900) und L’Amerique du Sud von Aimé Millet (1819-1891) – die Allegorien Asiens und Südamerikas, verkörpert durch zwei Frauenfiguren, die ursprünglich am Pariser Trocadéro-Platz standen (Abb. 4 und Abb. 5). Heute befinden sie sich gemeinsam mit den anderen vier dazugehörigen Statuen – Europa, Afrika, Nordamerika und Ozeanien – am Vorplatz des Musèe d’Orsay in Paris. Maurice Denonvilliers übernahm nach dem Tod seines Vaters allein die Gießerei. Der gute Ruf der Firma wurde in den folgenden Jahren weiter gefestigt. Im Jahr 1888 gewann Denonvilliers die Goldmedaille bei einer Vatikanischen Ausstellung, wobei sich drei seiner Denkmäler bis heute in den Gärten des Vatikans befinden. Erwähnenswert ist auch das Denkmal für den Marquis de Lafayette, das 1889 gefertigt wurde und sich bis heute in Washington D.C. befindet. Denonvilliers erweiterte das bisher schon umfangreiche Sortiment seiner Gießerei um sakrale und profane Modelle von diversen Bildhauern und Ateliers. Besonders beim Klerus waren seine Werke beliebt, unter anderem auch, weil er sehr engagiert im sozialen Katholizismus war. Dennoch wurde die Firma Denonvilliers 1896 aufgekauft, weshalb Maurice nur noch die künstlerische Leitung innehatte. Den Standort Sermaize-les-Bains, in dem wohl die hier thematisierte Marienstatue geschaffen wurde, hat man im Jahr 1897 geschlossen.[2]
Maria von Nazareth in der Bibel und der Kunst
Bei den Evangelisten des Neuen Testaments wird Maria von Nazareth als Mutter des Messias nicht oft erwähnt. Matthäus schreibt nur im Rahmen der Geburt Christi über sie (Mt 1, 18-25). Markus erwähnt sie als Mutter Jesu nur beiläufig (Mk 6, 3). Nur Lukas schreibt besonders ausführlich über Maria (Lk 1-2). Laut ihm war sie mit Joseph verheiratet und hatte mehrere Kinder mit ihm. Die ausführliche Beschreibung des Marienlebens stammt tatsächlich nicht aus der Bibel, sondern aus dem apokryphen Protoevangelium des Jakobus aus dem zweiten Jahrhundert n. Chr. Obwohl sie kaum in der Bibel Erwähnung fand, war Marias Rolle im christlichen Glauben von Anfang an größer, als die anderer Heiliger. Sie durfte autonom verehrt werden, wodurch ihre Anbetung sich sehr weit verbreitete.[3]
Maria ist die am häufigsten dargestellte Person der christlichen Kunst – sie wird öfter abgebildet als Christus selbst oder jegliche andere Heiligenfiguren. Sie tritt ab dem dritten nachchristlichen Jahrhundert in der bildenden Kunst auf, manchmal mit Kind, oft aber auch ohne. Dementsprechend gibt es zahlreiche Bildtypen, durch die Maria verkörpert werden kann, die sich oft auch in ihren Bedeutungen unterscheiden. Die thronende Gottesmutter, Maria lactans (die stillende Maria), die betende Maria, Maria als Königin, die Schutzmantelmadonna (Abb. 7) oder Maria mit Christus auf dem Arm sind nur einige Optionen. Der hier gezeigte Typus der Maria Immaculata ist im Barock aufgekommen und hängt deshalb stark mit der Zeit der Gegenreformation und der Wiedererstarkung des katholischen Christentums zusammen.[4]
Im Jahr 431 wurde Maria beim Konzil von Ephesos als Gottesgebärerin anerkannt, wodurch der Kult um ihre Person sich auszubreiten begann.[5] Im Frühchristentum hat man sie primär im Rahmen der Geburt Jesu sowie des Lebens Jesu abgebildet, nicht als autonome Figur. Besonders oft wurde sie in dieser Zeit thronend mit dem Christuskind am Schoß dargestellt. Schon in der Spätantike gab es die ersten Kirchen, die spezifisch Maria geweiht waren, beispielsweise Santa Maria Maggiore in Rom. Sie wurde zu einer Hauptperson des Christentums und rückte über die Jahrhunderte immer mehr in den Fokus – sowohl im Glauben, als auch in der Kunst.[6] In frühen Abbildungen war Marias Haar gänzlich unter einem Kopftuch verborgen. Im Laufe des Mittelalters hat man sie dann vermehrt mit einer Krone und offenem, gewelltem Haar gezeigt – in den meisten Fällen blond. Wie historisch akkurat es ist, dass eine Frau aus Palästina weiße Haut und blonde Haare hatte, soll nicht unbedingt Teil dieses Beitrags sein. Im Spätmittelalter rückte der Fokus dann wieder mehr auf Marias Rolle als Mutter und sie wurde häufiger mit dem Jesuskind abgebildet. Ab dem 12. Jahrhundert begann man sie auch als Vermittlerin zwischen Gott und den Menschen sowie Fürsprecherin der Menschen zu verehren, wodurch beispielsweise der Typus der Schutzmantelmadonna aufkam. In der Bildsprache wurde Maria oft gleichberechtigt neben Christus präsentiert.[7] Ab dem 16. Jahrhundert ist Maria dann zum Symbol des katholischen Glaubens geworden und die Marienanbetung erfuhr einen neuen Aufschwung.[8] In diesem Rahmen kam deshalb der neue Bildtypus der Maria Immaculata auf, der sich daraufhin in allen katholischen Ländern Europas im Rahmen der Gegenreformation intensiv verbreitete (Abb. 9 und 11). Der Fokus lag hierbei auf der „unbefleckten Empfängnis“ Mariens. Schon 1439 legte das Konzil von Basel fest, dass Maria frei von der Erbsünde von ihrer Mutter Anna empfangen wurde. Sie ist also in jeder Hinsicht befreit von der Erbsünde – sie wurde von ihrer Mutter ohne Sünde empfangen und sie selbst hat Jesus Christus ohne Sünde empfangen.[9]
Maria Immaculata
Ab dem 15. Jahrhundert wurde der Fokus in der Marienverehrung immer mehr auf die „Jungfräulichkeit“ Marias gelegt. Deshalb sind auch in der Kunst vermehrt Symbole inkludiert worden, die sich darauf beziehen. In diesem Zeitraum kamen auch die Attribute des sogenannten „Apokalyptischen Weibes“ aus der Offenbarung des Johannes (Offb 12, 1-5) zur Darstellung Marias hinzu. Die Apokalyptische Frau ist laut der Bibel mit der Sonne bekleidet, trägt eine Krone aus zwölf Sternen und hat den Mond zu ihren Füßen. Sie wurde oft als Allegorie für die Kirche im Kampf gegen Sünden und Häresie[10] gesehen, weshalb man sie später dann als die Jungfrau Maria interpretiert hat. Deshalb trägt auch die Maria Immaculata oft eine Krone oder eine Gloriole auf ihrem Haupt und steht auf einer Mondsichel. Sie gilt dementsprechend als Königin des Himmels im katholischen Christentum.[11] Vielfach hat Maria Immaculata eine Erdkugel unter sich, die die Sünden der Welt symbolisiert. Zusätzlich zu Mondsichel und Erdkugel steht sie in den meisten Fällen auch auf einer Schlange. Die Schlange gilt hier als Symbol für den Teufel sowie den Apokalyptischen Drachen aus der Offenbarung des Johannes (Abb. 8).[12] Sie wird in der Bibel häufig erwähnt, wobei ihre Bedeutung stark variiert. Die Schlange zeichnet sich im Alten und Neuen Testament durch sehr widersprüchliche Eigenschaften aus. In Bezug auf den Sündenfall (Gen 3) gilt sie als listig, hinterhältig und klug. Das Tier symbolisiert alles Schlechte, die Sünde und den Tod. Es wurde aber erst später als Verkörperung des Teufels gedeutet, wobei der Teufel als Personifikation des Bösen im Alten Testament der Bibel ursprünglich nicht existiert.[13] Falls Sie mehr über die Schlange und ihre Rolle im Sündenfall, aber auch über ihre Bedeutung in anderen Religionen und Kulturen erfahren möchten, dann schauen Sie doch im Objekt des Monats Mai 2025 (LINK) vorbei!
Sowohl das Christuskind als auch die Gottesmutter stehen in der christlichen Ikonographie oft triumphierend auf einer Schlange als Symbol dafür, dass sie das Unheil, die Erbsünde oder den Antichrist überwinden.[14] Hier liegt auch ein gewisser Fokus auf die Gegensätze zwischen Maria im Neuen Testament und Eva im Alten Testament. Eva lässt sich von der Schlange, dem Bösen, verführen und isst die Frucht der Erkenntnis. Maria wiederum zertritt der Schlange symbolisch den Kopf und besiegt somit das Böse. Maria wird durch die „unbefleckte Empfängnis“ als Befreierin der Menschheit von den Sünden verstanden. Im Rahmen der Gegenreformation gewinnt Maria Immaculata besonders stark an Popularität, weil sie als Siegerin über die Häresie und den Protestantismus verstanden wird. „Das Unheil“, das von ihr zertreten wird, ist in diesem Fall also die Reformation.[15]
Der Kult um die „Jungfrau“ Maria
Marienrezeption ist kein Thema der Vergangenheit. Auch im 21. Jahrhundert spielt Maria in der einen oder anderen Form noch eine große Rolle im Christentum. Sie wird bis heute religiös verehrt wie keine andere Frau – immer allerdings mit dem Fokus, dass sie als „Jungfrau Maria“ angerufen wird. Laut der Kirchenlehre ist das größte Wunder, dass Maria zeitlebens Jungfrau gewesen sei – sowohl nach der Zeugung, als auch nach der Geburt Jesu. Spannend ist dabei allerdings, dass die Religionswissenschaft in keiner der Heiligen Schriften des Christentums, Judentums oder Islams eine Begründung für den Kult um Marias Jungfräulichkeit finden kann.[16] Der Fokus auf die „Unbeflecktheit“ Marias hat schon vor vielen Jahrhunderten seinen Weg in das christliche Glaubensbekenntnis gefunden. Dennoch hat das Thema bei Gläubigen wie Klerikern von Beginn an Fragen aufgeworfen: Wie kann es sein, dass eine Frau jungfräulich ein Kind von Gott empfängt? Und wieso ist dieser vermeintliche Tatbestand eigentlich so wichtig?[17]
Maria ist nicht die erste Frau, die jungfräulich ein Kind geboren haben soll. In der griechischen Mythologie kommt beispielsweise die Königstocher Danaë vor, die noch Jungfrau war, als Zeus sie in Form eines Goldregens schwängerte, während sie schlief. Auch im Mithraskult, der dem Christentum verdächtig ähnelt, spielt die Geburt des Mithras durch seine jungfräuliche Mutter eine Rolle. Mithras gilt als Lichtträger der Welt. Zu seiner Geburt kommen drei Hirten, die seine Ankunft bezeugen, ihn anbeten und ihm die Erstlinge ihrer Herden sowie Früchte ihres Ackers opfern – kommt Ihnen bekannt vor, nicht wahr? In der Antike galt die Geburt durch eine Jungfrau als Nachweis einer göttlichen Abstammung. Alexander der Große soll von einer Jungfrau geboren worden sein, genauso einige Pharaonen des Alten Ägyptens. Sogar die Mutter Buddhas war eine Jungfrau. Es ist also nur konsequent, dass auch der christliche Messias von einer Jungfrau geboren wurde.[18]
Der Glaube an die Jungfräulichkeit Marias betrifft – im Vergleich zu den anderen jungfräulichen Müttern – allerdings nicht nur die Empfängnis von Jesus Christus, die nicht durch einen menschlichen Erzeuger, sondern durch den Heiligen Geist verursacht wurde. Maria soll ihren Sohn auch zur Welt gebracht haben, ohne ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Und zuletzt soll Maria auch nach Christi Geburt ihr gesamtes Leben lang Jungfrau geblieben sein – sie ist laut dem christlichen Glauben also mit ihrem Ehemann Josef nie intim geworden oder hat mit ihm weitere Kinder gezeugt. Die Betonung der „unbefleckten Empfängnis“ macht retrospektive durchaus Sinn, um etwaige Zweifel zu eliminieren, dass Jesus Christus das leibliche Kind von Josef gewesen sein könnte. Viel spannender ist dabei jedoch, dass Maria laut den spätmittelalterlichen Kirchenkonzilien bis an ihr Lebensende Jungfrau bleibt – und das, obwohl in der Bibel erwähnt wird, dass Jesus Geschwister hatte (Mk 6, 3 und Mt 13, 55-56). Die Bibel beinhaltet also Informationen, die von den Klerikern im Nachhinein anders gedeutet wurden. Ab der Neuzeit – einhergehend mit neuen Erkenntnissen im medizinischen und biologischen Bereich – kam noch der Einwand dazu, dass menschliches Leben nicht ohne Zeugungsakt entstehen könne.[19]
In der Theologie geht man heute weitgehend davon aus, dass die „Jungfrau“ Maria sowieso auf einem von vielen Übersetzungsfehlern der Bibel basiert. Der Glaube an Marias Jungfräulichkeit wird auf das Buch Jesaja des Alten Testaments zurückgeführt. Dort steht geschrieben, dass der Messias des jüdischen Volkes von einer Jungfrau geboren wird – das dafür verwendete hebräische Wort alma bedeutet allerdings „junge Frau“, nicht unbedingt „Jungfrau“, wie wir es heute verstehen. Es bezieht sich auf den Heiratsstatus der Frau, nicht ihre sexuellen Erfahrungen. Im Neuen Testament wird Marias Jungfräulichkeit nur von den Evangelisten Lukas und Matthäus thematisiert, nicht jedoch bei Markus und Johannes.[20] Wenn die Bibel das Wort „Jungfrau“ verwendet, dann bezieht sie sich auf eine unverheiratete junge Frau bzw. ein Mädchen. Dieser Begriff war in der Antike viel wertfreier als späterhin. Vom Mittelalter an bis heute wird weibliche Jungfräulichkeit in vielen Kulturen und Religionen mit Reinheit gleichgesetzt. Manchmal ist Jungfräulichkeit auch eine rein technische Definition, die darauf hinweist, dass das „Jungfernhäutchen“ noch intakt sein sollte, ganz unabhängig davon, welche sexuellen Akte sonst vollzogen wurden.[21]
Marienrezeption heute
Maria wurde spätestens im Hochmittelalter zum Vorbild für alle Frauen idealisiert: gehorsam, keusch, pflichtbewusst, devot und rein – und selbstverständlich jungfräulich. Dieses patriarchal geprägte Rollenmodell beeinflusste fast 2000 Jahre lang die abendländische Gesellschaft.[22] Sexualität wurde mit Scham verbunden, sie galt als unrein, schmutzig und sündenbehaftet – zumindest laut den katholischen Kirchenvätern. Frauen verloren ihren Wert, sobald sie sexuell aktiv waren.[23] Sie wurden Dank dem Sündenfall als die Verführerinnen schlechthin interpretiert. Marias vermeintliche Jungfrauengeburt hat es Christinnen über Jahrhunderte schwer gemacht, denn weibliche Sexualität wurde im Vergleich zur männlichen durch die Kirche besonders abstrahiert und negativ konnotiert.[24] Keuschheit und Monogamie sowie eine Abwertung von Sexualität sind bis heute Grundsätze des christlichen Glaubens. Der einzige Grund, warum sexuelle Kontakte nicht ganz verpönt sind, ist die Notwendigkeit der Zeugung von Kindern.[25] Die Erwartung, dass eine Braut unberührt in die Ehe geht, hatte in der Vergangenheit allerdings nicht unbedingt moralische Gründe. In Zeiten ohne Vaterschaftstests war es in einer patriarchalen Gesellschaft, in der Name, gesellschaftlicher Status und Erbe über die Linie des Vaters weitergegeben wurden, die einzige Möglichkeit um die Rechtmäßigkeit der Nachkommen des Mannes zu sichern.[26] Speziell von Frauen wird bis heute in einigen Kulturkreisen verlangt, ohne vorherigen Geschlechtsverkehr in die Ehe zu gehen.[27] Gerade im Christentum gibt es noch immer rigide Keuschheitsbewegungen, vor allem in den USA. In einer aufgeklärten und modernen Gesellschaft ist es allerdings sehr fragwürdig, den Wert einer Frau an ihren sexuellen Erfahrungen zu messen oder Jungfräulichkeit als Druckmittel wie als Einschränkung zu verwenden.[28]
Auch laut der Gynäkologie ist Jungfräulichkeit – gemessen am mystischen Jungfernhäutchen – ein völlig absurdes Konzept. Es gibt faktisch gesehen keine Haut, die das weibliche Geschlechtsorgan verschließt und erst beim Geschlechtsverkehr reißt. Wo die Vulva und die Vagina aufeinandertreffen, befindet sich tatsächlich ein Gewebekranz aus Schleimhaut, das sogenannte Hymen, das nicht durch den Geschlechtsakt verändert oder zerstört werden kann. Jede Vagina beginnt mit einem Hymen, ganz unabhängig von Geburten, dem Alter oder der Jungfräulichkeit ihrer Besitzerin.[29]
Ob Sie nun aber an Marias Jungfräulichkeit glauben möchten oder nicht, bleibt selbstverständlich Ihnen selbst überlassen. Dennoch wünschen wir Ihnen eine schöne Vorweihnachtszeit, ein besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Start ins Jahr 2026!
Text: Laura Müller, BA BA BA
Literatur und Onlinequellen
Brand, Fabian: Was ist dran an der „unversehrten Jungfräulichkeit“ Mariens? In: Katholisch.de – Das Nachrichtenportal der katholischen Kirche in Deutschland. https://www.katholisch.de/artikel/29214-was-ist-dran-an-der-unversehrten-jungfraeulichkeit-mariens, 25.03.2021 (Zugriff 07.03.2025).
Braunfels, Wolfgang: Maria, Marienbild (Vorbemerkungen zum Thema). In: Kirschbaum, Engelbert (Hg.): Lexikon der christlichen Ikonographie 3. Allgemeine Ikonographie L-R. Darmstadt 2015, Sp. 154-210.
Demmelhuber, Simon: Eine Kulturgeschichte der weiblichen Keuschheit. In: Bayern 2 – Der kultur- und gesellschaftsorientierte Radiosender. https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/ethik-und-philosophie/jungfrau-mythos-hintergrund-100.html, 22.07.2019 (Zugriff 03.03.2025).
Fournée, Jean: Immaculata Conceptio. In: Kirschbaum, Engelbert (Hg.): Lexikon der christlichen Ikonographie 2. Allgemeine Ikonographie F-K. Darmstadt 2015, Sp. 338-344.
Kemp, Wolfgang: Schlange, Schlangen. In: Kirschbaum, Engelbert (Hg.): Lexikon der christlichen Ikonographie 4. Allgemeine Ikonographie S-Z. Darmstadt 2015, Sp. 75-81.
Lechner, Martin: Maria, Marienbild (Das Marienbild des Barock). In: Kirschbaum, Engelbert (Hg.): Lexikon der christlichen Ikonographie 3. Allgemeine Ikonographie L-R. Darmstadt 2015, Sp. 154-210.
Neumeier, Andrea: Die Jungfrau Maria – Übersetzungsfehler oder nur Symbol? In: BR24 – Nachrichtensender des Bayerischen Rundfunks. https://www.br.de/nachrichten/kultur/jungfrau-maria-uebersetzungsfehler-oder-nur-symbol-in-der-bibel,TyKLsGg, 15.12.2023 (Zugriff 05.03.2025).
Patricia (Nachname unbekannt): Fonderies Denonvilliers. In: e-monumen.net. https://e-monumen.net/patrimoine-monumental/fonderies-denonvilliers/, 16.08.2015 (Zugriff 06.11.2025).
Poeschel, Sabine: Handbuch der Ikonographie. Sakrale und profane Themen der bildenden Kunst. Darmstadt 2005.
Wellen, Gerhard A.: Maria, Marienbild (Das Marienbild in der frühchristlichen Kunst). In: Kirschbaum, Engelbert (Hg.): Lexikon der christlichen Ikonographie 3. Allgemeine Ikonographie L-R. Darmstadt 2015, Sp. 154-210.
Abbildungen
Abb. 1, 2 und 10: Marienstatue aus Gusseisen der Gießerei Denonvilliers, vmtl. 1894 © Schell Collection, Graz.
Abb. 3: Wappen des Redemptoristenordens mit Marienmonogramm, Buchillustration aus Meyers Großes Konversationslexikon, 1905 © Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Redemptoristenwappen.jpg.
Abb. 4: Alexandre Falguière, Statue L’Asie aus Gusseisen der Gießerei Denonvilliers, 1877, Musée d’Orsay (Frankreich) © Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Asie_Falgui%C3%A8re_Orsay_RF3747.jpg.
Abb. 5: Aimé Millet, Statue Amérique du Sud aus Gusseisen der Gießerei Denonvilliers, 1877, Musée d’Orsay (Frankreich) © Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Am%C3%A9rique_du_Sud_Aim%C3%A9_Millet_Mus%C3%A9e_d%27Orsay_RF_3749.jpg.
Abb. 6: Katalog der Gießerei Denonvilliers mit Abbildung einer fast identen Statue der Maria Immaculata (Vierge Immaculée) sowie einer Marienstatue im Typ Unserer Lieben Frau von Lourdes (Notre-Dame de Lourdes), 1894 © e-monumen.net https://e-monumen.net/patrimoine-monumental/deno_1894_pl325-statues-religieuses/.
Abb. 7: Enguerrand Quarton, Schutzmantelmadonna der Familie Cadard, Tempera auf Holz, 1452, Musée Condé (Frankreich) © Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Vierge_de_mis%C3%A9ricorde_-_Enguerrand_Quarton_-_Mus%C3%A9e_Cond%C3%A9.jpg.
Abb. 8: Albrecht Dürer, Die Apokalyptische Frau, Holzschnitt, 1498 © Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:De_apocalyptische_vrouw_en_de_zevenkoppige_draak,_RP-P-OB-1388.jpg.
Abb. 9: Unbekannter Künstler, Maria Immaculata, Öl auf Holz, um 1885, Stadtmuseum Wadern (Deutschland) © Museen im Saarland https://saarland.digicult-museen.net/objekte/9079.
Abb. 11: Martino Altomonte, Maria Immaculata, vmtl. Öl auf Holz, 1726, Stiftskirche Admont (Österreich) © Gerhard Trumler https://austria-forum.org/af/Bilder_und_Videos/Historische_Bilder_IMAGNO/Altomonte%2C_Martino/00429934.
Abb. 12: Esther Strauß, Skultpur crowning, bemaltes Lindenholz, 2024, Linzer Dom (Österreich) © Esther Strauß https://www.dioezese-linz.at/institution/418409/100jahremariendom/donnastage/article/271706.html&ts=1763121211135.
[1] Lechner, 2015, Sp. 199.
[2] Patricia, 2015, https://e-monumen.net/patrimoine-monumental/fonderies-denonvilliers/.
[3] Poeschel, 2005, S.116.
[4] Braunfels, 2015, Sp. 155.
[5] Poeschel, 2005, S.116.
[6] Wellen, 2015, Sp. 156f.
[7] Poeschel, 2005, S.116f.
[8] Lechner, 2015, Sp. 199.
[9] Poeschel, 2005, S.119.
[10] Häresie = von der christlichen Kirche nicht anerkannte Interpretation oder Lehre, die vom akzeptierten Kanon abweicht.
[11] Fournée, 2015, Sp. 340f.
[12] Ebda., Sp. 342.
[13] Kemp, 2015, Sp. 75.
[14] Ebda., Sp. 77 u. 79.
[15] Fournée, 2015, Sp.342f.
[16] Neumeier, 2023, https://www.br.de/nachrichten/kultur/jungfrau-maria-uebersetzungsfehler-oder-nur-symbol-in-der-bibel,TyKLsGg.
[17] Brand, 2021, https://www.katholisch.de/artikel/29214-was-ist-dran-an-der-unversehrten-jungfraeulichkeit-mariens.
[18] Neumeier, 2023, https://www.br.de/nachrichten/kultur/jungfrau-maria-uebersetzungsfehler-oder-nur-symbol-in-der-bibel,TyKLsGg.
[19] Brand, 2021, https://www.katholisch.de/artikel/29214-was-ist-dran-an-der-unversehrten-jungfraeulichkeit-mariens.
[20] Neumeier, 2023, https://www.br.de/nachrichten/kultur/jungfrau-maria-uebersetzungsfehler-oder-nur-symbol-in-der-bibel,TyKLsGg.
[21] Brand, 2021, https://www.katholisch.de/artikel/29214-was-ist-dran-an-der-unversehrten-jungfraeulichkeit-mariens.
[22] Demmelhuber, 2019, https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/ethik-und-philosophie/jungfrau-mythos-hintergrund-100.html .
[23] Neumeier, 2023, https://www.br.de/nachrichten/kultur/jungfrau-maria-uebersetzungsfehler-oder-nur-symbol-in-der-bibel,TyKLsGg.
[24] Ebda., vgl. zu Müller, Laura: Objekt des Monats Mai 2025. Adam und Eva. In: Objekt des Monats, Schell Collection. https://www.schell-collection.com/objekt-des-monats/objekt-des-monats-mai-2025/.
[25] Brand, 2021, https://www.katholisch.de/artikel/29214-was-ist-dran-an-der-unversehrten-jungfraeulichkeit-mariens.
[26] Demmelhuber, 2019, https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/ethik-und-philosophie/jungfrau-mythos-hintergrund-100.html.
[27] Neumeier, 2023, https://www.br.de/nachrichten/kultur/jungfrau-maria-uebersetzungsfehler-oder-nur-symbol-in-der-bibel,TyKLsGg.
[28] Demmelhuber, 2019, https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/ethik-und-philosophie/jungfrau-mythos-hintergrund-100.html.
[29] Ebda., vgl. Neumeier, 2023, https://www.br.de/nachrichten/kultur/jungfrau-maria-uebersetzungsfehler-oder-nur-symbol-in-der-bibel,TyKLsGg.